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Historisches Denken im modernen Südasien (1786 bis heute)

Michael Gottlob (Hg.)
Historisches Denken im modernen Südasien (1786 bis heute)
476 Seiten
ISBN 978-3-934157-23-1

Die Buchausgabe (34,90 Euro) ist vergriffen.

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Geschichtsdenken der Kulturen - Eine kommentierte Dokumentation
Hg. von Jörn Rüsen und Sebastian Manhart
Acht Bände
Südasien - Von den Anfängen bis zur Gegenwart (Bd. I bis III)
Band III: Historisches Denken im modernen Südasien (1786 bis heute)

n diesem Band werden Texte zum historischen Denken in Indien und Südasien seit dem Ende des 18. Jahrhunderts dokumentiert. Im Zentrum des ersten Teils (Kolonialzeit Ende des 18. Jahrhunderts bis 1947) steht die Herausforderung des traditionellen indischen Umgangs mit zeitlichem Wandel durch den Geschichtsdiskurs des modernen Westens. Die Texte zeugen vom Versuch indischer Denker, Veränderungswillen und Selbstbehauptung in Übereinstimmung zu bringen. Um der Vielschichtigkeit der Konfrontation gerecht werden zu können, werden drei Ebenen voneinander abgehoben. Auf der ersten werden den Erklärungsansätzen westlicher Wissenschaftler und Kolonialadministratoren die Erneuerungsbewegungen in den indischen Religionsgemeinschaften gegenübergestellt. Auf der zweiten Ebene geht es um die Etablierung einer an westlichen Standards orientierten historischen Fachdisziplin mit ihren Kategorien von Wissenschaftlichkeit, Perspektivität und Prozessualität. Auf einer dritten Ebene stehen solche Texte und Autoren, die sich dem westlichen Einfluß weitgehend entziehen bzw. dem europäischen Geschichtsdenken als solchem Widerstand entgegensetzen.

Im zweiten Teil (nach 1947) geht es um Geschichtswissenschaft und Geschichtspolitik in den neuen Staaten des postkolonialen Südasiens. Auch hier ist die Textauswahl an den Fragen von Wissenschaftlichkeit (Objektivität und Vorurteil), Perspektivität (Kommunalismus, Säkularismus) und Prozessualität (Modernisierung, Entwicklung) orientiert. Am Ende kommen Autoren zu Wort, die den westlichen Geschichtsbegriff als Teil des Kolonialismus in Frage stellen oder Alternativen zu herkömmlichen Deutungsformen vorschlagen (Subaltern Studies, Frauenhistorie, Ökohistorie).


Inhalt

Einführung der Herausgeber 11
Vorwort 13

Einleitung 19

1. Indien und Europa: Annäherungen und Distanzierungen in der historisierten Welt 19
1.1 Die westliche Indienforschung und die Konstruktion des geschichtslosen Orients 22
1.2 Die Selbstvergewisserung indischer Traditionen 34

2. Agenda einer modernen indischen Historiographie 51
2.1 Geschichte als Gegenstand der Forschung 53
2.2 Die Frage der Perspektive 60
2.3 Konzeptualisierungen des zeitlichen Wandels 81

3. Resistente Traditionen, alternative Geschichten, Eigensinn 98

4. Nach dem Kolonialismus: Historisches Denken im zeitgenössischen Südasien 110
4.1 Objektivität, Vorurteil und der Ruf nach indischen Interpretationsrahmen der Geschichte 111
4.2 Einheit und Vielfalt, Partikularität und Universalität 114
4.3 Tradition und Moderne, Kontinuität und Wandel 124
4.4 Kritik des westlichen Geschichts- und Entwicklungsbegriffs 133
4.5 Subalternität und agency, Fragmentierung und Globalisierung 138


Quellen 147

1. Indien und Europa:
Annäherungen und Distanzierungen in der historisierten Welt 147

1.1 Die westliche Indienforschung und die Konstruktion des geschichtslosen Orients: Orientalismus, Utilitarismus, vergleichende Kulturgeschichte 147
William Jones: Über die Hindus (1786) 148
James Mill: Geschichte Britisch-Indiens (1817) 155
Friedrich Max Müller: Indien in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung (1883/84) 163
1.2 Die Selbstvergewisserung indischer Traditionen: Reform, Erneuerung, Revival 170
Rammohun Roy: An die Gläubigen des einzigen wahren Gottes (1816) 171
Rammohun Roy: Sati als religiöser Ritus (1830) 177
Dayananda Sarasvati: Licht der Wahrheit (1884) 181
Swami Vivekananda: Modernes Indien (1899) 187
Sayyid Ahmad Khan: Prinzipien der Exegese (1880-95) 195
Sayyid Ahmad Khan: Über den Islam (1884) 199

2. Agenda einer modernen indischen Historiographie 201
2.1 Geschichte als Gegenstand der Forschung 201
Ramkrishna Gopal Bhandarkar: Die kritische, vergleichende und historische Methode der Untersuchung (1888) 203
Shibli Nu'mani : Die Grundlage der Geschichte (1898) 210
2.2 Die Frage der Perspektive: Patriotismus, Nationalismus, Kommunalismus 218
Bankimchandra Chatterji: Über die Geschichte von Bengalen (1882/83) 220
Bankimchandra Chatterji: Anandamath (1882) 226
Bal Gangadhar Tilak: Karma Yoga und Swaraj (ca. 1917) 231
Vinayak Damodar Savarkar: Der indische Unabhängigkeits- krieg (1909) 234
Vinayak Damodar Savarkar: Hindutva (1923) 239
Kashi Prasad Jayaswal: Die politische Ordnung der Hindus (1924) 243
Romesh Chandra Majumdar: Alte indische Kolonisation im Fernen Osten (1940) 248
Muhammad Iqbal: Pakistan-Rede (1930) 253
Muhammad Iqbal: Die Wichtigkeit der Geschichte (1917) 260
Bhimrao Ramji Ambedkar: Sind die Unberührbaren nicht ein separates Element? (1945) 262
2.3 Konzeptualisierungen des zeitlichen Wandels: kaliyuga, Fortschritt, Revolution 268
Harishchandra von Benares: Wie ist Indiens Fortschritt möglich? (1884) 269
Dadabhai Naoroji Dordi: Armut und unbritische Herrschaft in Indien (1901) 274
Mahadev Govind Ranade: Wiederbelebung und Reform (1897) 278
Romesh Chunder Dutt: Wirtschaftsgeschichte Indiens (1902/04) 282
Manabendra Nath Roy: Indien im Umbruch (1922) 289
Jawaharlal Nehru: Indiens Wachstum wird aufgehalten (1946) 293
Rajani Palme Dutt: Das Erwachen Indiens (1940) 300

3. Resistente Traditionen, alternative Geschichten, Eigensinn 303
Abu l-A'la al-Maududi: Der Freiheitskampf und die Muslime (1946) 304
Rabindranath Tagore: Nationalismus in Indien (1917) 309
Aurobindo Ghose: Anbruch und Fortschritt des geistigen Zeitalters (1918/49) 316
Ananda Kentish Coomaraswamy: Was hat Indien zum menschlichen Wohlergehen beigetragen? (1915) 325
Mohandas Karamchand Gandhi: Hind Swaraj – Indische Selbstherrschaft (1909) 331

4. Nach dem Kolonialismus:
Historisches Denken im zeitgenössischen Südasien 341

4.1 Objektivität, Vorurteil und der Ruf nach indischen Interpretationsrahmen
der Geschichte 341
Romila Thapar: Vergangenheit und Vorurteil (1975) 343
D. Devahuti: Probleme der indischen Historiographie (1979) 349
4.2 Einheit und Vielfalt, Partikularität und Universalität 353
4.2.1 Weltgeschichte, Nationalgeschichte, Regionalgeschichte 353
Kavalam Madhava Panikkar: Asien und die westliche Vorherrschaft (1953) 354
K. A. Nilakanta Sastri: Geschichte Südindiens (1947) 361
4.2.2 Kommunalismus und Säkularismus 364
Bharat Jana Sangh: Resolution zur Indiani- sierung (1952) 364
Tara Chand: Geschichte der Freiheitsbewegung in Indien (1965) 366
4.2.3 Geschichte im Ayodhya-Konflikt 372
Sarvepalli Gopal et al.: Der politische Mißbrauch von Geschichte (1989) 374
Vishva Hindu Parishad: Zusammenfassung der Ram- Janmabhoomi-Beweise (1991) 379
4.2.4 Geschichte der Muslime in Indien und Pakistan 385
Abul Hasan Ali Nadwi: Indien während der muslimischen Herrschaft (1977) 385
Ishtiaq Hussain Qureshi: Verpaßte Gelegenheiten (1979) 390
4.3 Tradition und Moderne, Kontinuität und Wandel 395
Planning Commission: Das Problem der Entwicklung (1953) 398
Mysore Narasimhachar Srinivas: Sanskritisierung und Verwestlichung (1956) 400
Damodar Dharmanand Kosambi: Die Schwierigkeiten für den Historiker (1964) 405
Ram Sharan Sharma: Der Übergang vom Altertum zum Mittelalter in der indischen Geschichte (1974) 410
4.4 Kritik des westlichen Geschichts- und Entwicklungs- begriffs: Die Würde nichtmoderner Völker 415
Nirmal Verma: Die Vergangenheit: Eine Selbst- besinnung (1976) 417
Ashis Nandy: Über eine Dritte-Welt-Utopie (1978/87) 423
4.5 Subalternität und agency, Fragmentierung und Globalisierung 430
Ranajit Guha: Über einige Aspekte der Historiographie des kolonialen Indien (1982) 430
Uma Chakravarti: Für ein neues Verständnis der Geschlechter- beziehungen im frühen Indien (1988) 440
Madhav Gadgil/Ramachandra Guha: Das zerrissene Land. Kulturen im Konflikt (1993) 444

Abkürzungen 449
Glossar 450
Literatur 455
Namenregister 464
Der Autor 474

Gesamtübersicht: Geschichtsdenken der Kulturen –
Eine kommentierte Edition 475

Die Texte von Sayyid Ahmad Khan, Shibli Nu'mani, M. Iqbal, A. Maududi, A. H. Ali Nadwi und I. H. Qureshi wurden ausgewählt und kommentiert von Jamal Malik.


Vorwort

Der Blick über die Grenzen und das Interesse am Kulturvergleich sind im Zeitalter der Globalisierung zur Selbstverständlichkeit geworden. Dies gilt für das historische Denken wie für andere Erscheinungen der politisch-sozialen Welt. Daß im Zuge der wachsenden Kontakte zwischen Staaten, Gesellschaften und Kulturen und ihrer fortschreitenden Interdependenz auch nach dem je spezifischen Umgang mit Vergangenheit und zeitlichem Wandel gefragt wird, scheint also kaum einer eigenen Begründung zu bedürfen.

Freilich steht das Interesse an den kulturellen Verschiedenheiten mit dem an der Geschichte selbst in einem inneren Zusammenhang. Nicht nur in dem Sinn, daß die Situation der Gegenwart mit ihrem akuten Drang zum Vergleichen ihrerseits Ergebnis von historischen Prozessen ist. Die Fragen der kulturellen Vielfalt und des zeitlichen Wandels hängen vielmehr von Grund auf zusammen, beide ergeben sich aus der Veränderlichkeit und Gestaltbarkeit menschlicher Existenzbedingungen. Und so findet im interkulturellen Vergleich immer auch ein Stück Grundlagenreflexion der Historie statt. Dies gilt um so mehr, wenn der Gegenstand des Vergleichs das historische Denken selbst ist.

Vergleichend war das historische Denken schon immer. Seit jeher haben kollektive Handlungssubjekte, wenn sie sich erinnernd ihrer selbst zu versichern suchen, mit der Erscheinung von Differenz zu tun: mit der Andersheit benachbarter Völker, Gesellschaften, Kulturen ebenso wie mit der der eigenen Vergangenheit. Die Binnenstrukturen der Kommunikation sind stets durch die Außenlagen mitbestimmt. Indem die frühen Geschichtsschreiber das eigene Handeln mit dem anderer Völker ins Verhältnis setzten, öffneten sie es auf seine grundlegende Kontingenz hin. Wenn Herodot die Konfrontation der Griechen mit den Persern darstellte, so kamen auch Tatsachen und Vorgänge jenseits des eigenen Sinnhorizonts in den Blick. Und wenn er die Lebensweise der Skythen, Ägypter usw. schilderte, so diente dies den Griechen als Spiegel ihrer eigenen, historisch gewachsenen Partikularität.

Auf neue und nachhaltige Weise in Vergleich und Auseinandersetzung mit dem Fremden hineingezogen wurde die westliche Historie seit dem Zeitalter der europäischen Entdeckungen und Expansionen, in dem Kontakte und wechselseitige Einflußnahmen alltäglich und dauerhaft wurden, auch mit solchen Gesellschaften und Kulturen, die bis dahin in relativer Abgeschiedenheit existiert hatten. Die dadurch vermehrte Kontingenzerfahrung schuf neuen Erklärungs- und Orientierungsbedarf und trug so zur Herausbildung des modernen Geschichtsbegriffs mit seiner Annahme eines universalen Bedingungs- und Entwicklungszusammenhangs bei. Mit der Integration der vielen Geschichten in die Meistererzählung der von Europa zur Vollendung geführten zivilisatorischen Entwicklung wurde das Fremde in den westlichen Deutungshorizont eingeschlossen. Freilich nur partiell. Das Unverstandene und Disparate blieb um so mehr daraus verbannt. Gerade das, was die Geschichtlichkeit des Anderen ausmachte, die Offenheit und Eigenheit seiner Entwicklung, wurde von der westlichen Historie weitgehend vernachlässigt oder verdrängt. Hierin kommt eine Tendenz zur Singularisierung der Geschichte zum Ausdruck, die in einem problematischen Verhältnis zur Auffassung von der Mannigfaltigkeit der Entwicklungen steht.

Es war dieser (praktische und theoretische) Kontext, in dem der Westen in engeren Kontakt zu den südasiatischen Kulturen trat und diese zu einem bevorzugten Gegenstand des vergleichenden Interesses machte. Im Kontrast zum stagnierenden Charakter der Hindugesellschaft ließ sich die historische Dynamik Europas demonstrieren, aus dem notorischen, schon von Chinesen und Muslimen bemerkten Desinteresse der Inder an der Vergangenheit wurde eine fundamentale Ahistorizität ihrer Kultur konstruiert. Auf dieser Basis konnte die Kolonialherrschaft auch als Mission der Historisierung legitimiert werden. Den Südasiaten ihrerseits wurde in der Konfrontation mit dem Westen auf drastische Weise der Zusammenhang zwischen Selbstbehauptung und innerer Wandlungsfähigkeit vor Augen geführt. Und während sie ihre herkömmlichen Umgangsweisen mit Kontingenz unter dem Eindruck der neuen historischen Dynamik in Frage gestellt sahen, öffneten sie sich zunehmend, wenn auch nicht ohne Vorbehalte, westlichen Deutungsformen. Die vielfältigen Versuche, im Spannungsfeld zwischen dem Festhalten am Gegebenen und dem Drang nach Veränderung historische Orientierung zu gewinnen, spiegeln sich in den Texten des vorliegenden Bandes.

Aus der Perspektive des kolonialisierten Südasien stellt sich die Erfahrung des Fremden, die im Westen zur Modernisierung des historischen Denkens beigetragen hat, in vielerlei Hinsicht gerade umgekehrt dar. Was für den Westen Expansion bedeutet, bedeutet im Osten Einschränkung, was im Westen die eigene Innovationsfähigkeit bekräftigt, wird im Osten als Schwächung der Tradition erfahren. Wenn auf der einen Seite die Konfrontation der Kulturen den zivilisatorischen Fortschritt verdeutlicht, so auf der anderen die eigene Rückschrittlichkeit. Während sich im Bewußtsein des modernen Europa das Eigene im zeitlichen Wandel entfaltet, scheint in Südasien das Eigene nur gegen den Wandel zu behaupten zu sein. Selbst jene indischen Reformer, die in der Aneignung westlicher Denkmuster eine Bedingung des politischen Überlebens und eine Chance der gesellschaftlichen Entwicklung erkennen, bleiben skeptisch, ob Souveränität über einen Wandel zu gewinnen ist, der den Anschluß an eine von außen angeleitete Dynamik bedeutet. Wie ist im Kontext westlich dominierter Weltgeschichte die Einsicht in den prozessualen Charakter der Gesellschaft mit dem Anspruch auf Autonomie und Selbstbehauptung zu vermitteln? Dies ist das zentrale Problem bei der Modernisierung des historischen Denkens im kolonialen Südasien. Die aktuelle Erfahrung der Fremdbestimmung fördert essentialisierende Strategien (die Konstruktion von Ursprungsmythen, Formen von Inklusivismus u.ä.) zutage, die einer selbstbewußten Bezugnahme auf das Fremde ebenso wie der Konzipierung der eigenen Wandlungsfähigkeit entgegenwirken.

Der Eindruck des Ausgeliefertseins an fremdgesteuerte Prozesse wird bestätigt durch die Art ihrer Konzeptualisierung in der westlichen Historiographie. In der europäischen Theoriebildung über die Geschichte spielten die spezifischen Erfahrungen der Nichteuropäer lange Zeit kaum eine Rolle. Geschichte war eine Angelegenheit der fortgeschrittenen Völker, andere hatten an ihr allenfalls in peripherer bzw. untergeordneter Position teil. Und selbst wenn das Interesse an den außereuropäischen Akteuren mittlerweile zugenommen hat, so sind sie damit noch nicht als Deuter der weltgeschichtlichen Prozesse aus eigenem Recht anerkannt. Es besteht eine grundlegende Asymmetrie zwischen den Teilnehmern am globalen Geschichtsdiskurs: Während für die Nichteuropäer die europäische Historie stets präsent ist, hat die westliche Geschichtswissenschaft noch kaum Notiz von der Existenz nichwestlicher historischer Perspektiven genommen. Der Fixierung auf fremde Akteure und Deuter auf der einen Seite korrespondiert die Vernachlässigung der fremden Geschichte(n) auf der anderen.

Dies wirft Rückfragen nach dem Verständnis von Alterität und Vielfalt im modernen historischen Denken auf. Inwieweit gehört es zur Integration der vielen Geschichten in die eine Weltgeschichte, daß sie jene kulturellen Unterschiede, deren Erfahrung zur Vorstellung eines linearen Entwicklungszusammenhangs beigetragen hat, sukzessive zum Verschwinden bringt? Verkörpert die moderne Historie letztlich selbst eine Tendenz zur Reduktion der Perspektivenvielfalt?

Das Problem stellt sich hinsichtlich innergesellschaftlicher, die eigene Entwicklung betreffender Alternativen ebenso wie in bezug auf äußere. Das Verschwinden des Alten und Gegebenen gehört zur Hervorbringung des Neuen und Realisierung des Möglichen. Der moderne historische Diskurs, der am Wandel um seiner selbst willen interessiert ist, wird zum Ort, an dem sich im Licht der Vergangenheitserfahrung Optionen für die Zukunft abzeichnen. Auch hier ist die Frage nach Formen der Fremdbestimmung und Mechanismen der Kolonialisierung zu stellen, also danach, ob im Vollzug der Entscheidung über Alternativen sich nicht neue Determinismen durchsetzen, die die Verständigung und das Aushandeln beeinträchtigen. Der Gewißheit der neuen Potentiale, die sich heute durch nahezu unbegrenzte Information (auch interkulturelle Kontakte und Vergleiche) ergeben, steht die Unsicherheit gegenüber, ob im Ergebnis Offenheit und Vielfalt nicht reduziert statt erweitert werden. Die Optimierung der gesellschaftlichen Entwicklung und die Vielfalt der Optionen stehen in einem gespannten Verhältnis zueinander.

Die Frage nach der Offenheit des historischen Horizonts hat angesichts der faktisch sich vollziehenden Engführung der vielen Geschichten auf die eine Globalgeschichte hin erhöhte Dringlichkeit erhalten und ist zu einer Herausforderung an das historische Denken geworden. Dieses findet sich weltweit in einer Situation zwischen den verschiedenen Vergangenheiten und einer gemeinsamen Zukunft, die allzuschnell mit der westlich-europäischen Zivilisation bzw. der in ihr dominanten Praktiken und Technologien identifiziert wird. Nicht nur für außereuropäische Gesellschaften wie die Südasiens, auch für den auf forcierte Entwicklung setzenden Westen selbst stellt sich die Frage nach den bestehenden Artikulationsmöglichkeiten und Realisierungschancen von Alternativen. Wenn die Erfahrung von Vielfalt eine Bedingung für die Entdeckung der Geschichte als Entwicklungsprozeß war, so stehen heute im Ringen der nichteuropäischen Akteure um den selbstbestimmten Umgang mit den Erscheinungen des zeitlichen Wandels die Grundlagen historischer Reflexion überhaupt zur Debatte.

Danksagung

Angeregt und gefördert wurde die Erarbeitung der vorliegenden Quellensammlung von Jörn Rüsen. Die Diskussionen der von ihm geleiteten Forschungsgruppe »Historische Sinnbildung« am Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld (1994 bis 1995) waren der ideale Rahmen für die Entwicklung eines allgemeinen Fragenkatalogs zum interkulturellen Vergleich historischen Denkens. Auch der Gedankenaustausch mit Achim Mittag, der zur selben Zeit über historisches Denken in China arbeitete, kam der Erfassung und Systematisierung des Stoffes zugute. Für Hinweise und Auskünfte danke ich R. A. Abou-El Haj, Georg Berkemer, Stephan Conermann, Vasudha Dalmia, Tilman Frasch, Ferdinand Geister, Herbert Herring, Lila Hüttemann, Fritz Kramer, Barbara und Rainer Lotz, Jürgen Lütt, Jamal Malik, Klaus E. Müller, Dietmar Rothermund, Maria Schetelich und Anna Schmid. In Indien hatte ich Gelegenheit zu Gesprächen mit Neelandri Bhattacharya, Ashis Nandy, K. Raghavendra Rao, Suresh Sharma, D. L. Sheth, Romila Thapar u.a. Besonderen Dank schulde ich Brajadulal Chattopadhyaya, der mir in vielerlei Fragen zur historischen Forschung und Lehre in Indien weiterhalf und ein anhaltendes Interesse am Fortgang der Arbeit zeigte. Annakutty Findeis und Mariam Dossal verdanke ich die Gelegenheit, Teile der Arbeitsergebnisse einem indischen Publikum an der Universität Mumbai vorzutragen. In Dharwad standen mir K. R. Basavaraja, R. Bhat, S. Ritti, A. Sundara, C. Veerabasanna u.a. mit Auskünften zur Seite. Eine beständige Quelle der Ermutigung war Arya Acharya. Ihm danke ich für die vielen Gespräche, die tätige Hilfe und seine großzügige Freundschaft. Auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliotheken in Dharwad (Karnatak University), New Delhi (Nehru Museum and Library), London (School of Oriental and African Studies, India Office Library), Bielefeld (Universitätsbibliothek, ZiF), Heidelberg (Südasien-Institut) und Berlin (Staatsbibliothek, Zentrum Moderner Orient) schulde ich Dank für ihre Hilfe. Matthias Manhart danke ich für seine Bemühungen um die Koordination mit den Arbeiten zu Band I und II dieser Quellensammlung. Der Deutsche Akademische Austauschdienst förderte die Arbeit durch ein Reintegrationsstipendium im Anschluß an meine Lektorentätigkeit an der Karnatak University; dem Zentrum für interdisziplinäre Forschung danke ich für die vielfältige Unterstützung während meiner Beschäftigung als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Gewidmet ist der Band meiner Frau, Bianca, und den Freunden in Dharwad, die uns für fünf Jahre (1989-1994) in ihrer Mitte aufnahmen und im alltäglichen Umgang an jener wechselseitigen Bezugnahme der Kulturen teilhaben ließen, welche die indische Lebenswelt so sehr auszeichnet.

Bergamo, im Juni 2002
Michael Gottlob


Der Autor

Michael Gottlob, geboren 1950, Studium der Geschichte, Philosophie und Germanistik an den Universitäten Berlin (FU), Edinburgh, Bochum, Heidelberg. Promotion 1988 an der Universität Heidelberg. Deutschlehrer für Arbeitsmigranten und politische Flüchtlinge in Karlsruhe. Mitarbeit in Migranten- und Menschenrechtsorganisationen. Lektor für Deutsche Sprache und Literatur an Universitäten in Italien (Catania, Bergamo) und Indien (Dharwad). Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld und Mitglied der Forschungsgruppe ›Historische Sinnbildung‹. Lebt seit 1996 in Bergamo.

Veröffentlichungen: Geschichtsschreibung zwischen Aufklärung und Historismus: Johannes von Müller und Friedrich Christoph Schlosser, Frankfurt am Main 1989. Herausgeber (zus. mit Jörn Rüsen und Achim Mittag) von: Die Vielfalt der Kulturen, Frankfurt am Main 1998. Zahlreiche Aufsätze zu Geschichte, Funktion und Vergleich des historischen Denkens in Europa und Südasien.