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Gefühle

Handlung Kultur Interpretation, 2004, Heft 1
Themenschwerpunkt Gefühle
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
Hg. von Elfriede Billmann-Mahecha, Alexander Kochinka, Carlos Kölbl, Robert Montau und Jürgen Straub
13. Jg., Heft 1, Mai 2004, ISSN 0942-8356
Die Zeitschrift wurde mit dem Jahrgang 2007 eingestellt.
Einzelheft 17,00 Euro
E-Book (PDF) 11,80 Euro

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Themenschwerpunkt: Gefühle

Mit Beiträgen von Elfriede Billmann-Mahecha, Gerald Echterhoff, Volker Kempf, Alexander Kochinka, Uwe Laucken, Käte Meyer-Drawe, Jan Slaby, Jürgen Straub und Jaime Yáñez Canal.

Kaum ein Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnisbemühungen dürfte so vielgestaltig sein - und dementsprechend so verschiedenartige Resultate derartiger Bemühungen nach sich gezogen haben - wie die Gefühle des Menschen. Die Beiträge des vorliegenden Themenschwerpunktes Gefühle illustrieren dies, indem sie ihr Thema aus ganz unterschiedlicher Perspektive behandeln und so einen Eindruck vermitteln von der Weite der Forschungslandschaft »Gefühle«.

Inhalt

Vorwort  5

Themenschwerpunkt: Gefühle

Käte Meyer-Drawe
Antworten der Eingeweide: Ekel. Eine leibphänomenologische Studie  9

Uwe Laucken
Der sozialsemantische Blick auf Emotionen: Sozialpraktischer Zugang und ein Beispiel  26

Jan Slaby
Nicht-reduktiver Kognitivismus als Theorie der Emotionen  50

Alexander Kochinka
William James und Carl Lange über Gefühle  86

Weitere Abhandlungen

Jaime Yáñez Canal und Elfriede Billmann-Mahecha
Moral und sozialer Kontext. Einige Überlegungen zur Psychologie der Moralentwicklung  133

Gerald Echterhoff und Jürgen Straub
Narrative Psychologie: Facetten eines Forschungsprogramms. Zweiter Teil  151

Rezensionsaufsatz

Volker Kempf
Sozialwissenschaftliche Urteilskraft über gesellschaftliche Entwicklungen auf dem Prüfstand  187
Zu: Erwin K. Scheuch: Sozialer Wandel. Bd. 1: Theorien des sozialen Wandels. Opladen: Westdeutscher Verlag 2003. 352 Seiten. Ders.: Sozialer Wandel. Bd. 2: Gegenwartsgesellschaften im Prozess des sozialen Wandels. Opladen: Westdeutscher Verlag 2003. 467 Seiten.  187

Autorinnen und Autoren  201



Vorwort

Kaum ein Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnisbemühungen dürfte so vielgestaltig sein – und dementsprechend so verschiedenartige Resultate derartiger Bemühungen nach sich gezogen haben – wie die Gefühle des Menschen. Die Beiträge des vorliegenden Themenschwerpunktes Gefühle illustrieren dies, indem sie ihr Thema aus ganz unterschiedlicher Perspektive behandeln und so einen Eindruck vermitteln von der Weite der Forschungslandschaft »Gefühle«. Eine erschöpfende Kartierung dieser Landschaft darf freilich nicht erwartet werden – aber ein solcher Atlas der »Sozialwissenschaften vom Gefühl« käme wohl auch mit dem Zehnfachen des Heftumfanges nicht aus. Es geht vielmehr darum, Wegmarken ins Bewußtsein zu rücken, die nicht nur Orientierung stiften, sondern auch einen Eindruck von der angesprochenen Weite vermitteln.

Den Anfang macht der phänomenologisch orientierte Beitrag von Käte Meyer-Drawe, der unter dem Titel »Antworten der Eingeweide: Ekel. Eine leibphänomenologische Studie« die Spur eines einzigen, gleichwohl starken Gefühls aufnimmt. In den scharfsichtigen Analysen der Autorin zeigt sich, womit der Ekel zu tun hat und worauf er verweist: auf die Grenze zwischen Innen und Außen, auch auf die Gefährdung oder den drohenden Untergang dieser Grenze, auf den Zusammenbruch von Ordnung. Dabei spielt es keine Rolle, ob vom Kleinkind verlangt wird, etwas ekelerregendes »zu sich zu nehmen«, ob ekelhafter Leichengeruch anzeigt, daß etwas seine Form verliert (und »entwird«) oder ob die häßliche Alte, die begehrt werden will, gleich mehrere Ordnungen gefährdet: Stets antworten die Eingeweide, mit dem Ekel und unmittelbar. Der Ekel ist, wenn man so will, ein »Kontaktgefühl«, nicht zwischen Ich und Welt, sondern zwischen dem eigenen und dem ganz anderen, das nicht mehr zur Welt gehören soll und das der Ekel auf Distanz zu halten sucht. So erklärt sich auch die politische Instrumentalisierung des Ekels, an den die Autorin abschließend erinnert – womit sie das Plädoyer verbindet, nie zu vergessen, daß das Denken von einem leiblichen Wesen vollzogen wird. Die – gelegentlich ekelhafte und daher äußerst überzeugende – Lektüre möchte man daher nicht zuletzt denen anraten, die in merkwürdig »leibloser« Sphäre über Gefühle nachdenken, die sich also z. B. bemühen, Gefühle auf Computersystemen zu simulieren oder zu »implementieren«.

Im zweiten Beitrag – »Der sozialsemantische Blick auf Emotionen: Sozialpraktischer Zugang und ein Beispiel« – beschäftigt sich Uwe Laucken aus sozialkonstruktivistischer (oder genauer: sozialsemantischer) Perspektive mit Gefühlen. Entscheidend und eine Voraussetzung für einen solchen Blickwinkel sind vorgängige Klärungen des Gegenstandes, die wohl für jede wissenschaftliche Beschäftigung mit Emotionen von großem Ertrag sind: So interessiert sich Laucken nicht für Gefühle als physisches oder phänomenales Geschehen (wie etwa ein Neurophysiologe oder ein Existenzanalytiker) – obgleich natürlich auch derartiges Interesse gerechtfertigt ist – sondern als semantisches, also kurz gesagt als ein solches, das man berechtigterweise mit der Frage nach seinem Sinn konfrontieren kann. Laucken präsentiert dann ein elaboriertes begriffliches Vokabular, das die skizzierte Frage zu bearbeiten erlaubt und semantische Einheiten, ihre Einbettung in individuelle und soziale Zusammenhänge sowie ihre möglichen Beziehungen näher charakterisiert. In der ausführlichen Analyse eines Beispiels wird die Fruchtbarkeit der skizzierten Terminologie sodann unter Beweis gestellt. Bei diesem Beispiel handelt es sich um das Gefühl »Amae«, das nur in Japan auftritt, für das es folglich keine passende Übersetzung gibt und das eine Art Wohlbefinden oder Geborgenheit bezeichnet, welches sich durch die Abhängigkeit von anderen Menschen einstellt. Im Detail zeigt Laucken abschließend, wie eine Reihe von Charakteristika der schulischen Praxis in Japan im Dienste der (individuellen und kollektiven) Genese von Amae steht, wie also eine kulturelle Praxis und ein individuelles Gefühl miteinander zu tun haben.

In der Philosophie der Gefühle wird gegenwärtig die Angemessenheit »kognitiver« Emotionstheorien lebhaft diskutiert – diese Diskussion zeichnet Jan Slaby mit seinem Beitrag »Nicht-reduktiver Kognitivismus als Theorie der Emotionen« nach. Dazu setzt er sich insbesondere mit der These auseinander, daß Gefühle Urteile seien, und differenziert im einzelnen, wie man sich solche Urteile vorzustellen hat: keineswegs als mehr oder minder klar ausformulierte Sätze oder gar als Propositionen. Er plädiert dafür, die Frage zurückzustellen, in welchen »Formaten« Urteile vorliegen können und betont statt dessen die »Meta-Fähigkeit« eines urteilenden Wesens, diese Urteile nachträglich zu artikulieren und zu reflektieren. Emotionen, so Slabys überzeugend vorgebrachte These, können also durchaus (so verstandene) Urteile sein, ein derart konkretisierter (»nicht-reduktiver«) Kognitivismus die angemessene Art und Weise, Emotionen theoretisch zu fassen. Diese These wird schließlich gegen verschiedenartige Einwände verteidigt: Wenn Emotionen Urteile sind, dann muß es auch auf irgendeine Weise »korrekte« oder »falsche« Gefühle geben – diese naheliegende (und Anstoß erregende) Folgerung aus der zentralen These wird entfaltet und konkretisiert, bevor der Autor abschließend einen alternativen Vorschlag, nämlich Emotionen als affektive Wahrnehmungen aufzufassen, diskutiert.

Alexander Kochinka schließlich wendet sich in seinem Beitrag »William James und Carl Lange über Gefühle« zwei Emotionstheorien zu, die bereits ein Jahrhundert alt sind, aber noch immer viel zitiert werden. Beide Autoren kehren bekanntlich den intuitiven Zusammenhang zwischen der Empfindung eines Gefühls und der Wahrnehmung körperlicher »Begleiterscheinungen« des Gefühls um: Bei James und Lange kommt es nicht deshalb zu bestimmten physiologischen Phänomenen (z. B. zum Weinen), weil wir ein bestimmtes Gefühl empfinden (z. B. die Trauer), sondern umgekehrt: »Wir sind traurig, weil wir weinen«, wie ein berühmtes Diktum James' lautet. Kochinka rekonstruiert die Vorstellungen von James und Lange im Detail; er geht insbesondere dem Verdacht nach, daß die Tradierung der beiden Theorien über lange Jahre allzu große Vereinfachungen und Verkürzungen zur Folge gehabt haben könnte – denn auch James und Lange müssen an Gefühle gedacht haben, die »von innen« (also etwa durch eine Erinnerung) ausgelöst werden, oder an solche, die nicht von wahrnehmbaren physiologischen Prozessen »begleitet« werden. Die entstehende Rekonstruktion der Auffassungen von James und Lange zeigt, daß sie wohl keineswegs beanspruchen dürfen, als allgemeine Theorien vom Gefühl zu gelten, stellt aber auch abschließend einige Aspekte in den Vordergrund, deretwegen sie – neben ihrer Originalität – nach wie vor Beachtung verdienen.

Im ersten Beitrag außerhalb des Themenschwerpunktes präsentieren Jaime Yáñez Canal und Elfriede Billmann-Mahecha unter dem Titel »Moral und sozialer Kontext. Einige Überlegungen zur Psychologie der Moralentwicklung« einen Überblick über die Kohlbergsche Moralpsychologie, vor allem aber über verschiedene weiterführende Ansätze, die sich kritisch mit Kohlbergs Vorschlägen auseinandersetzen. Dabei stellen sie einleitend dar, welche zentrale Rolle das Prinzip der Gerechtigkeit in Kohlbergs Ansatz spielt –, und daß diese Rolle eine mehr oder minder kontextlose und standpunktunabhängige Form des moralischen Urteils zur Folge hat. Ganz andere Konkretisierungen erfahren Denkmodelle der Moral, wenn das moralisch urteilende Subjekt als in einem sozialen Zusammenhang situiert und in vielfältige Beziehungen verflochten gedacht wird. Moralische Entwicklung präsentiert sich dann nicht als Herausbildung immer »höherwertiger« Urteilsstrukturen, sondern bspw. als Vergrößerung des Kreises von Menschen, deren Interessen für ein moralisches Urteil Relevanz zugebilligt wird (also als zunehmende »Reichweite des Mitgefühls«), oder aber als Ausbildung bereichsspezifischen Expertenwissens. Einen wichtigen Kritikpunkt, der an Kohlbergs methodischem Vorgehen laut geworden ist, illustrieren Yáñez Canal und Billmann-Mahecha abschließend mit einem Dilemma, das als alternative Fassung des berühmten »Heinz-Dilemmas« zu lesen ist – nur daß durch einen anderen Standpunkt plötzlich die Interessen des Apothekers in den Vordergrund rücken.

Im zweiten Teil ihres Beitrages »Narrative Psychologie: Facetten eines Forschungsprogramms« vervollständigen Gerald Echterhoff und Jürgen Straub ihre Einführung in ein Forschungsgebiet, das nach wie vor auf zunehmendes Interesse stößt. Während im ersten Teil des Aufsatzes, der im November 2003 erschien, die struktur- und formaltheoretische Bestimmung der Erzählform im Mittelpunkt stand, sind es nun die vielfältigen Funktionen, die das Erzählen (und die Erzählung) übernehmen kann. Im einzelnen werden die Bedeutung des Erzählens für die Konstitution von Sinn und Zeit sowie für das Bewußtwerden, die Vermittlung und Bearbeitung von Kontingenz erörtert. Mit Verweis auf eine Fülle von Untersuchungen konkretisieren Echterhoff und Straub im Anschluß daran, auf welche Weise das Erzählen in nahezu jedem der allgemein menschlichen (und in der Allgemeinen Psychologie untersuchten) Fähigkeiten eine wichtige, z. T. konstitutive Rolle spielt: bei Wahrnehmung und Rezeption, beim Denken und Urteilen, bei Gedächtnis und Erinnerung, bei Motivation und Emotion. In der psychologischen Biographieforschung interessiert vor allem eine weitere der Funktionen des Erzählens, die sich schon im Terminus »Biographie« andeutet, denn »geschrieben« – und d. h. sowohl gebildet als auch kommunikativ vermittelbar gemacht – wird das Leben in Erzählform. Das Erzählen ist wesentlich für die Bildung und Kommunikation des Selbst – und es hat weitere kommunikative Funktionen, etwa beim Überreden, Überzeugen oder ganz schlicht beim Stiften und Aufrechterhalten von Beziehungen, wie Echterhoff und Straub abschließend erörtern. Die umfangreiche Literaturliste des Gesamtbeitrags, die nahezu als Bibliographie der narrativen Psychologie gelten kann, findet sich geschlossen im vorliegenden zweiten Teil.

Zum Schluß informiert ein Rezensionsaufsatz von Volker Kempf unter dem Titel »Sozialwissenschaftliche Urteilskraft über gesellschaftliche Entwicklungen auf dem Prüfstand« über die letzte größere Veröffentlichung von Erwin K. Scheuch, zwei Bände über den »Sozialen Wandel«. Dabei wird im ersten Band eine Vielzahl von Theorien über diesen Wandel von der Aufklärung bis zu neo-evolutionistischen Theorien des 20. Jahrhunderts in chronologischer Abfolge präsentiert und diskutiert, während im zweiten Band die Situation in den zeitgenössischen »Gegenwartsgesellschaften« behandelt wird.

Die Herausgeber