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Mißachtung und Verachtung

Handlung Kultur Interpretation, 2005, Heft 1
Mißachtung und Verachtung
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
Hg. von Elfriede Billmann-Mahecha, Alexander Kochinka, Carlos Kölbl, Robert Montau und Jürgen Straub

14. Jg, Heft 1, Mai 2005, ISSN 0942-8356
Die Zeitschrift wurde mit dem Jahrgang 2007 eingestellt.

Einzelheft 17,00 Euro
E-Book (PDF) 11,80 Euro

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Inhalt

Vorwort  5

Themenschwerpunkt Mißachtung und Verachtung

Reinhard Olschanski
Der überschrittene Körper
Überlegungen zur Folter im Anschluß an Jean-Paul Sartre   9

Robert Montau
Obdachlosigkeit: Kampf um Würde  30

Elisabeth Beck-Gernsheim
Migranten im Bildungsbereich: Warum ihre Leistungen unsichtbar bleiben  48

Rezensionsaufsatz
Petra Gehring
Thema getroffen, Thema versenkt  
Zu: Ressentiment! Zur Kritik der Kultur. Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken. 2004, Sonderheft 9/10.   56

Weitere Abhandlungen
Jörn Ahrens
Mensch oder Embryo? Die gesellschaftliche Unbestimmtheit frühembryonaler Lebensformen  66

Helmut Rez, Monika Kraemer und Reiko Koboyashi
Interkulturelle Irritationen verstehen. Kommunikationspsychologische Analyseinstrumente
und ihre Anwendung auf japanisch-deutsche Interaktionen  94

Weitere Rezensionsaufsätze
Jürgen Straub
Der weite Weg der Kulturpsychologie und kulturvergleichenden
Psychologie
Zu: Pradeep Chakkarath: Kultur und Psychologie.
Zur Entwicklung und Standortbestimmung der Kulturpsychologie
  142

Doris Weidemann
Interkulturelle Kommunikation im Spiegel der Kulturstandardforschung
Zu: Alexander Thomas, Eva-Ulrike Kinast und
Sylvia Schroll-Machl (Hrsg.): Handbuch Interkulturelle
Kommunikation und Kooperation, Band 1: Grundlagen und Praxisfelder.
Alexander Thomas, Stefan Kammhuber und
Sylvia Schroll-Machl (Hrsg.): Handbuch Interkulturelle
Kommunikation und Kooperation, Band 2: Länder, Kulturen und
interkulturelle Berufstätigkeit
  175

Autorinnen und Autoren  191


Vorwort

Begriffe wie Mißachtung und Verachtung haben – ähnlich wie Erniedrigung, Beleidigung, Entwürdigung, Entrechtung oder Kränkung – in wissenschaftlichen und politischen Debatten Konjunktur. Solche Begriffe sollen anzeigen, daß gesellschaftliche Umwälzungen in ihrer schädigenden Wirkung auf das Selbstverhältnis der Subjekte nicht immer hinreichend eingeschätzt werden. Mißachtung und Verachtung unterscheiden sich dabei deutlich: Verachtung kommt nicht ohne einen Ausdruck des Mißfallens, der verringerten Wertschätzung aus, durch den den »Betroffenen« deutlich wird, wie andere sie wahrnehmen. Das Repertoire des Ausdrucks von Verachtung ist entsprechend vielfältig: Es reicht von physischen Angriffen über Beleidigungen bis zur erklärten Versagung von Lebenschancen. Im Falle von Mißachtung fehlt dagegen bereits die Anerkennung des anderen als ein Subjekt, das es überhaupt wert ist, bemerkt zu werden. Wer mißachtet wird, liegt außerhalb jeder Aufmerksamkeit für seine Bedürfnisse und Interessen. Mißachtung wird nicht durch das Auftreten einer Handlung angezeigt, die dem Mißachteten irgendwie schadet, sondern durch das Fehlen jeglicher Handlung, die in Bezug zum Betroffenen steht. Mißachtete scheinen noch nicht einmal der Verachtung wert.

Im ersten Beitrag des thematischen Schwerpunktes analysiert Reinhard Olschanski unter der Überschrift »Der überschrittene Körper – Überlegungen zur Folter im Anschluß an Jean-Paul Sartre« die leibliche Dimension von Mißachtung, wie sie sich in der Folter Bahn bricht. Diese will nach Olschanski zerstören, »was eine hinreichend gute Sozialisation einem Individuum mitgibt – Vertrauen in sich und die intersubjektiv geteilte Welt«. Anstoß für Olschanskis Untersuchung ist die Wahrnehmung, daß in öffentlichen Diskussionen vermehrt die Anwendung von Gewalt und Folter erwogen und legitimiert wird: »Um zu ermessen, was solche Verschiebungen im Diskursuniversum bedeuten, wäre es ratsam, sie einmal aus der Perspektive derjenigen in Betracht zu ziehen, die der Folter tatsächlich unterlagen. Schon das intuitive Wissen darum, wie wenig ›wir‹ – d. h. all diejenigen, die nicht gefoltert wurden – hierzu letztlich in der Lage sind, sollte ein Hinweis sein auf die Tragweite dessen, was in Apologien der Folter angelegt ist.« Robert Montau untersucht unter dem Titel »Obdachlosigkeit: Kampf um Würde«, inwiefern sich der Begriff der Würde zur Analyse einer sozialen Mißstandes wie der Obdachlosigkeit eignet. Er differenziert dazu mehrere Dimensionen, in denen von Würdeverlust die Rede ist (sozialpolitischer Kampf, Dekuvrierung des Intimen, Verlust der Selbstwirksamkeit) und erschließt aus phänomenologischer Perspektive, wie Wohnen und Würde sich gegenseitig ermöglichen. Schließlich skizziert er einige Implikationen für die praktische Frage, wie auf Basis der Überlegungen sozialpolitisch Obdachlosigkeit begegnet werden muß.

Mit den Bildungschancen und den Bildungsbemühungen der Kinder von so genannten »Gastarbeitern« befaßt sich Elisabeth Beck-Gernsheim – »Migranten im Bildungsbereich: Warum ihre Leistungen unsichtbar bleiben«. Die offiziellen Bildungsstatistiken gehen allesamt pauschal von Bildungsdefiziten aus und enden üblicherweise mit der Frage, warum Immigranten in ihren Bildungsbemühungen nicht besser vorankommen. Wenngleich die Autorin weit davon entfernt ist, unbegründeten Optimismus zu streuen, legt sie nahe, einige statistische Artefakte und die daraus erwachsenden Schlußfolgerungen kritisch zu reflektieren. An vier Punkten zeigt sie, daß die amtlichen Statistiken kein vollständiges und ausgewogenes Bild der Bildungsbemühungen von Migrantenkindern ergeben.

In einem Rezensionsaufsatz, der thematisch zum Schwerpunkt des Heftes beiträgt, beschäftigt sich Petra Gehring mit einer Sondernummer des Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken, die unter dem Titel »Ressentiment! Zur Kritik der Kultur« erschienen ist. Dabei macht die Rezensentin auf eine Vielzahl durchaus heterogener Texte aufmerksam, die auf ganz unterschiedliche Weise die Rolle des Ressentiments für die Kritik oder aber das Verhältnis der beiden thematisieren. Der erste Beitrag außerhalb des Themenschwerpunktes steht durchaus noch in einer gewissen Nähe zum Phänomen der Mißachtung, also zum Verhalten gegenüber jemandem (oder eben etwas), der (oder das) per definitionem nicht einmal Gegenstand der Verachtung werden kann. Denn Jörn Ahrens erörtert in seiner Abhandlung »Mensch oder Embryo? Die gesellschaftliche Unbestimmtheit frühembryonaler Lebensformen«, auf welche Menschenbilder biowissenschaftliche – und im Anschluß daran ethische und legislative – Diskussionen rekurrieren. Ahrens zielt auf die Analyse von Grenzziehungen, was im Kontext biowissenschaftlicher Debatten als menschlich und was als außermenschlich gilt, und darauf, wie sich diese Definitionsprozesse vollziehen. Auf Basis des jeweiligen – kulturell »montierten« – Menschenbildes wird dann folgenreich verhandelt, wie man sich zu den technischen Möglichkeiten der Manipulation zu stellen hat und »welche lebenden Entitäten dem geltenden Bild des Menschen überhaupt entsprechen sollen und deshalb nicht nur moralisch sondern auch rechtlich als Menschen gelten müssen«.

In der Abhandlung »Interkulturelle Irritationen verstehen – Kommunikationspsychologische Analyseinstrumente und ihre Anwendung auf japanisch-deutsche Interaktionen« entwickeln und untersuchen Helmut Rez, Monika Kraemer und Reiko Kobayashi Hilfsmittel zur Analyse interkultureller Interaktionssituationen, die von nicht selten Mißverständnissen, Verunsicherungen, Ärger oder Konflikten geprägt sind. Sie stellen fest, daß mancher »binnenkultureller Orientierungskompaß« in interkulturellen Begegnungen versagt, auch wenn die Unterschiede zwischen Kulturen niemals prinzipiell, sondern lediglich graduell seien – eine wichtige Prämisse, folgt aus ihr doch die prinzipielle »Verstehbarkeit« der fremden Kultur. Das Feld, auf dem die Autoren ihre Instrumente entwickeln und erproben, und das sie mit einer Vielzahl von Beispielen erhellen, sind deutsch-japanische Interaktionen. In seinem Rezensionsaufsatz »Der weite Weg der Kulturpsychologie und kulturvergleichenden Psychologie« behandelt das Buch von Pradeep Chakkaraths »Kultur und Psychologie. Zur Entwicklung und Standortbestimmung der Kulturpsychologie«, in dem ein Blick auf die Entwicklung der Kulturpsychologie eröffnet wird, der die Fesseln einer allzu engen Wissenschaftsauffassung abwirft.

Doris Weidemann beschäftigt sich in ihrem Rezensionsaufsatz mit dem Titel »Interkulturelle Kommunikation im Spiegel der Kulturstandardforschung« mit dem Nutzen und der Reichweite des in zwei Bänden erschienenen Handbuches »Interkulturelle Kommunikation und Kooperation« herausgegeben von Alexander Thomas, Eva-Ulrike Kinast, Sylvia Schroll-Machl und Stefan Kammhuber.

Die Herausgeber