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Geschichtsbewußtsein interkulturell

Handlung Kultur Interpretation, 2005, Heft 2
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
Hg. von Elfriede Billmann-Mahecha, Alexander Kochinka, Carlos Kölbl, Robert Montau und Jürgen Straub
14. Jg, Heft 2, Mai 2005, ISSN 0942-8356

Die gedruckte Ausgabe von Heft 2, Jahrgang 2005 ist vergriffen.

Die Zeitschrift wurde mit dem Jahrgang 2007 eingestellt.

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Heft 2/2005
Themenschwerpunkt: Geschichtsbewußsein interkulturell



Inhalt

Themenschwerpunkt Geschichtsbewußsein interkulturell

Carlos Kölbl und Jürgen Straub
Geschichtsbewußtsein im Kulturvergleich, interkulturelles Geschichtsbewußtsein.
Zur Einführung   199

Andreas Körber
Geschichtsbewußtsein interkulturell – oder:
Plädoyer für einen interkulturell inkludierenden Begriffsgebrauch  212

Michele Barricelli
Jugend meets nation. Beobachtungen zu aktuellen Artikulationsformen jugendlichen Geschichtsbewußtseins im Zeichen popkultureller Erneuerung der Nation   228

Claudia Lenz und Harald Welzer
Zweiter Weltkrieg, Holocaust und Kollaboration im europäischen Gedächtnis. Ein Werkstattbericht aus einer vergleichenden Studie zur Tradierung von Geschichtsbewußtsein  275

Karola Brede
Über soziale und psychische Grundlagen des Antisemitismus. Daniel J. Goldhagen: »Hitlers willige Vollstrecker« revisited  296

Wolfgang Geiger
Interkulturelle Geschichte und monokulturelles Weltbild   319

Susanne Popp
»…the examination of local phenomena from a global point of view…«. Didaktische Potentiale welt- und globalgeschichtlicher Perspektiven für das historische Lernen   343

Michael Riekenberg
Writing Culture im Geschichtsunterricht   364

Elisabeth Erdmann
Der Beitrag der Geschichtsschulbücher zum Verständnis des Fremden. Prolegomena zu einer komparativen Analyse   380

Autorinnen und Autoren  397


Aus der Einführung

Problemaufriß
Als das Geschichtsbewußtsein als Gegenstand empirischer Forschung entdeckt war, war es bis zu kulturvergleichenden Studien und der Frage nach einem interkulturellen Geschichtsbewußtsein nicht mehr weit. Ans Ende gelangt sind diese Bemühungen keineswegs. Sie haben vielmehr noch einen weiten Weg vor sich. Seit gut einem Jahrzehnt mehren sich die Bemühungen, historische Sinnbildungsprozesse in kulturellen Kontexten aus ganz unterschiedlichen disziplinären, theoretischen sowie methodologisch-methodischen Perspektiven in den Blick zu bekommen. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Es reichen diesbezüglich wenige Hinweise in Form von Schlagworten: Migration, Vertreibung, Flucht, aber auch Tourismus, die massenhafte Verbreitung von Telekommunikationstechnologien, die Entstehung inter- und supranationaler politischer und wirtschaftlicher Zusammenschlüsse, die Pluralisierung von Lebensformen sowie die damit verbundene drastische Zunahme an Differenz-, Alteritäts- und Alienitätserfahrungen lassen auch das historische Bewußtsein derjenigen Menschen, die diesen Entwicklungen ausgesetzt sind und sie in ihrer Weise mittragen und gestalten, alles andere als unberührt. Ein nicht unerheblicher Teil der Menschheit sieht sich heute aufgrund des angedeuteten sozio-historischen Wandels vor der Herausforderung, sich mit einer Vielzahl fremder, bisweilen konfligierender und widerstreitender geschichtlicher Narrative auseinandersetzen zu »müssen«, jedenfalls damit in Berührung zu kommen, und uno actu vor der nicht minder dringlichen Herausforderung eines dramatischen Umbaus ihres eigenen historisch vermittelten Selbstverständnisses. Dabei gilt es, gerade die paradoxen und gegenläufigen Effekte von Globalisierungsprozessen nicht aus den Augen zu verlieren. Diese Prozesse verlaufen bekanntlich keineswegs geradlinig, sondern gehen oftmals mit einer vehement betriebenen Rehabilitierung lokaler und partikularer Traditionen und Praktiken einher, teilweise mit ihrer »Wiederentdeckung« und Neuerschaffung im Zeichen einer »postkolonialistischen« Ära. Vielfach stehen diese Gegenbewegungen im Zeichen der Selbstbestimmung und Selbstbehauptung und beanspruchen das Etikett der Emanzipation.

Ein willkürlich herausgegriffenes, interessantes Beispiel stellen neuere indigene Bewegungen in den Andenrepubliken Südamerikas dar, deren Mobilisierung etwa in Bolivien und Ecuador zu dramatischen politischen Verwerfungen geführt hat, wobei der »Präsidentensturz« nur ihre augenfälligste Manifestation ist. Keineswegs zufällig ist auch der Beginn der neo-zapatistischen Revolte im Süden Mexikos 1994 mit der Errichtung der Freihandelszone NAFTA, an der Kanada, die Vereinigten Staaten von Amerika und Mexiko partizipieren, zusammengefallen. Ebenfalls hochsymbolischen Charakter haben in diesem Zusammenhang die Proklamationen vom notwendigen Ende der seit der »Entdeckung« Amerikas angeblich 500 Jahre währenden Knechtschaft unter fremdem Joch. Daher wäre nichts verfehlter als die Vorstellung einer widerspruchsfreien und »harmlosen« Konstitution eines globalisierten und global gleichermaßen gültigen modernen, interkulturell aufgeklärten Geschichtsbewußtseins. Dies wird durch die Asynchronität geschichtlicher Entwicklungen, mithin die »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen«, einen bisweilen höchst unübersichtlichen machtgesteuerten Kampf um die Durchsetzung von Geschichtsbildern und -deutungen sowie eine Binnendifferenzierung des Projekts der Moderne im Sinne von »multiple modernities« wirksam verhindert.

Vor diesem Hintergrund stecken die nachfolgend abgedruckten Beiträge zu einem interkulturell inkludierenden Begriff des Geschichtsbewußtseins, zur Rolle nationaler Aspekte in einem international informierten jugendlichen Geschichtsbewußtsein, zur Tradierung des Zweiten Weltkriegs im europäischen Gedächtnis, zu sozialen und psychischen Grundlagen des Antisemitismus, zu interkultureller Geschichte und monokulturellem Weltbild, zu den Potentialen von Weltgeschichte- und Globalgeschichte-Curricula, zum Nutzen einer »Writing Culture« im Geschichtsunterricht sowie zu Angeboten des Fremdverstehens in deutschen, französischen und englischen Geschichtsschulbüchern Areale eines zu einem beträchtlichen Teil noch fruchtbar zu machenden Forschungsfeldes ab. Der vorliegende Themenschwerpunkt hat keinen Überblickscharakter und wartet nicht mit einer ausgefeilten Systematik auf. Er kann aber in begrifflichen Analysen und empirischen Fallbeispielen Konturen eines dynamischen und vielversprechenden multi-, inter- und transdisziplinären Wissenschaftlichen Unternehmens sichtbar werden lassen, dessen intensivierte Inangriffnahme längst überfällig ist. Bevor wir auf die einzelnen Beiträge etwas näher eingehen, möchten wir in aller Kürze auf das Verhältnis von Kultur und Geschichte eingehen, drei Lesarten der Abbreviatur »Geschichtsbewußtsein interkulturell« vorstellen und uns an einigen Stichworten zur weiteren Ordnung des Forschungsfelds versuchen.