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Literaturanalysen

Handlung Kultur Interpretation, 2006, Heft 2
Handlungstheorie und Kulturpsychologie
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
Hg. von Elfriede Billmann-Mahecha, Alexander Kochinka, Carlos Kölbl, Robert Montau und Jürgen Straub

16. Jg, Heft 2, Oktober 2006, ISSN 0942-8356
Die Zeitschrift wurde mit dem Jahrgang 2007 eingestellt.

Einzelheft 17,00 Euro
E-Book (PDF) 11,80 Euro

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Inhalt

Vorwort  209

Themenschwerpunkt: Literaturanalysen

Hans-Dieter König
Hochzeit als männliches Initiationsritual
Psychoanalytisch-tiefenhermeneutische Rekonstruktion einer Kurzgeschichte
von Ernest Hemingway  212

Pradeep Chakkarath
Zur Kulturabhängigkeit von »Irritationen« – Anmerkungen zur psychoanalytisch-tiefenhermeneutischen Textanalyse am Beispiel von Hans-Dieter Königs »Wedding Day«-Interpretation  246

Brigitte Boothe
Abraham, der Ausgezeichnete. Die Loyalitätsprobe  274


Weitere Abhandlungen

John Torpey
Dynamik der Verleugnung: Reaktionen auf vergangene Greueltaten in Deutschland, der Türkei und Japan  305

Kathrin Busch
Pathische Repräsentation  349

Bert T. te Wildt und Jann E. Schlimme
Identität und Interpersonalität im Cyberspace  376

Autorinnen und Autoren  398


Vorwort

Der Themenschwerpunkt der vorliegenden Ausgabe von Handlung Kultur Interpretation steht unter dem Titel Literaturanalysen. Die Literatur, auf die sich die Analysen dabei richten, könnte kaum unterschiedlicher sein, was Entstehungszeit oder Genre betrifft: Zum einen handelt es sich um eine biblische Erzählung, zum anderen um eine Kurzgeschichte von Ernest Hemingway. Beginnen wir mit der letzteren, zu der wir sogar zwei konkurrierende Interpretationen vorstellen können.

Zunächst stellt Hans-Dieter König unter dem Titel »Hochzeit als männliches Initiationsritual. Psychoanalytisch-tiefenhermeneutische Rekonstruktion einer Kurzgeschichte von Ernest Hemingway« seine Deutung der short story »Wedding Day« vor. Methodisch orientiert sich König dabei an der auf Lorenzer zurückgehenden Tiefenhermeneutik, deren zentrale Leitlinien er einleitend charakterisiert. Die szenische Interpretation, die an den Irritationen der Leserinnen und Leser ansetzt, erweist dabei als zentrale latente Sinngehalte des Textes die Angst des Mannes vor der Frau und den resultierenden männlichen Kampf gegen das Weibliche. In Szene gesetzt werden diese Inhalte mit Hilfe des sagenumwobenen (amerikanischen) Westens. König behandelt im weiteren die sozialisatorische Funktion eines solchen Textes und bettet die angesprochene Angst des Mannes vor der Frau unter Bezug auf Talcott Parsons in einen weiteren sozialisationstheoretischen Kontext, in dem etwa Verwandtschafts- und Berufssysteme der modernen Industriegesellschaften zur Entstehung der Angst führen.

Mit derselben Kurzgeschichte – und mit Hans-Dieter Königs Interpretation – befaßt sich auch Pradeep Chakkarath in seinem Beitrag »Zur Kulturabhängigkeit von ›Irritationen‹ – Anmerkungen zur psychoanalytisch-tiefenhermeneutischen Textanalyse am Beispiel von Hans-Dieter Königs ›Wedding Day‹-Interpretation«. Er argumentiert zunächst dafür, die »Irritationen«, die ein zentrales methodisches Instrument der tiefenhermeneutischen Analyse darstellen, nicht universell, sondern auf dem Hintergrund je kulturspezifischer Erfahrungen und Identitäten zu konzipieren. Gestützt durch eine Fülle an Details entwickelt Chakkarath dann eine alternative Lesart der Kurzgeschichte: Nicht vom Geschlechterkampf oder von männlicher Angst handelt sie demnach, sondern von der »Reise« eines Schamanen, einem symbolisch verschlüsselten Bericht von den Vorbereitungen und der Durchführung eines schamanistischen Rituals, in dem schließlich in Trance und Erleuchtung Kontakt mit dem Göttlichen aufgenommen werden soll. Beide Abhandlungen – die Chakkaraths und die Königs – zusammengenommen geben ein vorzügliches Beispiel dafür, wie heterogen die Interpretation kultureller Objektivationen (wie auch jede andere Interpretation) ausfallen kann; sie illustrieren aufs trefflichste die Rolle der Rezipienten bei der Produktion von Sinn und regen dazu an, allgemein über Reichweiten und Grenzen von autor- gegenüber werk- oder leserzentrierten Deutungen nachzudenken.

Auch in der dritten Abhandlung des Themenschwerpunktes geht es um unterschiedliche Lesarten ein- und desselben Textes. Unter dem Titel »Abraham, der Ausgezeichnete. Die Loyalitätsprobe« beschäftigt sich Brigitte Boothe mit der biblischen Erzählung »Abrahams Versuchung. Bestätigung der Verheißung, Genesis 22, 1-19«. Dabei identifiziert und diskutiert sie unterschiedliche theologische bzw. psychoanalytische Lesarten. Die narrativen »Moralen« von Genesis 22 umfassen etwa die Lesarten »Lob der Gehorsamstugend im Gottesbezug«, »Aktive Prüfung der Verheißungsverläßlichkeit« und »Projektion menschlicher Destruktionsbereitschaft auf die göttliche Instanz«. Alle Interpretationen werfen jedoch offene Fragen auf. Die Lesart vom Lohn der Gehorsamstugend beispielsweise reduziere die starke Persönlichkeit Abrahams auf die Figur eines willigen Vollstreckers. Aber auch die »psychoanalytische Dekonstruktion ist fragwürdig, weil sie destruktive Impulse unterstellen muß, für die der Text keine Hinweise gibt«. Die Autorin unternimmt dann selbst eine detaillierte erzählanalytische Untersuchung, in deren Verlauf sie eine Lesart der Erzählung als Inszenierung von Loyalität innerhalb der Beziehungsfigur der Privilegierung entwickelt und begründet.

Im ersten Beitrag außerhalb des Themenschwerpunkts widmet sich John Torpey in »Dynamik der Verleugnung: Reaktionen auf vergangene Greueltaten in Deutschland, der Türkei und Japan« den dunklen Spuren der Vergangenheit. Er ordnet seine Abhandlung einer »Soziologie der Verleugnung« zu und untersucht die Frage, weshalb manche Staaten eine Anerkennung von und eine Sühne für vergangene Verbrechen schuldig bleiben. In komparativer Perspektive analysiert er die – vor allem staatsoffiziellen – Reaktionen auf vergangene Greueltaten in Deutschland, der Türkei und Japan. Dabei interessiert ihn im deutschen Fall weniger der Umgang mit der NS-Zeit. In den Mittelpunkt gerückt werden vielmehr die deutschen Verbrechen während der Kolonialzeit im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Diese können, so Torpey, in der Nachträglichkeit der historischen Betrachtung geradezu als Vorläufer für die NS-Verbrechen gesehen werden. Was die Türkei betrifft, beschäftigt sich Torpey mit den Massakern an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts und dem gegenwärtigen Umgang mit ihnen – auf der Seite der türkischen Regierung und der armenischen Diaspora. Japan interessiert den Autor vorzugsweise im Hinblick auf die Verbrechen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, wobei die »Vergewaltigung von Nanking«, das »Trostfrauensystem« sowie die Greueltaten der berüchtigten militärischen Einheit 731 im Zentrum der Ausführungen stehen. Das Ergebnis von Torpeys Analysen ist die Freilegung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der komplexen Dynamik der Verleugnung dreier Staaten, die nicht zuletzt deutlich macht, wie immun politische Instrumentalisierungen der Vergangenheit gegen genuin geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse sind.

In der Abhandlung »Pathische Repräsentation« legt Kathrin Busch Ansatzpunkte für eine Revision der Repräsentationsthematik vor. In der damit verbundenen kritischen Befragung abbildhafter oder mimetischer Konzeptionen sieht sie jedoch auch die Gefahr konstruktivistischer und voluntaristischer Verkürzungen. Dieser Gefahr begegnet sie mit dem Beharren auf dem Eigensinn des Repräsentierten und der Einführung des Begriffs der pathischen Repräsentation. »Mit dem Begriff des Pathischen werden Aspekte der Passivität, des Widerfahrnisses sowie der Affektivität für die Repräsentationsthematik fruchtbar gemacht, um demjenigen Rechnung zu tragen, was nicht schlechthin konstruierbar ist«. Ihr Anliegen löst Busch in begriffsgeschichtlichen Anmerkungen, systematischen Sondierungen, einer Notiz zur Performativität und schließlich in der Benennung von Aspekten und Ansatzpunkten »für eine pathische Umwendung der Repräsentationsproblematik« en detail ein.

Bert T. te Wildt und Jann E. Schlimme schließlich beschäftigen sich unter dem Titel »Identität und Personalität im Cyberspace« mit den Auswirkungen, die eine zunehmende »Virtualisierung« des menschlichen Lebens auf die personale und soziale Identität des Menschen hat. Wenn sich Menschen nicht mehr real, sondern im virtuellen Raum in verschiedenen Rollen bewegen, begegnen und miteinander interagieren, dann eröffnen sich, so die These, Chancen und Risiken für die menschliche Psyche und ihre Entwicklung. Diesen Chancen und Risiken der Identitätsbildung gehen die Autoren entlang medienpsychologischer Überlegungen nach. Dabei interessiert zum Beispiel, welche Konsequenzen für die eigene weitere Lebensgeschichte durch angenommene bzw. verkörperte Cyber-space-Identitäten überhaupt erfahren werden bzw. erlitten werden müssen. Ausgehend von dem für virtuelle Identitäten verwendeten Begriff des Avatars, der ursprünglich Inkarnation des Göttlichen bedeutet, wird geprüft, inwiefern die digitale Medialisierung des menschlichen Lebens der personalen Identität eine vielversprechende Herausforderung, eine geradezu metaphysische Perspektive eröffnet.

Die Herausgeber