Eugen Drewermann und das gegenwärtige Problem der Sinnstiftung Vergrößern

Eugen Drewermann und das gegenwärtige Problem der Sinnstiftung

Christel Gärtner
Eugen Drewermann und das gegenwärtige Problem der Sinnstiftung
Eine religionssoziologische Fallanalyse

Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik
Band 1
Herausgegeben von Ulrich Oevermann, Roland Burkholz und Christel Gärtner

541 Seiten, broschiert
Frankfurt am Main 2000
ISBN 978-3-934157-04-0
Buch 34,80 Euro
E-Book (PDF) 22,80 Euro

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Wie läßt sich die Sinnfrage in der Moderne, also unter der Bedingung, daß religiöse Mythen und Deutungsmuster ihre unhinterfragte und kollektiv geteilte Geltung verloren haben, noch beantworten? Das Forschungsinteresse dieser Untersuchung gilt einerseits der Frage, welche Mythen dem modernen Menschen für das Bewährungsproblem überhaupt noch zur Verfügung stehen. Andererseits ist neben den gegenwärtigen Lösungsversuchen auch die Relevanz von Interesse, die dem jüdisch-christlichen Schöpfungs- und Erlösungsmythos in der okzidentalen Kultur als der maßgeblichen religiösen Tradition bei der Beantwortung der Sinnfrage noch zukommt bzw. noch zukommen kann.

Bietet Drewermanns Botschaft auf das gegenwärtige Sinnproblem des Menschen in der modernen, durchrationalisierten Gesellschaft eine Antwort? Aufgrund der zahlreichen Anhängerschaft war das zunächst zu erwarten. Die Rekonstruktion der Schriften Drewermanns zeigte jedoch, daß er weder eine wissenschaftlich haltbare noch eine praktische Lösung im Hinblick auf die Bearbeitung des Sinnproblems entwickelt. Vielmehr reproduziert sich in dem Versuch, die Sinnfrage erfahrungswissenschaftlich begründen zu wollen, das Dilemma des modernen Subjektes: Einerseits entfällt die durch eine Gemeinschaft verbürgte Verbindlichkeit eines religiösen Mythos; der moderne Mensch muß sich sein Weltbild sozusagen selbst »konstruieren«. Andererseits ist es schwierig geworden, bedingungslos zu glauben, d.h., wenn er an Gott oder ein Leben nach dem Tode glaubt, muß er diesen Glauben letztlich begründen können. Zudem muß die Begründung den Anforderungen wissenschaftlicher Rationalität standhalten können. Eine wissenschaftliche Theorie kann aber per se nicht an die Stelle eines Mythos treten, weil damit die Theorie selbst zum Mythos würde.

Die Autorin
Christel Gärtner (geb. 1958) ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster.

Inhalt

Vorbemerkung 9
Einleitung 11

1 Forschungsinteresse und Wahl des Untersuchungsgegenstandes 11
1.1 Das Sinnproblem des modernen Subjektes aus soziologischer Sicht 11
1.2 Theoretischer Rahmen 15
1.3 Gegenstand der Untersuchung 18
2 Durchführung der Untersuchung: Datenerhebung und -auswertung 23
2.1 Datenerhebung 23
2.2 Datenauswertung 24
3 Darstellung der Untersuchung 27


Teil A
Drewermanns Botschaft 33


I Drewermanns Grundposition anhand der Strukturen des Bösen: Das Existenzproblem 35

1 Vorbemerkung 35
2 »Strukturen des Bösen«: Eine erste Annäherung 38
2.1 Erste Feinanalyse: »Die Hauptthese« 41
2.1.1 Diskussion der »Hauptthese« 56
2.1.2 Strukturgeneralisierung 65
2.2 Zweite Feinanalyse: »Ein einziger Gedanke« 67
2.2.1 Strukturgeneralisierung 77
3 Angst als tragende Kategorie im Gedankengebäude Drewermanns 79
3.1 Zur Funktion von Mythen 79
3.2 Die jahwistische Urgeschichte 82
3.2.1 Drewermanns exegetische Interpretation des »Baumes der Erkenntnis« 84
3.2.2 Der »Sündenfall« 86
3.2.3 Die erste Erkenntnis: Geschlechterdifferenz 98
3.2.4 Zur Logik der beiden Bäume 103
3.2.5 Zusammenfassende Diskussion 108
3.3 Die Psychoanalyse als Instrument zur Bestätigung der These Drewermanns von der Angst als Grundphänomen 113
3.3.1 Drewermanns Rezeption der Begriffe Über-Ich und Urnarzißmus 114
3.3.2 Zum Begriff des Objektverlustes 116
3.3.3 Die Angst im Verhältnis zu den Abwehrmechanismen: Drewermanns »Verbiegung« der Freudschen Position 118
3.3.4 Zur biologischen Unvermeidlichkeit des Schuldgefühls 138
3.4 Zusammenfassung und Kritik der Drewermannschen Psychoanalyserezeption 141
4 Die Schuldproblematik in Drewermanns Denken 151
4.1 Zur Entstehung der Schuld: Drewermanns theologische Perspektive 151
4.1.1 »Sünde als Neurose vor Gott« 152
4.1.2 Drewermanns theologische Formulierung der Kernfrage: Wie kann Angst schuldhaft sein? 154
4.2 Drewermanns Kierkegaard-Rezeption: Der Zusammenhang von Angst, Glaube und Schuld 156
4.2.1 Exkurs zu Kierkegaard: »Der Begriff Angst« 157
4.2.2 Zum Glaubensbegriff bei Kierkegaard 164
4.2.3 Drewermanns These von der »Schuld an der Notwendigkeit der Sünde« 169
5 Das Problem des Angstbegriffs als Konstitutionsbegriff 175

II Drewermanns Deutung der christlichen Erlösungsthematik unter ausgewählten Gesichtspunkten 183

1 Tiefenpsychologische Bibelauslegung: Archetypen als Bilder der Seele 185
1.1 Drewermanns Kritik an der »historisch-kritischen« Methode 186
1.2 Drewermanns Vorschlag einer »archetypischen Hermeneutik« 188
1.2.1 Exemplarische Sequenzanalyse zu den methodischen Aporien 196
1.3 Archetypen statt dialektischer Übergang zur Kulturgeschichte 206
1.3.1 Exkurs zum Archetypenbegriff bei Jung 207
1.3.2 Tiefenpsychologisches Denken nach Jung 211
1.4 Zur Problematik der tiefenpsychologischen Bibelauslegung 216
2 Zum christlichen Mythos der Jungfrauengeburt 219
2.1 Vorbemerkung: Drewermanns Anliegen 221
2.2 Zur Genese des Mythos 224
2.3 Die Rekonstruktion der lukanischen Verkündigungsszene 227
2.3.1 Die »Verheißung der Geburt Johannes' des Täufers« (1,5-25) 228
2.3.2 Die »Ankündigung der Geburt Jesu« (1,26-38) 228
2.3.3 Sequenzanalytische Auslegung von Lk 1,26-38 231
2.3.4 Gestaltung und theologische Bedeutung der Lukaserzählung 240
2.4 Drewermanns Deutung der lukanischen Verkündigungsszene 244
2.4.1 Der Engel in der Verkündigung bei Drewermann 244
2.4.2 Zwischenbetrachtung: Die Restriktion der Lukasinterpretation durch die Reduktion auf Archetypen 253
2.4.3 Zur Verkündigungsszene als Inkarnation des ägyptischen Mythos von der göttlichen Geburt 256
2.4.4 Zum Mythenvergleich 264
2.5 Die Quintessenz der Deutung der lukanischen Verkündigungsszene bei Drewermann: Erlaubnis zum Dasein, Selbstzeugung und Neubeginn 266
3 Grundzüge der Drewermannschen Botschaft 273
3.1 Zur wissenschaftlich theoretischen Fundierung der Position Drewermanns 274
3.1.1 Wissenschaftlicher Anspruch und die Vermischung von Theorie und Praxis bzw. Theologie und Erfahrungswissenschaft  276
3.1.2 Die Vermischung von Seelsorge und Therapie 279
3.1.3 Methodische Unklarheiten und die Ambivalenz der Rollen 283
3.2 Die Folgen der unhistorischen Betrachtung 288
3.3 Kann Drewermanns Botschaft verbindlich sein? 296


Teil B
Die Wirkung der Botschaft Drewermanns 303


III Drewermann: Ein genuiner Gefolgschaftsstifter oder Nutznießer eines Zeitgeistphänomens? 305

1 Die Unverbindlichkeit des Heilsversprechens 306
1.1 Zur Einbettung des Dialogs in den Katholikentag als Gesamtveranstaltung 307
1.2 Sequenzanalyse einer seelsorgerischen Zuwendung im »Dialog« 308
1.3 Der »seelsorgerische« Dialog im Verhältnis zur »Verkündigung« Drewermanns während der Veranstaltung 332
2 Der »Drewermann-Solidaritätskreis Paderborn« 335
2.1 Die Genese des Solidaritätskreises 335
2.2 Die Spaltung 343
2.2.1 Der erste Brief 343
2.2.2 Der Antwortbrief 349
2.3 Zwei erste Typen der Gefolgschaft 353
3 Fallanalysen 357
3.1 Methodische Vorbemerkung 357
3.2 Ehepaar Mertens 362
3.2.1 Interpretation der objektiven Daten 363
3.2.2 Eingangssequenz 368
3.2.3 Biographische Entwicklung: »vom Bummelzug zum D-Zug« 387
3.2.4 Bedeutung und Grenzen Drewermanns 396
3.2.5 Drewermann als Lizenzierer 407
3.3 Ehepaar Schöler 410
3.3.1 Vorbemerkung 410
3.3.2 Sequenzanalyse 412
3.3.2.1 Zwischen idolatrischer Verehrung und Hingabe an den Charismatiker 412
3.3.2.2 Naive Gefolgschaft 421
3.3.2.3 Glaube an ein Leben nach dem Tod 434
3.3.3 Eine katholische Lebensgeschichte 437
3.3.4 Die Bedeutung Drewermanns im Leben des Ehepaares 450
3.4 Frau Hartig 455
3.4.1 Begegnung mit Drewermann: Eine Konversion 455
3.4.2 Verhältnis zur Kirche 475
3.4.3 Kindheit 479
3.4.4 Gefährtin im Kampf gegen die Kirche 488
3.5 Diskussion der Fallrekonstruktionen: Gemeinsamkeit und Differenz 495
4 Typen der Gefolgschaft 505

Drewermanns Funktion:
Lizenzierung und Schuldentlastung statt Gefolgschaftsbildung 514


Literatur 522