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Die Macht des Geistes

Andreas Franzmann, Sascha Liebermann und Jörg Tykwer (Hg.)
Die Macht des Geistes
Soziologische Fallanalysen zum Strukturtyp des Intellektuellen

Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik
Band 3
Herausgegeben von Ulrich Oevermann, Roland Burkholz und Christel Gärtner

2., korrigierte Auflage 2003
566 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-934157-10-1
Buchausgabe 36,00 Euro
E-Book (PDF) 24,80 Euro

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Im Intellektuellen als sozialer Figur verkörpert und vollzieht sich die Eigenlogik der politischen und kulturellen Öffentlichkeit. Einerseits ist er Staatsbürger wie jeder andere, dessen Meinungsbildung in einem Partizipationswillen mündet, andererseits nimmt er im Gemeinwesen die Strukturstelle des weithin hörbaren Organs der öffentlichen, auf Zuspitzung und Kontroverse angewiesenen Auseinandersetzung um den richtigen Weg der Gemeinschaft ein. Seine Herausgehobenheit gründet nicht in einer besonderen, erlernbaren und auf Dauer auszuübenden Kompetenz, sondern in der je konkreten Bewährung einer Deutungskraft, die sich fallspezifisch immer wieder von Neuem an Krisen bilden muß; sein Räsonnement bewährt und legitimiert sich nur, wenn seine Krisenwahrnehmung als zutreffend, ja als unabweisbar erscheint und es ihm gelingt, mit seinen Argumenten in der Öffentlichkeit eine Gefolgschaft zu bilden. Diese spezifische Verbindung von Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft mit seiner charismatischen Sonderstellung in ihr, weist den Intellektuellen – im Sinne Max Webers – als den verdiesseitigten Nachfolgetypus des antiken jüdischen Propheten aus.


Inhalt

Vorwort  7

Der Intellektuelle – Soziologische Strukturbestimmung des
Komplementär von Öffentlichkeit  13
Ulrich Oevermann

Der »Sonnenhymnus« des Echnaton. Monotheismus und
Mittlertum in der Amarna-Religion  77
Johannes Twardella

»Folge du dem Seher dann …«. Traditionale und autonome Gefolgschaft. Macht des Geistes und weltliche Herrschaft in Sophokles' »Antigone« – Exemplarische Analyse der Verse 988 bis 1090  113
Andreas Franzmann/Sascha Liebermann

Struktur und Legitimität der Jakobinerdiktatur. Die Fundamentalisierung des Politischen durch das Ineinanderschieben von politischer Entscheidungsfindung und deren Überwachung durch die Öffentlichkeit  163
Stefan Kutzner

Mit Leier und Schwert. Intellektuelles Handeln in Deutschland
zur Zeit des Befreiungskrieges 1813–1815   207
Stefan Döldissen

Der Strukturtyp des modernen Intellektuellen. Sequenzanalyse von Émile Zolas offenem Brief an den Präsidenten der Republik »J'accuse« vom 13. Januar 1898 auf der Grundlage der Analyse der objektiven Daten der Affäre Dreyfus  263
Andreas Franzmann

Amerikanische Kultureliten und der Erste Weltkrieg, 1914–1917. Rekonstruktion eines Modells lebenspraktischer Bewährung anhand des Aufsatzes »The Long Wards« von Henry James  337
Axel Jansen

Der Intellektuelle im totalitären Machtgefüge. Die Fortsetzung der deutschen Sonderwegslogik im kadersozialistischen Illusionismus einer progressiven Kulturnation – Sequenzanalyse der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR vom 17. November 1976   395
Andreas Franzmann

Medien als Multiplikator von Massenwirksamkeit und als Produzenten des Medienintellektuellen. Das Phänomen Drewermann  451
Christel Gärtner

Vergemeinschaftende Loyalität und vergesellschaftendes Wertschöpfungsinteresse. Unternehmerisches Handeln und nationalstaatliche Vergemeinschaftung  491
Sascha Liebermann

Die Autoren  566


Vorwort

Das aus heutiger Sicht erste Manifest intellektuellen Engagements im modernen Sinne formulierte Emile Zola mit »J'accuse«, einem offenen Brief an den Präsidenten der Französischen Republik, womit er im Januar 1898 in die bereits vier Jahre andauernde Dreyfus-Affäre eingriff. Paradigmatisch treten daran alle Strukturmomente in Erscheinung, die das Handeln des modernen Intellektuellen charakterisieren. Indem Zola am konkreten Fall des wegen Spionage zu Unrecht verurteilten Hauptmann Dreyfus eine latente Krise des Gemeinwesens öffentlich diagnostizierte, ihre Lösung argumentativ überzeugend einklagte und mit der charismatisierenden Selbstverpflichtung, nicht eher ruhen zu wollen, bis Dreyfus Gerechtigkeit widerfahren sei, sich selbst in die Krisenbewältigung involvierte, setzte er ein die Öffentlichkeit entzweiendes Räsonnement in Gang, das konträre Positionen – Unverletzlichkeit der Rechte des Einzelnen versus Vorrang der Staatsraison um jeden Preis – konfrontierte, deren Spannung sich nicht argumentationslogisch, sondern nur in je praktischer Entscheidung auflösen läßt. In der Dreyfus-Affaire gewinnen somit zwei in der abendländischen Geschichte sich seit langem entwickelnde, in Frankreich seit der Revolution von 1789 sich beschleunigt transformierende Konstitutionsprozesse erstmals deutlich Kontur: die Ausdifferenzierung der politischen Öffentlichkeit und des Intellektuellen als ihres zentralen Protagonisten, insbesondere in der Situation gesellschaftlicher Krisen.
Der vorliegende Band stellt den Typus des klassischen Intellektuellen ins Zentrum und entwickelt ein soziologisches Modell, das dessen Ausbildung als Strukturtyp vor dem Hintergrund der Ausdifferenzierung politischer Öffentlichkeit rekonstruiert und in Abgrenzung vom Wissenschaftler und Künstler einerseits sowie vom Politiker andererseits expliziert, mithin von jenen sozialen Figuren, die sich gleichfalls als Träger eines öffentlichen Krisenbewußtseins typologisch fassen lassen. Der Schwerpunkt liegt dabei zwar auf dem 19. Jahrhundert als der für die Entstehung des klassischen Intellektuellen bedeutsamsten Epoche, aber historische Vorläufer werden ebenso wie Gegenwartsphänomene beleuchtet.

Der Intellektuelle als Strukturtyp
Aus soziologischer Sicht stellen Intellektuelle vor allem deshalb ein Erklärungsproblem dar, weil sie nicht als sozial kohärente Gruppierung bestimmbar sind. Einer herkömmlichen Klassen- oder Schichtenanalyse entziehen sie sich, da sie weder Institutionen vertreten, noch sich mit politischen oder wirtschaftlichen Interessen identifizieren lassen. Weder sind sich reproduzierende Rekrutierungsbedingungen zu finden, noch erlaubt eine einheitliche Binnenmoral den Schluß auf korporative oder ordensähnliche Bindungen zwischen Intellektuellen. Als eine Profession im strengen Sinne läßt sich das Gruppengefüge ebensowenig betrachten, denn es gibt für Intellektuelle, im Unterschied etwa zur Ärzteschaft, keine ständischen Aufnahme- und Ausbildungskriterien, keine eigene, an einer kodifizierten Professionsethik orientierte Gerichtsbarkeit und folglich auch kein Kollegenverhältnis, das scharfe Kritik intern erlaubt, den Kritisierten aber extern vor persönlichen Anfeindungen durch die Öffentlichkeit schützt. Auch über eine spezifische Arbeitsleistung läßt sich die Tätigkeit des Intellektuellen nicht charakterisieren; ein Beruf des Intellektuellen ist weder erlernbar noch institutionalisierbar. Gleichwohl können wir den Intellektuellen – seit Zola – eine eigenständige Praxis zuordnen. Er tritt situativ auf und erfüllt, fallabhängig begründet, ohne strukturell verorteten Normen verpflichtet zu sein, auf das Wohl der Gemeinschaft zielend, mit dem Besteck des Räsonnements die Funktion der öffentlichen, praktischen Kritik. Die unbedingte Orientierung an einer Sache und an der Logik des besseren Arguments teilt er mit dem Wissenschaftler und Künstler; aber im Unterschied zu deren methodisch kontrollierter, wertfrei autonomer und unpraktischer Erkenntnis argumentiert der Intellektuelle wertgebunden und praktisch. Diese engagierte Bindung an Werte und Gesinnungsideale hat er mit dem Politiker gemein; von diesem trennt ihn aber, daß er nicht die Verantwortung eines Amtes sucht und sich nicht dem Zwang zur Entscheidung und der Logik der Kompromißfindung aussetzen muß.
Im Intellektuellen als sozialer Figur verkörpert und vollzieht sich die Eigenlogik der politischen und kulturellen Öffentlichkeit. Einerseits ist er Staatsbürger wie jeder andere, dessen Meinungsbildung in einem Partizipationswillen mündet, andererseits nimmt er im Gemeinwesen die Strukturstelle des weithin hörbaren Organs der öffentlichen, auf Zuspitzung und Kontroverse angewiesenen Auseinandersetzung um den richtigen Weg der Gemeinschaft ein. Seine Herausgehobenheit gründet nicht in einer besonderen, erlernbaren und auf Dauer auszuübenden Kompetenz, sondern in der je konkreten Bewährung einer Deutungskraft, die sich fallspezifisch immer wieder von Neuem an Krisen bilden muß; sein Räsonnement bewährt und legitimiert sich nur, wenn seine Krisenwahrnehmung als zutreffend, ja als unabweisbar erscheint und es ihm gelingt, mit seinen Argumenten in der Öffentlichkeit eine Gefolgschaft zu bilden. Diese spezifische Verbindung von Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft mit seiner charismatischen Sonderstellung in ihr, weist den Intellektuellen – im Sinne Max Webers – als den verdiesseitigten Nachfolgetypus des antiken jüdischen Propheten aus.

Zur Vorgeschichte intellektuellen Handelns
Der moderne Intellektuelle entstammt der mit der Renaissance anhebenden Säkularisierung der geistigen Berufe, die sich allmählich vom mönchisch-klerikalen Asketentum lösen, ihre Interessen in diesseitigen Sachverhalten (Recht, öffentliche Verwaltung, Finanzen, Naturforschung) befestigen, die philosophische Tradition erneuern und die ethische Frage nach dem guten Leben den neuzeitlichen Bedingungen angleichen. In diesem Prozeß entsteht ein Stand von Geistesaristokraten, der zunächst in Akademien, Universitäten und Clubs den Universalismus der Logik des besseren Arguments zu einem communitarischen, seine feudale Standesherkunft und seinen Partikularismus transzendierenden Prinzip macht. Die Epoche der Aufklärung setzt diese Logik in den Wissenschaften endgültig durch und die mit der bürgerlichen Gesellschaft heranreifende Öffentlichkeit etabliert sie strukturell: die Meinung jeden Bürgers mag Geltung beanspruchen, sofern sie mit Argumenten untermauert wird. Auf diese Weise konstituiert sich in der Öffentlichkeit die Macht des Geistes gegen die Macht der politischen Herrschaft und gegen die Macht des wirtschaftlichen Besitzes; als Personifizierung dieser Macht erscheint der Intellektuelle als Protagonist der Öffentlichkeit.
Politische Öffentlichkeit konstituiert sich als die autonome Sphäre gemeinschaftlicher Willensbildung, die regelt, was die Staatsbürger im Hinblick auf das Gemeinwohl als vernünftig und gerecht erachten. Von der bürgerlichen Gesellschaft und der Sphäre des Politischen unterscheidet sich die Öffentlichkeit wesentlich darin, daß in ihr keinerlei Entscheidungen getroffen werden. Überdies ist sie keine permanente Einrichtung, sondern eine latente Struktur, die sich ad hoc, in einem konkreten Fall und immer wieder von Neuem manifestieren muß. Die Französische Revolution setzt eine langfristige und irreversible Autonomisierung des Politischen in Gang, deren Eigengesetzlichkeit die Herrschaftsverhältnisse durch verschiedene praktizierte Staatsmodelle hindurch unweigerlich zur Konstitution eines republikanisch-parlamentarischen, auf demokratischen Wahlen aufruhenden Parteienstaats führt. Mit der Befestigung des Typus des Berufspolitikers gerät der an dieser Autonomisierung beteiligte revolutionäre Avantgardismus des Intellektuellen in eine strukturelle Krise, weil sich fundamentale Kritik und Utopismus mit realpolitischer Strategie nicht mehr in einer einzelnen Biographie sinnvoll vereinen lassen. Konnten gesellschaftspolitisch ambitionierte Schriftsteller und Journalisten zuvor noch wie selbstverständlich Abgeordnetenmandate wahrnehmen, sind sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf das Feld der Öffentlichkeit verwiesen. Auch in dieser Hinsicht erweist sich die Dreyfus-Affaire als der Umschlagspunkt, an dem dieser Strukturwandel deutlich wird. In der Person Emile Zolas tritt der Intellektuelle als eigenständiger, reiner Typus erstmals auf, die sprachliche Bezeichnung »les intellectuels« beginnt sich einzubürgern, und es findet eine Veralltäglichung intellektueller Debatten statt.

Krise und Zukunft des Intellektuellen
Mit der Dreyfus-Affaire kam nicht nur die latente Struktur intellektuellen Handelns zum Vorschein, sondern es prägte sich zukunftsweisend auch der Gegensatz von Rechts- und Linksintellektuellen aus, der sich das 20. Jahrhundert über stabil durchhält und erst nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus in die Krise gerät. Das mit dem Wegfall des jahrzehntelang die Debatten strukturierenden Ost-West-Konflikts entstandene Vakuum wurde nicht nur in der Orientierungslosigkeit und Deutungslähmung der Intellektuellen sinnfällig, sondern auch in verstärkt einsetzenden Ritualen der Selbstthematisierung.
Zudem haben sich die Massenmedien so sehr transformiert, daß Presse, Rundfunk und Fernsehen nicht mehr nur anlaßbezogen Foren bieten für die Veröffentlichung pronocierter Stellungnahmen zu für die Gemeinschaft relevanten Ereignissen. Vielmehr bedienen sie sich in einer Eigendynamik der Selbstinszenierung zu ihrer Reproduktion der Intellektuellen und bauen sie gemäß einer dem Starkult der Unterhaltungsindustrie analogen Personalisierungsstrategie zu Medienintellektuellen auf.
Dieser neue Typus tritt quasi berufsförmig als Intellektueller auf, mit der Folge, daß sich seine »Einwürfe« vom Kriterium der Sachhaltigkeit und einer wertgebundenen Logik des besseren Arguments lösen, vielmehr unter dem Imperativ stehen, einerseits seinem »image« entsprechen, andererseits durch eine seine Originalität bezeugende Wandlungsfähigkeit überraschen zu sollen. Nicht mehr dient er als Protagonist einer drängenden Sache, sondern diese erscheint als zur Verstetigung seiner Teilnahme am intellektuellen Diskurs funktionalisiert und wird beliebig. Diese Krisenerscheinungen lenken die Frage nach der Zukunft des Intellektuellen in die Richtung der Überlegung, ob sich Trägerschaft und Funktion des krisenthematisierenden und zukunftserschließenden Räsonnements inzwischen nicht in der Weise vergesellschaftet haben, daß die nach wie vor elementaren und herausgehobenen Elemente intellektuellen Handelns, nämlich Krisenwahrnehmung und gefolgschaftsuchende Erprobung von Rechtfertigungen möglicher praktischer Entscheidungen, nicht mehr ausschließlich von Bildungseliten, sondern zunehmend auch durch andere Führungskräfte bzw. durch jeden einzelnen autonomen Staatsbürger vollzogen werden.
Die hier versammelten Arbeiten entstanden zum Teil im Anschluß an die von Ulrich Oevermann und Jörg Tykwer an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main veranstalteten Seminare »Zur Soziologie der Intellektuellen« (SS 1993) und »Die Intellektuellen und die Kulturindustrie« (WS 1993/94). Bei den Beiträgen handelt es sich um Materialanalysen zu Vorläufern und Nachfolgern des modernen Intellektuellentypus, die zum Teil im Rahmen von Dissertationen angestellt wurden. Die vorgestellten Untersuchungen sind dem von der objektiven Hermeneutik erhobenen Anspruch methodischer Explizitheit verpflichtet. Gemeinsamkeit stiftet zudem die soziologische Ausrichtung der einzelnen Fallrekonstruktionen am Forschungskonzept Ulrich Oevermanns, die Logik der Entstehung der Macht des Geistes professionalisierungstheoretisch vor dem Hintergrund der abendländischen Rationalisierungsdynamik zu fassen.

Andreas Franzmann, Sascha Liebermann und Jörg Tykwer