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Strukturprobleme supervisorischer Praxis

Ulrich Oevermann
Strukturprobleme supervisorischer Praxis
Eine objektiv hermeneutische Sequenzanalyse zur Überprüfung der Professionalisierungstheorie
Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik
Band 2
Herausgegeben von Ulrich Oevermann, Roland Burkholz und Christel Gärtner

3. Auflage 2010
314 Seiten, broschiert
Buch 29,80 Euro
ISBN 978-3-934157-21-7
E-Book (PDF) 19,80 Euro

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Inhalt

Editorische Vorbemerkung  7
Vorbemerkung zum erkenntnisstrategischen Stellenwert der Untersuchung  9
Einleitung  21

Teil A
Zur Methode der Untersuchung:
Die Verfahren der objektiven Hermeneutik  27

Teil B
Die Sequenzanalyse des Transkripts der Supervisions-Sitzung  43
I. Vorbemerkung zur Verwendung des Wissens über den äußeren Kontext  43
II. Detaillierte, lückenlose Sequenzanalyse der initialen Interaktionssequenz  45
III. Verdichtende Interpretation der weiteren Äußerungsfolge  125
IV. Detaillierte Sequenzanalyse der konfliktuösen Abschlußphase  195

Teil C
Zusammenfassung der Ergebnisse und professionalisierungstheoretische Schlußbemerkungen  229
I. Das Ablaufschema der gesamten Sitzung  229
II. Zusammenfassung der Befunde  245
III. Zur professionalisierungstheoretischen Interpretation der Befunde und Explikation des in dieser Supervision zutage tretenden Strukturproblems  257
IV. Die Strukturlogik und -dynamik eines professionalisierten Arbeitsbündnisses aus professionalisierungstheoretischer Sicht. Eine soziologische Erklärung der Komplementarität von Übertragung und Gegenübertragung  259
V. Einige professionalisierungstheoretische Schlußfolgerungen über Gemeinsamkeiten und Differenzen des Arbeitsbündnisses in Therapie, Supervision und Beratung  268
VI. Der Stellenwert der objektiven Hermeneutik für die klinische Praxis  276

Transkript  283

Editorische Vorbemerkung [1]

In die einleitende Begründung dieser Schrift gehört eine kurze Bemerkung, warum eine Analyse, die schon vor zehn Jahren – 1991 – in einem ersten Durchgang abgeschlossen wurde und von der Teile schon früher veröffentlicht wurden [2], jetzt erst – bzw. noch – in einer nochmaligen, durchgreifenden Überarbeitung als Monographie veröffentlicht wird. Der wichtigste Grund ist darin zu sehen, daß die Analyse von Anbeginn als eine vollständige Sequenzanalyse des kompletten Sitzungsprotokolls angelegt und durchgeführt war, aber naturgemäß in dem Sammelband, der die aus dem Blickwinkel verschiedener Disziplinen angestellten Betrachtungen desselben Forschungsmaterials zusammenfaßte [3], nur unvollständig publiziert werden konnte. Daher habe ich mit der Begründung der »Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik« dankbar die sich mit dieser Reihe bietende Gelegenheit ergriffen, die vollständige Analyse in einer ungekürzten und nochmals überarbeiteten sowie um wesentliche Teile ergänzten Fassung veröffentlichen zu können. Nicht nur wird hier zum ersten Mal der zweite Teil der Sequenzanalyse publiziert, der die Analyse des für den Gesamtverlauf der Supervision zentralen Abschlusses enthält. Auch der erste Teil wird in einer ausführlichen, gegenüber der bisher publizierten Fassung erheblich erweiterten Version vorgelegt. Darin sind überdies die schon veröffentlichten Textteile noch einmal überarbeitet worden. Auch der Teil C mit den Schlußbemerkungen ist in der hier vorgelegten Fassung vollständig erneuert und um wesentliche Teile erweitert worden: um die Analyse der Segmentierung des Gesamtablaufs der Supervision, die nun als Zusammenschau vom eiligen Leser auch vorweg zur Kenntnis genommen werden kann; um die Zusammenfassung der wesentlichen Befunde und deren professionalisierungstheoretische Einordnung und um eine professionalisierungstheoretische Analyse der Strukturlogik und -dynamik des Arbeitsbündnisses, der darin eingebetteten Komplementarität von Übertragung und Gegenübertragung sowie schließlich eine Analyse der Gemeinsamkeiten und Differenzen von Therapie, Beratung, Supervision und Gruppendynamik. Die Einleitung in die methodischen Grundlagen der Untersuchung ist aus dem Anhang wieder herausgenommen und wie ursprünglich vorgesehen dem Haupttext vorangestellt worden. Daß im Anhang das vollständige Transkript noch einmal – nunmehr zum dritten Male – abgedruckt werden muß, ergibt sich aus der Notwendigkeit, dem Leser zu Zwecken der intersubjektiven Überprüfbarkeit das Analysematerial im selben Band zur Verfügung zu stellen.

Vorbemerkung zum erkenntnisstrategischen Stellenwert der Untersuchung

Daß die vollständige Sequenzanalyse eines vollständigen Sitzungsprotokolls vorliegt, ist vor allem aus den drei folgenden Gründen wünschenswert:

1. Der objektiven Hermeneutik ist mit einem gewissen Recht häufig vorgeworfen worden, es ermangele ihr an dem Ausweis kompletter Fallrekonstruktionen auf der Basis von Sequenzanalysen und darauf fußender Strukturgeneralisierungen. Sie habe sich bisher zu sehr auf die Publikation von Demonstrationen des Verfahrens an kürzeren Beispielen beschränkt. Zwar sind diese Beispiele häufig ihrerseits Ausschnitte aus durchgeführten, aber nicht publizierten längeren Sequenzanalysen gewesen, aber dennoch besteht ein dringender Bedarf, zusammenhängendere Analysen vorzulegen, die als Basis für abgeschlossene Fallrekonstruktionen taugen. Mit der hier vorliegenden Schrift wird eine solche »komplette« Sequenzanalyse methodisch modellierend vorgestellt: Das vollständige, verschriftete Sitzungsprotokoll einer Supervision mit dem psychoanalytisch orientierten Team der psychosomatischen Station einer Klinik wurde lückenlos einer Sequenzanalyse unterzogen, und diese Analyse wird ohne Unterbrechungen, allerdings mit unterschiedlicher Dichte und Detailliertheit, dargestellt.
Nun muß hier sogleich einer Gefahr der Mystifizierung gegengesteuert werden, die sich mit der Frage des notwendigen Umfangs von Sequenzanalysen regelmäßig einstellt. Sie rührt her aus der Übertragung eines in der quantifizierenden Forschung hinsichtlich der Stichprobengröße als Basis für empirische Generalisierungen üblichen Denkens auf die rekonstruktionslogische Forschung, in der es um Strukturgeneralisierung geht. Deren Grundlage besteht in der Authentizität einer in sich integralen Ausdrucksgestalt, deren rekonstruierbare latente Sinnstruktur gültig die Fallstruktur einer Lebenspraxis verkörpert, die ihrerseits so expliziert werden kann, daß die den Bildungsprozeß dieses Einzelfalls bestimmende Fallstrukturgesetzlichkeit zum Vorschein gebracht wird, die die Fallstruktur dieses Einzelfalls sowohl als allgemeinen Typus generiert als auch als Variante einer Fallstruktur, die die Lebenswelt oder das Milieu kennzeichnet, zu der dieser Einzelfall gehört. Es wäre daher ganz unangemessen und käme einem Kategorienfehler gleich, wollte man quantitativ Kriterien für den Umfang einer Ausdrucksgestalt festlegen. Ob sie »lang« oder »kurz« ist, ist irrelevant. Was zählt, ist einzig die naturwüchsige pragmatische Geschlossenheit. Ein Brief z.B. ist in der Regel von seiner Pragmatik her eine viel kürzere Ausdrucksgestalt als z.B. ein nicht standardisiertes Tonband-Interview. Und eine Supervision von eineinhalb Stunden ist länger als ein Erstgespräch. In der vorliegenden Untersuchung geht es um die Fallstruktur einer supervisorischen Praxis in der spezifischen Variante einer Team-Supervision, wobei das Team aus dem Personal einer Klinik-Station für psychosomatische Erkrankungen besteht, das sich als psychoanalytisch orientiert, gewissermaßen als Gesamttherapeut versteht und natürlich seinerseits sich u.a. aus Vertretern der therapeutischen Professionen zusammensetzt, die mit Patienten ein therapeutisches Arbeitsbündnis unterhalten, in dem diese behandelt werden. Für die Erschließung dieser Fallstruktur ist sicherlich die Verschriftung der Tonbandaufnahme einer kompletten Sitzung eine höchst geeignete, ja nahe an die beste denkbare Ausprägung herankommende Datenbasis [4]. Von ihr ausgehend wird man, sofern man nur über eine strukturerschließende Methode verfügt, die hinter ihrer Generierung operierende Fallstrukturgesetzlichkeit sukzessive sequenzanalytisch freilegen können. Natürlich wird man dabei in extenso die je spezifischen und möglicherweise einzigartigen Ausprägungen aufdecken, die bei anderen Supervisionen gar nicht zu beobachten wären. Aber das schränkt die Generalisierbarkeit keinen Deut ein, wie notorisch unterstellt wird.
Denn selbst wenn der einzelne konkrete Fall als »token« eines »type« von diesem erheblich abwiche, also eine Besonderheit darstellte, so ließe sich zum einen diese Besonderung in der Rekonstruktion kenntlich machen, die immer auch die sachliche Angemessenheit der spezifischen Ausprägung im Angesicht der konkreten lebenspraktischen Aufgaben- und Problemstellung zu bestimmen hat, und zum anderen wäre auch eine mehrere Fallausprägungen eines bestimmten Typus, also z.B. eine mehrere Protokolle von Supervisionen mit verschiedenen Supervisoren und verschiedenen Teams vergleichende Untersuchung, nur in dem Maße aufschlußreich, in dem zunächst die konkrete Fallstruktur jedes Einzelfalles jeweils in ihrer individuierten Gestalt auch tatsächlich aufgeschlossen worden wäre. Das ist mit klassifikatorischen, auf eine Fallbeschreibung hinauslaufenden Verfahren grundsätzlich nicht möglich, sondern nur mit fallrekonstruktiven Methoden, die sich an der sequentiellen Struktur der »natürlichen« Protokolle bzw. Aufzeichnungen ausrichten, in denen sich die reale Sequentialität der sich jeweils in eine offene Zukunft entfaltenden Praxis authentisch verkörpert. Eine solche vergleichende Untersuchung ist hier nicht vorgelegt worden, sondern lediglich die Rekonstruktion eines einzigen Protokolles, also eines einzigen Falles in seiner einmaligen Ausprägung. Aber es ist damit der Grundstein gelegt worden für weitere Fallrekonstruktionen in diesem Forschungsfeld. Denn mit dieser Fallanalyse liegt der Anfang einer potentiellen, kumulativen Untersuchungsreihe vor, die beliebig oft in viele verschiedene Richtungen nunmehr ergänzt werden kann.
Sie wird, sofern sie sich in sich als gültig erweisen sollte, was hier naturgemäß beansprucht wird, diese Wertigkeit als Ausgangspunkt unabhängig von ihrer historisch-konkreten Einbettung behalten. Und ihre Gültigkeit läßt sich von jedem Leser im Vergleich der Rekonstruktionen mit der wörtlichen Verschriftung uneingeschränkt und offen überprüfen wie das in der quantifizierenden und/oder klassifikatorisch vorgehenden Forschung niemals der Fall ist, weil darin die Kodierung des Ausgangsmaterials immer nur programmatisch, aber nie konkret nachvollzogen werden kann. Es ist damit ein Höchstmaß an Intersubjektivität und Falsifizierbarkeit gewährleistet.
Entscheidend ist unter diesen Gesichtspunkten also, daß hier eine komplette Protokollierung einer Supervisions-Sitzung von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende analysiert wurde. Wieviel Material dabei anfällt, ist für sich genommen vollkommen unerheblich. Aber man kann an dieser Stelle dem quantifizierenden Kriterium gegenüber anführen, daß das Protokoll aus einer sehr großen Zahl von Äußerungen besteht, die für sich genommen alle in ihrer Einzelheit geeignet sind, das Geschehen in eine andere Bahn zu lenken, so daß die am Ende sich reproduzierende Fallstruktur durch eine Vielzahl von »realen Tests« gelaufen ist, in denen sie sich hätte verändern können, aber nicht verändert hat. Deshalb kommt auch unter diesem Gesichtspunkt dem erschlossenen Ergebnis eine hohe »Validität« und »Reliabilität« zu, obwohl es wenig sinnvoll ist, diese Begriffe in einem rekonstruktionslogischen Vorgehen zu verwenden, das die Gültigkeit seiner Ergebnisse durch direkte Erschließung am unmittelbar gegebenen Datenmaterial sichert und nicht subsumtionslogisch artefizielle »Erhebungen« zwischenschalten muß.
Schließlich ist hinsichtlich der Frage des notwendigen Umfangs von Datenmaterial für das rekonstruktionslogische Vorgehen noch zu berücksichtigen, daß, da es ja immer um die Rekonstruktion historisch konkreter, in sich individuierter Fallstrukturen geht, immer, d.h. auch für noch so umfangreiche Fallmaterialien bzw. Ausdrucksgestalten, gilt, daß sie nur einen ganz geringen Ausschnitt des Lebens der zu untersuchenden Praxis darstellen, und zudem auch immer gilt, daß diese fallspezifische Praxis sich der Möglichkeit nach zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens ändern, d.h. in ihrer Fallstruktur transformieren kann. Angesichts dessen ist eine quantifizierende Bestimmung des Umfangs völlig belanglos. Entscheidend ist wiederum vielmehr, daß die untersuchte Ausdrucksgestalt von ihrer pragmatischen Rahmung her eine in sich geschlossene konkrete Praxis mit einer Eröffnung und einer Beschließung »repräsentiert«.
Von daher gesehen können beispielhafte Ausschnitte, wenn sie nur explizit ihrerseits in einem Gesamtverlauf situiert sind, durchaus aufschlußreiche fallrekonstruktive Strukturgeneralisierungen liefern. Bei der Einschätzung der Forschungsökonomie der objektiven Hermeneutik ist in dieser Hinsicht notorisch übersehen worden, daß die Ausführlichkeit, mit der hier der gesamte Verlauf der Supervision abgedeckt worden ist [5], nur höchst selten wirklich notwendig ist und auch hier zur Erzeugung eines sachlich tragfähigen Ergebnisses nicht notwendig gewesen wäre. Die tatsächliche Ausführlichkeit ist hier vor allem aus Gründen der methodologischen Exploration beibehalten worden. Im Normalfall, z.B. ganz typisch bei der Verschriftung von nicht-standardisierten Interviews, die einen vergleichbaren Umfang haben wie das hier analysierte Supervisions-Protokoll, reicht es, den Anfang des Protokolls und drei weitere Segmente in der Größenordnung von ca. anderthalb Transkriptions-Seiten voneinander unabhängig einer detaillierten Sequenzanalyse zu unterziehen, um zu einer hinreichend differenzierten und prägnanten Fallstrukturhypothese zu gelangen. Das restliche Material wird dann nur noch zur gezielten Suche nach Falsifikatoren und Modifikatoren benutzt. In dieser Untersuchung ist statt dieses normalen, völlig ausreichenden und weitaus weniger aufwendigen Vorgehens exemplarisch das gesamte Protokoll einer gleichermaßen detaillierten Sequenzanalyse unterzogen worden. Allerdings ist in der Darstellung dann doch eine Abkürzung bezüglich der Passagen in der Mitte der Sitzung vorgenommen worden, weil sonst die integrale Publikation unmäßig redundant geworden wäre.
Die Erfahrung zeigt, daß es von diesem »Normalverfahren« unter einer bezeichnenden Bedingung eine Ausnahme geben muß: Immer wenn die Ausdrucksgestalten, die man analysiert, zugleich gültige Kunstwerke in welchem Ausdrucksmaterial auch immer vorliegend sind, ist es von der Sache her notwendig, die Sequenzanalyse detailliert ohne Abstriche bezüglich der Totalität der Ausdrucksgestalt durchzuführen. Das läßt sich auch leicht erklären. Zur Gültigkeit eines Kunstwerkes gehört nämlich wesentlich seine gelungene Verdichtungsleistung. Ihr entspricht, daß im Idealfall nichts in ihm überflüssig ist oder redundant. Auch Wiederholungen haben eine Darstellungs- und Ausdrucksfunktion. Deshalb kann man ein Kunstwerk in seiner Totalität und seiner Eigenart bzw. Besonderung angemessen nur erfassen, wenn man es unabgekürzt gleichermaßen detailliert in allen seinen Einzelheiten der Rekonstruktion unterzieht [6].

2. Entsprechend dem zuvor Ausgeführten soll mit der hier vorgelegten Untersuchung exemplarisch eine komplette Fallrekonstruktion auf der Basis einer detaillierten Sequenzanalyse vorgelegt werden. Nun sind in einer Ausdrucksgestalt, zumal in einer so umfangreichen wie hier, immer mehrere Fallstrukturen gleichzeitig verkörpert. Im vorliegenden Protokoll der Supervision ist das 1. die supervisorische Interaktionspraxis, die bei der hier angewendeten Technik der Team-Supervision entsteht, 2. sind es die verschiedenen beteiligten Personen, insbesondere die des Falldarstellers und des Supervisors, 3. ist es das Team als außerhalb der Supervision existierende Gruppe, 4. indirekt die Klinik-Organisation, 5. die in Rede stehende Einzelbehandlung durch den Falldarsteller und 6. die Patientin dieser Behandlung, um nur die wichtigsten zu nennen. Für die Untersuchung sind nicht alle diese Fälle kennzeichnenden Fallstrukturen gleichermaßen von Belang. Im Zentrum steht die Praxis der Team-Supervision. Aber um deren Fallstruktur rekonstruieren zu können, müssen bis zu einem gewissen Grade die anderen Fälle ebenfalls ausgeleuchtet werden. Denn für eine Supervision ist wesentlich, daß ihr Gegenstand ebenfalls in einer professionalisierten Praxis besteht, für die ihrerseits kennzeichnend ist, daß in ihrem Arbeitsbündnis die Beteiligten als ganze Menschen thematisch sind und nicht nur in einem Rollenausschnitt.
Entsprechend verfährt die Darstellung der Sequenzanalyse kumulativ hinsichtlich der Rekonstruktion der Fallstruktur der supervisorischen Praxis und ergänzt sie um die Rekonstruktion der übrigen Fallstrukturen, so weit das für die Rekonstruktion der Supervision als solcher notwendig ist. Deshalb finden sich neben der Sequenz der dem Verlauf der Supervision selbst entsprechenden 35 Abschnitte in der Darstellung ebenfalls als eigene Abschnitte durchnumerierte Résumés und Exkurse. Der Natur der Sache entsprechend konzentrieren sich diese auf den Anfangsteil der Analyse, weil in der Methode der Sequenzanalyse zu Beginn maximalistisch die im Material enthaltenen Implikationen herausgearbeitet werden müssen, damit ihre Explikation möglichst bald Gegenstand einer gezielten Überprüfung werden kann. In den Résumés werden dem kumulativen Charakter der Fallrekonstruktion entsprechend die jeweils abschnittsweise erreichten Stufen der Fallrekonstruktion zusammengefaßt. Das ist eben nur zu Beginn notwendig und entfällt, wenn die Fallstruktur hinreichend geklärt ist und sich im weiteren Verlauf der Sequenzanalyse nur noch reproduziert. Diese Feststellung ist nicht mit der Annahme zu verwechseln, es ereignete sich dann auch nichts mehr. Im Gegenteil kann gerade die Reproduktion einer Fallstruktur manchmal nur durch sehr heftige Bewegungen aufrecht erhalten werden. Genau das ist hier auch tatsächlich der Fall. Die Exkurse dienen der Fixierung von Einsichten in andere Fallstrukturen, soweit sie als Voraussetzungen und Bedingungen für den Ablauf der supervisorischen Praxis als solcher angesehen werden müssen. Auch sie entfallen mit dem Fortschreiten der Sequenzanalyse immer mehr, weil der weitere Verlauf im Protokoll naturgemäß keine neuen Fallstrukturen mehr ins Spiel bringt.
Da die gesamte Sequenzanalyse vergleichsweise detailliert durchgeführt wird, kann eine zusammenfassende Strukturgeneralisierung am Schluß entfallen. Sie ist in der sequenzanalytischen Darstellung selbst schon so ausführlich enthalten, weil tatsächlich die supervisorische Praxis sich recht bald in der nämlichen Weise reproduziert. Ich werde allerdings in den Schlußbemerkungen des Teils C die wesentlichen Struktureigenschaften noch einmal herausstellen und vor allem eine kommentierte Segmentierung des Gesamtablaufs der Supervision voranstellen, die auch als Zusammenfassung gelesen werden kann.

3. Schließlich liefert erst die vollständige Analyse dieser Supervision die Grundlage für eine professionalisierungstheoretische Auswertung der Untersuchung. Die seit der ursprünglichen Analyse in meinem Forschungsschwerpunkt erarbeiteten Entwicklungen einer neuen Version der Professionalisierungstheorie gehen in nicht unbedeutendem Maße auf die Erfahrungen aus dieser Analyse zurück. Die professionalisierungstheoretischen Schlußfolgerungen ließen sich in den vorher veröffentlichten Fragmenten nicht darstellen, obwohl sie in sie faktisch eingegangen sind. Sie werden hier in die laufende materiale Darstellung eingearbeitet und am Schluß im Teil C noch einmal explizit aufgenommen.
Supervision wird hier professionalisierungstheoretisch als eine notwendige Routinekontrolle einer Praxis aufgefaßt, in deren Mittelpunkt die Aufrechterhaltung eines Arbeitsbündnisses steht. Dessen Logik muß in der widersprüchlichen Einheit von spezifischen und diffusen Beziehungen zwischen dem Experten und seinem Klienten gewährleisten, daß die vollzogene wissenschaftlich begründete Expertenhilfe so durchgeführt wird, daß dabei die Selbstheilungskräfte und die Beteiligung der autonomen Anteile des Klienten nicht nur erhalten, sondern geweckt werden. Denn diese Expertenhilfe zeitigt strukturell die paradoxale Folge, in der erfolgreichen Wiederherstellung der Autonomie des Klienten diese gleichzeitig durch die mit der Delegation der primären selbständigen Krisenbewältigung an einen Experten eingerichtete Abhängigkeit wieder zu beeinträchtigen. Eine solche Strukturlogik erfordert es, das Arbeitsbündnis als eine eigenständige autonome Praxis einzurichten, in der die Beteiligten, der Experte und der Klient, als ganze Menschen gebunden sind und nicht nur als soziale Rollen. Deshalb kann eine solche Praxis auch nicht in der Anwendung von standardisierten Routinen bestehen wie im Modell der ingenieurialen Wissensanwendung, sondern es muß je fallspezifisch das Strukturmodell einer professionalisierten Praxis dem Geiste nach verwirklicht werden. Das erfordert eine habitualisierte Sensibilität auf der Seite des Experten. Diese kann durch Gewöhnung und durch vereinseitigte Erfahrungen auf die Dauer unmerklich aus dem Ruder laufen bzw. in eine Schieflage geraten. Entsprechend muß sie immer wieder korrigiert werden durch die Beteiligung eines Fernstehenden, der auf der Basis einer eigenen Professionalisiertheit in der Distanz zur eingeschliffenen Praxisroutine diese gewissermaßen sokratisch exemplarisch zu durchleuchten und zu korrigieren ermöglicht.
In dieser Auffassung ist die Supervision eine in sich professionalisierte, fallspezifische Kontrolle einer professionalisierten Praxis. Nicht der Experte als ganze Person ist darin thematisch, sondern das Arbeitsbündnis, das er – als ganze Person – mit seinen Klienten unterhält. Deshalb ist auch idealtypisch die Supervision von der Beratung und von der Therapie zu unterscheiden. Supervisionen erfolgen regelmäßig und in sich routinehaft, nicht erst wenn die Außeralltäglichkeit einer akuten Behandlungskrise eingetreten ist. Liegt letzteres vor, dann ist eher eine Beratung bzw. eine Therapie oder ein Analogon dazu notwendig. Supervisionsbedürftig sind deshalb automatisch alle Berufe, die aus einer professionalisierungsbedürftigen Praxis bestehen, unabhängig davon, ob diese Berufsangehörigen ein akutes Problem in ihrer Praxis haben oder nicht.
Seit der ersten Durchführung der hier dargestellten Sequenzanalyse und unter ihrem Einfluß hat die von mir vertretene Version der Professionalisierungstheorie vor allem in den folgenden Hinsichten eine entscheidende Erweiterung erfahren. Unter professionalisierter Praxis verstehe ich heute eine expertenhafte Dienstleistung stellvertretender Krisenbewältigung in den Funktionsbereichen der Herstellung und Aufrechterhaltung einer somato-psycho-sozialen Integrität von Lebenspraxis, der Aufrechterhaltung und Herstellung von Gerechtigkeit und der Gewährleistung einer methodisierten Geltungsüberprüfung bezüglich gesellschaftlichen Wissens. Diese Dienstleistung, die als eine Interventionspraxis den von ihr systematisch unterschiedenen, gegenteiligen Modus der ingenieurialen Wissensanwendung in sich einschließt, aber weit über diese hinausgeht, besteht wesentlich in nicht-standardisierbaren Anteilen. Die Nicht-Standardisierbarkeit ergibt sich in drei verschiedenen Hinsichten. Sie besteht zum ersten darin, daß die Krise, die die konkrete Lebenspraxis eines Klienten nicht mehr selbständig bewältigen kann und an einen Experten delegieren muß, je fallspezifisch in einer rekonstruktionslogischen Operation erschlossen und diagnostiziert werden muß. Sie ergibt sich zweitens daraus, daß die aus dieser Diagnose ableitbare und wissenschaftlich begründbare Therapie oder Intervention jeweils in den fallspezifischen, bildungsgeschichtlichen Zusammenhang der Entstehung der Krise übersetzt werden muß, damit sie greifen kann. Und sie besteht schließlich drittens und vor allem in der schon skizzierten Notwendigkeit der Konstitution eines in sich autonomen, eigenlogischen Arbeitsbündnisses mit dem Klienten, in dem dieser zur autonomen Mitarbeit verpflichtend gebunden ist. Dieses Arbeitsbündnis läßt sich nur als Beziehung zwischen ganzen Menschen etablieren [7].
Das vollständige Protokoll einer in sich innovativen Praxis der Team-Supervision in einem so sensiblen Tätigkeitsfeld wie der Klinik von Psychosomatosen zur Verfügung zu haben, ist für die materiale Forschung eine einmalige Chance. Geeignete Methoden der Erschließung vorausgesetzt, bietet sie reichhaltige Möglichkeiten der theoretischen Modellierung, des Einblicks in die verborgenen und wenig auffälligen, gleichwohl die Praxis dynamisch bestimmenden Interaktionsbewegungen und kommunikativen Gesten und der Vergegenwärtigung der enormen Komplexität und strukturellen Reichhaltigkeit eines letztlich durch Routine zu bewältigenden Geschehens. Vor allem kann die detaillierte, an der Totalität und Konkretion des Protokolls sich bedingungslos abarbeitende Sequenzanalyse darauf aufmerksam machen, mit welcher unglaublichen Geschwindigkeit, Geistesgegenwart und komplexen, spürsicheren Intuition diese Praxis von berufserfahrenen Praktikern bewältigt wird. Das wird sichtbar an der erst in dieser Analyse aufgewiesenen Diskrepanz zwischen der Passung und der Geschmeidigkeit des kommunikativen Vollzugs der an der Supervision Beteiligten einerseits und der in der expliziten Analyse außerordentlich schwierigen Aufgabe, diese intuitiv glatt und effizient ablaufende Praxis in ihrer tatsächlichen Strukturiertheit und Prägnanz präzise zu explizieren, andererseits. Es ist dies weitaus schwieriger und komplexer als die Explikation von Theorien, weil es sich dabei gewissermaßen um theoretische Modelle in der »Sprache des Falles« handelt, die in der Regel viel differenzierter sind als vom Material abgehobene theoretische Konstruktionen.
Der Sequenzanalytiker steht mit Erstaunen und Bewunderung vor der strukturellen Reichhaltigkeit der von ihm detailliert analysierten Praxis. Wenn darin der Sache nach hier und da ein Mißlingen oder eine Problematik zutage gefördert wird, so geht darin allzu leicht unter, daß der Sequenzanalytiker ohne Praxis- und Zeitdruck in fast unbeschränkter Ausführlichkeit beleuchten kann, was in der Praxis selbst als Krisenbewältigung in der für sie riskanten Offenheit in einer im Vergleich dazu unglaublichen Geschwindigkeit hoch strukturiert abläuft. Erklärungsbedürftig wird dann nicht, warum »Fehler« passieren, sondern daß die Praxis so wenig fehlerhaft und so glatt verläuft. Es wird dann erst die außerordentlich hohe Wirksamkeit und Strukturierungskraft einer wissenschaftlich angeleiteten Berufserfahrung bei den Beteiligten deutlich.
Die an der hier analysierten Supervision Beteiligten haben nicht nur mit dieser Supervision eine bewunderungswürdige innovative Leistung vollbracht, sondern darüber hinaus, indem sie generös das Protokoll ihrer Praxis, in der sie sich selbst riskant im Prozeß der Krisenbewältigung exponieren mußten, der Forschung zur Verfügung stellten, einen gar nicht hoch genug einzuschätzenden Beitrag zur wissenschaftlichen Erkenntnis und einer durch sie hoffentlich ermöglichten praktisch bedeutsamen Einsicht geleistet. Ich kann nur hoffen, mit der detaillierten Sequenzanalyse diesem Beitrag in methodischer Hinsicht einigermaßen gerecht geworden zu sein.


Einleitung

Die nachfolgende Untersuchung fordert dem Leser viel Geduld und wohlwollende Konzentration ab, weil sie ihn einerseits aus dem gewohnten methodischen Denken herausführen muß, um die Sache selbst zum Sprechen bringen zu können, die andererseits schließlich in dem, was erst soziologische Strukturanalyse als Wissenschaft ausmacht: Explikation eines intuitiv-praktisch gestaltrichtig oder gestaltverzerrt erfaßbaren Handlungsablaufs, hier in einer verwirrenden Komplexion sich darbietet, aus der es gleichwohl die sich immer wieder gleichförmig reproduzierenden Sequenzmuster herauszulösen gilt.

Gegenstand der Untersuchung ist die vom Autor verschriftete, vom Leser im Anhang des Bandes vollständig nachlesbare Tonband-Protokollierung der Supervision eines psychoanalytisch orientiert arbeitenden Teams von Therapeuten und Pflegern einer Station für psychosomatische Krankheiten. Der Gegenstand der Supervision besteht in Problemen der Beendigung der Behandlung einer Colitis-Patientin.
Die Sequenzanalyse dieser Supervision kommt der Sache nach einerseits deren Evaluation unter selektiven Gesichtspunkten gleich, obwohl sie andererseits von einem Soziologen durchgeführt wurde, der bezüglich der zu supervidierenden Praxis wie der Praxis der Supervision als Laie und nicht als Professionsangehöriger zu gelten hat. Diese Kombination rechtfertigt sich mithin ausschließlich im Hinblick auf die methodische Vorgehensweise im Modell einer lückenlosen Explikation, ohne daß Erkenntnisse aus der berufserfahrenen Praxis leitend, korrigierend oder abkürzend hinzutreten können. Dieser für die Praxis sicherlich Nachteile mit sich bringende Umstand kann aber in methodischer Hinsicht auch Vorteile bieten, weil er zur Umgehung eingeschliffener Operationen der Ergebnis- und Evidenzsicherung zwingt und deshalb eine gründlichere Überprüfung der Praxis in größerer Distanz und künstlicher Naivetät ermöglicht. Dadurch wird nicht nur die konkrete Supervision evaluiert, gewissermaßen »methodisch-unpraktisch supervidiert«, was auch nicht den Aufwand der Publikation, wenn überhaupt den Aufwand der vollständigen Sequenzanalyse mit allem, was daran an Belastungen hängt, rechtfertigte. Wichtiger ist vielmehr, daß exemplarisch an diesem konkreten Fall durchführbar wird, was ohnehin letztlich verläßlich nur auf der Grundlage konkreter Fallrekonstruktionen möglich ist: die Überprüfung einer spezifischen Supervisions-Praxis und daran von Supervision überhaupt mit ihren besonderen und allgemeinen Strukturproblemen und -eigenschaften. Das ist hier um so einträglicher, als sich die hier untersuchte Supervision m.E. auf ein mutiges und medizinisch äußerst belangvolles Versuchsmodell bezieht, das auf Neuland vorstößt, so daß allein von daher der Erkenntniswert einer begleitenden Sequenzanalyse gewährleistet zu sein scheint. Indem die an der Supervision Beteiligten ihre Praxis als Gegenstand einer Sequenzanalyse zur Verfügung stellen, vollziehen sie neben ihrer Berufspraxis für die wissenschaftliche Forschung eine zweite Pionierleistung.
Dem Leser eröffnet sich dabei der unschätzbare Vorteil, sowohl die Praxis wie die Sequenzanalyse anhand des verschrifteten Protokolls lückenlos verfolgen zu können. Er erhält somit eine optimale Voraussetzung für die Überprüfung sowohl der supervidierten Praxis als auch der Supervision dieser Praxis und schließlich der Methode der sequenzanalytischen Rekonstruktion der Supervision, also für die Überprüfung aufeinander kaskadenartig bezogener wissenschaftlicher Operationen. Damit ist ein Höchstmaß an Voraussetzungen für eine wirklich fallibilistische Zugangsweise eröffnet – und das ironischerweise auf einem methodischen und praktischen Felde, dem im Betrieb von »normal science« gewöhnlich mit dem Vorwurf der Beliebigkeit und »Weichheit« begegnet wird. Aber die intersubjektive, auf Falsifikation systematisch angelegte Nachprüfbarkeit ist nicht nur in ungewöhnlicher Weise gesichert, weil einerseits das Datenmaterial unverkürzt berichtet wird und andererseits darüber hinaus von vornherein der Untersuchungsgegenstand durch ein Verbatim-Protokoll, ein sogenanntes »natürliches Protokoll« des realen Ereignisablaufs, eine optimale Chance erhält, sich gegen theoretische Vorurteile und Konjekturen durchsetzen zu können, sondern vor allem deshalb, weil die Methode der Sequenzanalyse in sich die Permanenz der Falsifikation riskanter Strukturhypothesen an einem tatsächlich vollständig von diesen Hypothesen unabhängigen Datenmaterial darstellt. Die Sequenzanalyse, wie sie hier Verwendung findet, ist in meinen Augen in den Sozialwissenschaften dasjenige Vorgehen, das dem Ideal des Popperschen Fallibilismus am nächsten kommt. Das liegt ganz einfach daran, daß es lückenlos den tatsächlichen Verlauf einer Lebenspraxis rekonstruiert, die in ihrem Vollzug selbst nichts anderes ist als das zukunftsoffene fallibilistische Überprüfen von Routinen und Überzeugungen.
Demgegenüber kommt es einem schlechten Witz gleich, wenn diejenigen sich auf sogenannte »exakte Methoden« des standardisierten Messens berufenden vorgeblichen Popperianer, die zugleich die an die Sache selbst sich anschmiegenden rekonstruktionslogischen Verfahrensweisen der objektiven Hermeneutik als weich, weil »hermeneutisch«, »qualitativ« oder »interpretativ« glauben desavouieren zu müssen oder allenfalls gönnerhaft im explorativen Vorzimmer zur Direktion der exakten Wissenschaft zulassen zu können, in ihren eigenen Forschungen vorgeben, das Falsifikations-Modell, das sie als Ideal programmatisch hochhalten, durch scheinexakte Subsumtion operationaler Indikatoren unter klassifikatorische Begriffe von zu überprüfenden Hypothesen zu erfüllen. In Wirklichkeit haben sie genau durch das, was ihnen Gewähr für Exaktheit und Falsifizierbarkeit bietet: die Subsumtion von in Standardoperationen hergestellten Daten unter operationalisierte Begriffe, der Realität als einzig unabhängiger Überprüfungsinstanz die Zähne der falsifizierenden Kraft gezogen. Denn die Operationalisierung theoretischer Begriffe im subsumtionslogischen Vorgehen, dem das rekonstruktionslogische der objektiv hermeneutischen Sequenzanalyse scharf gegenübersteht, bringt es zwingend mit sich, daß die immer schon sinnstrukturiert konstituierte Gegenstandswelt der Sozialwissenschaften in jener Begrifflichkeit operationalisierend abgefiltert worden ist, in der zugleich auch die Hypothesen formuliert worden sind, die es zu überprüfen gilt. So erhält man in einem schlechten Zirkel am Ende tatsächlich nur das, was man am Anfang schon hineingesteckt hat.
Die nachfolgende Untersuchung wendet sich aber nicht primär an den methodologisch oder wissenschaftstheoretisch interessierten Leser, sondern an den Praktiker der therapeutischen und supervisorischen Intervention. Es kommt ihr deshalb auch nicht primär darauf an, das immer noch im Wissenschaftsbetrieb randständige Modell der objektiv hermeneutischen Sequenzanalyse ein weiteres Mal an einem konkreten Gegenstand zu erproben oder zu demonstrieren, sondern sie soll vielmehr, indem sie sich auf den vorgegebenen Gegenstand möglichst unvoreingenommen einläßt und ihn möglichst in seiner Gesamtheit auszuschöpfen trachtet, dem Praktiker einen methodisch veränderten Einblick in seine Praxis bieten und damit helfen, die möglicherweise unexplizierten Voraussetzungen oder ausgeblendeten Strukturzusammenhänge seines Berufsfeldes, ins Licht der Explizitheit begrifflicher Erkenntnis zu rücken.
Dieses Ziel allerdings ließ sich hier von vornherein nur mit gewissen Abstrichen anvisieren. Die Darstellung einer integralen Sequenzanalyse des gesamten Supervisions-Protokolls in maximaler Detailliertheit hätte den Rahmen jeglicher Publikationsform gesprengt. Allerdings wurde sie faktisch vollständig durchgeführt. Man muß aber zwischen Durchführung und Darstellung unterscheiden. Zwar nützt hinsichtlich des Verfahrens der objektiv hermeneutischen Sequenzanalyse eine summarische Darstellung des bloßen Ergebnisses wenig, weil die Beweisführung der Erschließung dann naturgemäß fehlen muß, und erst die lückenlose Erschließung, wie sie die Sequenzanalyse liefert, dem Ergebnis bzw. der Identifikation des Sachverhalts sowohl einen wissenschaftlich gesicherten Stellenwert gibt als auch die bloße Deskription in eine theoretische Modellbildung transformiert. Aber dennoch kann die Darstellung den tatsächlichen Gang der sequenzanalytischen Erschließung verdichtend und zuweilen auch summarisch wiedergeben, weil die erschlossene Fallstruktur sich sehr bald in einem laufenden Protokoll erkennbar reproduziert und dann nur noch auf die Veränderungen und Modifikationen sowie auf den konkreten thematischen Verlauf geachtet werden muß. Im Konflikt zwischen Lückenlosigkeit der Analyse und gleichmäßiger Gewichtung des gesamten Protokolls angesichts einer unübersteigbaren Begrenzung des Publikationsraumes ist die Entscheidung für die objektive Hermeneutik vorgegeben: Zumindest die Sequenzanalyse des Anfangs und des Endes des Ablaufs der Supervision sollen lückenlos dargestellt werden. Der übrige Raum muß dann für eine verdichtende Raffung des sequenzanalytisch Erschlossenen sowie für eine summarische Paraphrase des Geschehens zwischen dem Anfang und dem Abschluß und für die selektive Herausarbeitung einiger zentraler, auffälliger Weichenstellungen im sequentiellen Verlauf sowie die Fixierung theoretisch interessanter Einzelerkenntnisse reichen. Diese Selektivität wird nicht völlig frei von Willkür sein, und entspricht nicht völlig dem objektiv hermeneutischen Ideal einer lückenlosen Beweisführung. Der Leser wird also vor allem in dieser Hinsicht um Nachsicht gebeten.
Da einerseits die Demonstration der Verfahrensweisen der objektiven Hermeneutik nicht im Vordergrund steht, andererseits aber deren theoretische Begründetheit vorausgesetzt werden muß, was bei dem Leser, an den sich die Untersuchung vor allem wendet, nicht legitim ist, sollen wenigstens die wichtigsten Ziele, Konzepte und Annahmen der objektiven Hermeneutik in einem vorangestellten Teil erläutert werden.


Fußnoten

[1]  Diese Publikation wurde erst möglich im Rahmen des von der DFG geförderten Teilprojektes »Struktur und Genese professionalisierter Praxis als gesellschaftlichen Ortes stellvertretender Krisenbewältigung« innerhalb des SFB/FK 435 »Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel« an der Universität Frankfurt am Main. Sie ist Teil der Projektarbeit im Förderungszeitraum vom 1. 1. 1999 bis 31. 12. 2001.
[2]  Vgl. U. Oevermann, »Struktureigenschaften supervisorischer Praxis – Exemplarische Sequenzanalyse des Sitzungsprotokolls der Supervision eines psychoanalytisch orientierten Therapie-Teams im Methodenmodell der objektiven Hermeneutik« und ders., »Verbatim-Transkript einer Teamsupervision«, in: B. Bardé und D. Mattke (Hrsg.), Therapeutische Teams. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1993, S. 141-269 und S. 109-140.
[3]  Es gab noch einen zweiten Sammelband (M. Buchholz und N. Hartkamp (Hrsg.), Supervision im Fokus. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1997), der die Ausführungen zusammenfaßte, die auf einer von M. Buchholz in Tiefenbrunn (Göttingen) organisierten Konferenz zu dem Sitzungsprotokoll vorgetragen wurden, nachdem jener erste Band schon veröffentlicht war. Es wurde in diesem letzteren Band das von mir angefertigte Transkript als Gegenstand der weiteren Forschung noch einmal abgedruckt (S. 5-39), so daß dem Leser eine umfassende Durchleuchtung dieses Forschungsmaterials zu einem Vergleich zur Verfügung steht, der vor allem die Zugriffsweise und Aussagekraft verschiedener Methoden beleuchtet.
[4]  Eine Verbesserung wäre allenfalls noch möglich in Richtung einer Ausweitung der Protokollierung. Zum einen könnte die nicht-sprachliche Kommunikationssymbolik per Video mit aufgezeichnet worden sein. Das würde aber erfahrungsgemäß keine wesentlichen Verbesserungen für die Fallrekonstruktion mit sich bringen und ist eher von Bedeutung, wenn man sich weniger für die Fallstruktur als für die Eigenschaften von Kommunikation generell interessiert. Zum anderen hätte die zeitliche Umgebung der Supervisionssitzung, insbesondere die mehrfach gestaffelte Eröffnung, mit der sie für die einzelnen Beteiligten in möglicherweise unterschiedlicher Weise aus dem Arbeitsalltag »herausgeschnitten« wurde, und die verabredungsgemäß festgelegte Zielsetzung und Fokussierung einschließlich ihrer organisatorischen Einbettung in die klinikspezifischen Arbeitsabläufe, zusätzlich protokolliert und in der Auswertung berücksichtigt werden können. Das wäre in diesem Falle von großem Nutzen gewesen.
[5]  Obwohl selbst hier,wie noch zu zeigen sein wird, eine mögliche Detaillierung des gesamtenUmfangs vermieden wurde und Abkürzungen organisch eingebaut wurden.
[6]  Vgl. dazu U. Oevermann, »Beckett's ›Endspiel‹ …«, a.a.O. (Fn. 8); ders., »Thesen zur Methodik der werkimmanenten Interpretation vom Standpunkt der objektiven Hermenenutik«, Unpubl. Man., Frankfurt a.M., 1997, 31 S. (Download unter http://www.objektivehermeneutik.de/bib_oev.htm; oder unter http://www.rz.uni-frankfurt.de/~hermeneu/bib_oev.htm); ders., »Bausteine einer Theorie künstlerischen Handelns aus soziologischer Sicht«, Unpubl. Man., Frankfurt a.M., 2001, 56 S.
[7]  Die Begründung dieser Version der Professionalisierungstheorie ist in den folgenden Aufsätzen enthalten: U. Oevermann, »Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns« Unpubl. Man., Frankfurt a.M., 1996, 156 S., zum Teil publiziert unter dem Titel »Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns«, in: A. Combe/W. Helsper (Hrsg.), Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1996, S. 70-182; ders., »Die Architektonik einer revidierten Professionalisierungstheorie und die Professionalisierung rechtspflegerischen Handelns«. Vorwort zu A. Wernet, Professioneller Habitus im Recht. Berlin: edition sigma, 1997, S. 9-19; ders., »Literarische Verdichtung als soziologische Erkenntnisquelle: Szenische Realisierung der Strukturlogik professionalisierten ärztlichen Handelns«, in: Arthur Schnitzlers ›Professor Bernhardi‹«, in: M. Wicke (Hrsg.), Konfigurationen lebensweltlicher Strukturphänomene: soziologische Varianten phänomenologisch-hermeneutischer Welterschließung. Opladen: Leske und Budrich, 1997, S. 276-335; ders., »Struktur und Genese professionalisierter Praxis als gesellschaftlichen Ortes der stellvertretenden Krisenbewältigung«. Langfassung des Antrages des Projektes im SFB/FK 435 »Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel« der Univ. Frankfurt a.M., Unpubl. Man., Frankfurt a.M., 1998, 65 S.; ders., »Der professionalisierungstheoretische Ansatz des Teilprojekts ›Struktur und Genese professionalisierter Praxis …‹«. Unpub. Man., Frankfurt a.M., 1998, 98 S.; ders., »Das Verhältnis von Theorie und Praxis im theoretischen Denken von Jürgen Habermas – Einheit oder kategoriale Differenz?«, in: S. Müller-Dohm (Hrsg.), Das Interesse der Vernunft. Rückblicke auf das Werk von Jürgen Habermas seit ›Erkenntnis und Interesse‹. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2000, S. 411-464; ders., »Dienstleistung der Sozialbürokratie aus professionalisierungstheoretischer Sicht«, in: E.-M. v. Harrach, T. Loer und O. Schmidtke, Verwaltung des Sozialen – Formen der subjektiven Bewältigung eines Strukturkonflikts. Konstanz: UVK, 2000, S. 57-77; ders., »Professionalisierungsbedürftigkeit und Professionalisiertheit pädagogischen Handelns«. Unpubl. Man., Delmenhorst, 2000, 58 S.; ders., »Mediziner in SS-Uniform: Professionalisierungstheoretische Deutung des Falles Münch«, in: H. Kramer (Hrsg.), Die Gegenwart der NS-Vergangenheit. Berlin/Wien: Philo, 2000, S. 18-76.