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Familienmilieu und biographische Verläufe psychisch Kranker

Tomas Steffens
Familienmilieu und biographische Verläufe psychisch Kranker
Fallanalysen zur sozialen Sinnstrukturiertheit schizophrener Erkrankungen

Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik
Band 5
Herausgegeben von Ulrich Oevermann, Roland Burkholz und Christel Gärtner

426 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-934157-11-8

Buchausgabe 34,00 Euro
E-Book (PDF) 23,80 Euro

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Die vorliegende Studie untersucht biographische Problemlage, Familienmilieu und Verlaufskurve von sieben Personen, die in den siebziger Jahren als »schizophren« diagnostiziert wurden. Während Nachuntersuchungen zumeist in ein quantitatives, d.h. hypothetisch-deduktives Forschungsdesign integriert sind, analysiert die Studie mit einem fallrekonstruktiven Design wie die Akteure, die Familiensysteme und die biographischen Verläufe sich in der Spannung von Determination und Emergenz strukturieren. Vor dem Hintergrund eines soziologischen allgemeinen Krankheitsbegriffs, sensibilisierender Konzepte zur Schizophrenie, eines Begriffs von Familie als sozialstrukturell eingebettetem Milieu und als strukturale Triade sowie von Biographie als Habitusform und sozialem Verlauf wird gegenüber der schizophrenen Störung eine sinnverstehende Perspektive eingenommen, die die soziale Strukturierungsebene in den Mittelpunkt stellt.

Schwerpunkt der Arbeit sind sieben Fallrekonstruktionen, die die Struktur familienbiographischer Problemlagen und der auf sie antwortenden subjektiven Habitusformen und biographischen Verläufe herausarbeiten. Die Ablösungsprozesse der Fälle, ihre Verankerung in außerfamilialen Handlungsfeldern, ihre Patientenkarriere und ihr Krankheitsverhalten werden analysiert. Chronifizierung wird als soziale Konstruktion deutlich, und Probleme des psychiatrischen bzw. psychosozialen Versorgungssystems werden benannt. In sozialstruktureller Hinsicht werden die soziale Lage der Fälle und Probleme des sozialökonomischen Copings herausgearbeitet. Vor dem Hintergrund einer knappen theoretischen Erörterung werden Aspekte der Exklusionsthematik diskutiert. Die Studie endet mit einem Plädoyer für eine psychiatrische Soziologie als klinische Soziologie.

Inhalt

Vorwort 9

1. Einleitung 11

2. Die schizophrene Erkrankung im sozialwissenschaftlichen Kontext 17
2.1 Gesundheit und Krankheit aus soziologischer Sicht: Beiträge zu einem allgemeinen Krankheitsverständnis 17
2.1.1 Luhmann: Krankheit als Moment eines soziales Codes 19
2.1.2 Parsons: Krankheit als soziale Abweichung 20
2.1.3 Oevermann: Krankheit als Maximum an möglicher Gesundheit 24
2.1.4 Der Symbolische Interaktionismus: Krankheit als interaktive Konstruktion 28
2.1.5 Der phänomenologische Blick: Die »Verborgenheit der Gesundheit« 36
2.1.6 Das ressourcentheoretische Belastungs-Bewältigungsmodell 38
2.2 Die schizophrene Störung im sozialwissenschaftlichen Kontext. Begriff, Verlauf, das Problem der Chronizität und sensibilisierende Konzepte 41
2.2.1 Ergebnisse der Verlaufsforschung 44
2.2.2 Sensibilisierende Konzepte zur Schizophrenie 46
2.2.3 Die Frage nach der Chronizität 58
2.2.4 Psychische Krankheit und soziale Ungleichheit, Exklusion und Chancen des fallrekonstruktiven Mehrgenerationenansatzes 65
2.3 Resümee 77

3. Biographie 79
3.1 (Familien-)biographische Verläufe im sozialen Raum 80
3.2 Biographische Fahrpläne 82
3.3 Subjektivität 85
3.4 Soziologische Biographieforschung zwischen Realismus und Konstruktivismus 90
3.5 Resümee 94

4. Familie 97
4.1 Familie in differenzierungs- und systemtheoretischer Perspektive 97
4.2 Familie als strukturale Triade und eine strukturale Theorie der Sozialisation 99
4.3 Familie als Milieu, das Familiengedächtnis und das familiengeschichtliche Erzählen 109
4.4 Familie und Sozialstruktur 113
4.5 Resümee 125

5. Methodologie, Design und methodisches Vorgehen der fallrekonstruktiven Untersuchung 127
5.1 Grundprinzipien fallrekonstruktiver Forschung und Begründung des fallrekonstruktiven Designs 127
5.2 Objektive bzw. strukturale Hermeneutik 129
5.3 Verallgemeinerung und Gültigkeit in der fallrekonstruktiven Forschung 135
5.4 Strukturales Verstehen und funktionale Analyse 140
5.5 Strukturales Verstehen und Grounded Theory 142
5.6 Forschungspraktisches Vorgehen 143

6. Fallrekonstruktionen 147
6.1 Eberhard Kreutzhofer: »Die behalten sich das absolut vor, die machen nichts« 147
6.2 Frank Dittrich: »Vor einem Jahr war 'ne Wanderung bei mir auch« 167
6.3 Ilona Koch: »Und das ist so 'ne Gratwanderung« 199
6.4 Dieter Baumann: »…weil sie sowieso nichts finden über mich« 224
6.5 Fritz Frei: »Ich bin halt ziemlich krank« 256
6.6 Bernhard Hoffmann: »Aber wenns schwieriger wäre, dann würd' es ja auch nichts« 289
6.7 Heinz Gombert: »Ich seh' was. Nein ich seh' nichts. Weil ich nichts spür'« 318

7. Familienmilieu und biographische Verläufe psychisch Kranker: Fallvergleich, Resümee und Ausblick 355
7.1 Biographische Verlaufskurven zwischen Reproduktion und Transformation 356
7.2 Fremdheit und Entfremdung in der schizophrenen Störung 363
7.3 Familie 368
7.3.1 Verhältnis zur Herkunftsfamilie und Ablösung 368
7.3.2 Reziprozität im Generationenverhältnis 369
7.3.3 Die Bedeutung des Todes 370
7.4 Leben mit der psychischen Krankheit 373
7.4.1 »Illness trajectory« und Patientenkarriere 374
7.4.2 Performanz der Kranken›rolle‹, habituelles Krankheitsverhalten und subjektive Krankheitstheorie 377
7.4.3 Chronifizierung als soziale Konstellation und Probleme des psychosozialen und psychiatrischen Versorgungssystems 379
7.5 Sozialstrukturelle Lage, Exklusion und sozialökonomisches Coping 386
7.5.1 Soziale Ressourcen und sozialökonomisches Coping 386
7.5.2 ›Exklusion‹ und die ›Überflüssigen‹ 388
7.6 (Bauern-)Familien zwischen Tradition und Wandel 392
7.7 Grenzen der vorliegenden Studie und weiterführende Projekte 399
7.8 Psychiatrische Soziologie als Klinische Soziologie 400

Literatur 404