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Die Krise der Arbeitsgesellschaft im Bewußtsein deutscher Unternehmensführer

Sascha Liebermann
Die Krise der Arbeitsgesellschaft im Bewußtsein deutscher Unternehmensführer
Eine Deutungsmusteranalyse

Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik
Band 4
Herausgegeben von Ulrich Oevermann, Roland Burkholz und Christel Gärtner

382 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-934157-18-7
Buch 32,90 Euro
E-Book (PDF) 22,80 Euro

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Inwiefern verfügt die wirtschaftliche Elite der Bundesrepublik Deutschland über ein ausgeprägtes Krisenbewußtsein? Die vorliegende Untersuchung fragt dabei nicht nach den unternehmensinternen, tagespolitischen Entscheidungen, sondern nach den sogenannten »Rahmenbedingungen«, in die eingebettet Unternehmensführer Entscheidungen treffen. Welche Deutungsmuster zum Verhältnis unternehmerischen Handelns und nationalstaatlicher Loyalität haben sie ausgebildet? Inwiefern bildet der Gerechtigkeitsentwurf der politischen Gemeinschaft, in der sie Mitglied sind, eine maßgebliche Berechtigungsbasis für unternehmerisches Handeln? Prädestiniert sie die tagesgeschäftliche Konfrontation mit den Folgen ihrer Entscheidungen, die durch nationale Regulierungen nicht mehr genügend aufgefangen werden, zu einer prägnanten Krisenwahrnehmung? Könnten sie die klassischen Intellektuellen beerben? Anhand einer feinanalytischen Rekonstruktion ausgewählter Interviewpassagen wird das Dilemma herausgear-beitet, in dem Unternehmensführer heute stehen. Dieses Dilemma resultiert aus dem Widerstreit zweier Handlungslogiken - von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung -, denen sie zugleich verpflichtet sind und deren Wirkkraft sie sich nicht entziehen können. Wie folgenreich dieser Widerstreit ist, wird en detail herauspräpariert. Dadurch ist ein präziserer Zugriff auf diejenigen Handlungsprobleme und Deutungsmuster möglich, die den Kern dessen ausmachen, was eher problemverschleiernd als »Globalisierung« bezeichnet wird.

Inwiefern verfügt die wirtschaftliche Elite der Bundesrepublik Deutschland über ein ausgeprägtes Krisenbewußtsein? Die vorliegende Untersuchung fragt dabei nicht nach den unternehmensinternen, tagespolitischen Entscheidungen, sondern nach den sogenannten »Rahmenbedingungen«, in die eingebettet Unternehmensführer Entscheidungen treffen. Welche Deutungsmuster zum Verhältnis unternehmerischen Handelns und nationalstaatlicher Loyalität haben sie ausgebildet? Inwiefern bildet der Gerechtigkeitsentwurf der politischen Gemeinschaft, in der sie Mitglied sind, eine maßgebliche Berechtigungsbasis für unternehmerisches Handeln? Prädestiniert sie die tagesgeschäftliche Konfrontation mit den Folgen ihrer Entscheidungen, die durch nationale Regulierungen nicht mehr genügend aufgefangen werden, zu einer prägnanten Krisenwahrnehmung? Könnten sie die klassischen Intellektuellen beerben?

Anhand einer feinanalytischen Rekonstruktion ausgewählter Interviewpassagen wird das Dilemma herausgearbeitet, in dem Unternehmensführer heute stehen. Dieses Dilemma resultiert aus dem Widerstreit zweier Handlungslogiken – von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung –, denen sie zugleich verpflichtet sind und deren Wirkkraft sie sich nicht entziehen können. Wie folgenreich dieser Widerstreit ist, wird en detail herauspräpariert. Dadurch ist ein präziserer Zugriff auf diejenigen Handlungsprobleme und Deutungsmuster möglich, die den Kern dessen ausmachen, was eher problemverschleiernd als »Globalisierung« bezeichnet wird.



Inhalt

Danksagung   9

Einleitung: Krisenbewußtsein, Krisendiskurse und unternehmerisches Handeln   11
Unternehmerisches Handeln: Mögliche Mißverständnisse   24
Auswahl, thematische Fokussierung, Erhebung und Analyse der Interviews   27

Unternehmerische Entscheidungsfindung zwischen Wertschöpfungsinteresse und »sozialer Verpflichtung«   31
Das Interview mit Herrn F.

Nationale Loyalität und internationale Unternehmen – die Eingangsfrage   31
Nationalstaatliche Loyalität. »Alte Denke« oder Indiz für die Suche nach einer Legitimationsbasis?   35
Das »kapitalistische Zeitalter« – von rücksichtsloser Ressourcenausbeutung zu wirtschaftlichem Wandel unter »Zustimmung der Beteiligten«   52
Unternehmerische Planung zwischen »betriebswirtschaftlicher« Strategie, optimaler Problemlösung und politischem Konsens   62
Sinnstiftende Herausforderung oder soziale Integration durch Disziplinierung. Zum Stellenwert von Erwerbsarbeit   71
Unternehmerisches Handeln in der Spannung von Wertschöpfungsinteresse und »sozialer Verpflichtung«   89
»So muß auch der Mensch entschädigt werden ...«.
Zur sozialen Verpflichtung des Unternehmers (1)   106
Ein Treuebündnis mit den Mitarbeitern als Reaktion auf die Austauschbarkeit des Personals. Zur sozialen Verpflichtung des Unternehmers (2)   115
Zusammenfassung   123

»Ein Unternehmen, das international tätig ist, muß sich auch international verhalten«   129
Das Interview mit Herrn G.

Die Eingangsfrage 129
Die Konstitution des »Marktes« durch die politische Gemeinschaft. G.s Schwierigkeit, unternehmerische und politische Zuständigkeit auseinanderzuhalten   133
Politische Problemlösungen in ihrer Bedeutung für unternehmerisches Handeln. Standortvorteile durch eine hohe Regulierungsdichte   147
Krisenbewältigender Pragmatismus und krisenbeschwörender Fundamentalismus. Der Widerstreit zwischen erfahrungsgesättigter Gewißheit und räsonierender Krisenartikulation 166
Erwerbsarbeit als soziale Absicherung (»Hängematte«) gegen Arbeitslosigkeit 175
Die Steuerungsinstrumente der »Sozialen Marktwirtschaft« als Standortvorteil   190
Zusammenfassung 195

»Ein Regelwerk, in dem der Weltmarkt spielt«   201
Das Interview mit Herrn H.

Der Unternehmer zwischen Nationalstaat und Weltmarkt   201
»Wir sind ein richtig deutsches Unternehmen«. Vergemeinschaftende Seßhaftigkeit und unternehmerische Ortlosigkeit 218
Die Substituierbarkeit menschlicher Arbeitskraft durch softwaregesteuerte Problemlösungen. Erwerbsarbeit und technologischer Fortschritt (1)   233
Arbeit – überwindung der Widerständigkeit einer Sache oder »Beschäftigung«? Erwerbsarbeit und technologischer Fortschritt (2)   239
Bevormundung des Bürgers statt Beförderung seiner Autonomie. Erwerbsarbeit und technologischer Fortschritt (3)   250
Ehrenamtliches Engagement, Schlaraffenlandszenario und die »wertvolleren Menschen«. Erwerbsarbeit und technologischer Fortschritt (4)   257
Die Fürsorgepflicht des Staates angesichts stigmatisierender und deautonomisierender Konsequenzen der Arbeitslosigkeit   264
Zusammenfassung   272

Unternehmerische Entscheidungsfindung als affirmative Antwort auf politische Zielvorgaben   279
Das Interview mit Herrn K.

Die Entkopplung von Wertschöpfungssteigerung und Erwerbsarbeitsvolumen   279
Ein objektiver Konflikt, den K. nicht »empfindet«. Zur Inkommensurabilität politischen und unternehmerischen Handelns   285
Die »Herausforderung« des Unternehmers durch den Nationalstaat   297
»Da wir keine Hunde und Katzen beschäftigen …«. Vermeintliche Wertschätzung und zweifelhafter Stellenwert menschlicher Arbeitskraft   303
Anerkennung, »Wertgefühl« und objektive Stigmatisierung   311
Anerkennung, »Wertgefühl« und leistungsethische Bewährung   323
Anerkennung, Autonomie und Eigenverantwortung des Bürgers   338
Zusammenfassung   352

Legitimationsstiftende Vergemeinschaftung und unternehmerische Vergesellschaftung   359

Literatur   377
Der Autor   382



Einleitung
Krisenbewußtsein, Krisendiskurse und unternehmerisches Handeln


Krisendiskurse sind immer Ausdruck eines Krisenbewußtseins und insofern Indikatoren dafür, daß die Geltung gesellschaftlicher Normen manifest in Frage gestellt wird. Die bloße Existenz der Diskurse läßt aber noch nicht erkennen, ob sie darauf zurückgehen, daß sie auf ein Problem antworten, welches zuvor noch nicht real bestanden hat, oder ob ein solches bisher nur nicht wahrgenommen und deswegen auch nicht zum Gegenstand eines Diskurses erhoben worden ist. Auch führen die Auseinandersetzungen nicht notwendig zu einer Schärfung des Krisenbewußtseins. Die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Krise und der Prägnanz ihrer Artikulation ist ein Maßstab dafür, ob ein öffentlicher Diskurs die Geltungskrise einer Norm zu erzeugen vermag oder sie vielmehr verschleiert. Wenn Krisenbewußtsein von daher immer die Möglichkeit des Emergierens von Neuem birgt, das an die Stelle bisher geltender Problemlösungen rückt, liegt es auch nahe, anzunehmen, daß es gesellschaftliche Strukturorte gibt, an denen die Entstehung des Neuen in gesteigertem Maße thematisch ist.

Im Titel der Arbeit ist nun schon herausgestellt, daß in der vorliegenden Untersuchung nicht die klassischen Orte, an denen ein Krisenbewußtsein gesucht werden könnte, betrachtet werden, also nicht den Protagonisten der Macht des Geistes wie Intellektuellen, Politikern und Wissenschaftlern Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zum Gegenstand der Untersuchung werden Unternehmensführer erhoben, die für die strategische Planung und Entscheidung eines Unternehmens verantwortlich sind. Nun könnte schon gegen die Annahme ein Einwand erhoben werden, das Krisenbewußtsein von Wirtschaftsführern habe etwas mit dem gemeinsam, das sich auf die Geltung der Normen einer politischen Vergemeinschaftung bezieht. Letzteres richtet seine Aufmerksamkeit doch auf Geltungskrisen von Normen oder auch darauf, wie diese sich vor dem Hintergrund eines politischen Gerechtigkeitsentwurfes zu den Krisen anderer Staaten verhalten. Unternehmer hingegen orientieren sich daran, was zur Erhaltung ihres Unternehmens erforderlich ist, und richten ihre Aufmerksamkeit demnach vorrangig auf die Krisen, in die das Unternehmen geraten ist. Mit der politischen Vergemeinschaftung, in der sie agieren, steht diese Interessenlage nur mittelbar in Verbindung. Eine derart reduzierte Auffassung ist insofern schon verkürzt, als sie vernachlässigt, daß die Innovationsverpflichtung des Unternehmers in sich einen Bezug zum Allgemeinen hat, denn Waren und Dienstleistungen stellen – in wie reduzierter Form auch immer – Antworten auf Handlungsprobleme dar und stehen in dieser Hinsicht im Dienst der Praxis. Aus diesem Grund könnten Wirtschaftsgüter generell als Dienstleistungen bezeichnet werden, betrachtet man ihren Stellenwert für die Autonomie der Lebenspraxis vor diesem Hintergrund. [1] Gerade dieser dem unternehmerischen Handeln immanente Bezug zur Struktur der Lebenspraxis veranlaßt mich, in dieser Untersuchung meine Aufmerksamkeit auf das Krisenbewußtsein von Unternehmensführern zu richten.

Wie sich diese Verwobenheit unternehmerischen Handelns und nationalstaatlicher Loyalität darstellt, möchte ich kurz ausführen. Auch wenn die nachfolgende Explikation zu Beginn der Untersuchung nur einen heuristischen Status hat, erlaubt sie, den Blick auf die mich interessierende Fragestellung zu schärfen. Weshalb liegt es nahe, anzunehmen, daß Transformationen gesellschaftlicher Legitimationsverhältnisse ins Zentrum unternehmerischer Entscheidungsfindung hineinreichen?

Unternehmerisches Handeln läßt sich als stellvertretende Suche nach Problemlösungen bestimmen, die auf ein Handlungsproblem der Lebenspraxis antworten. Innovationen sind aus dieser Perspektive betrachtet nicht mehr und nicht weniger als standardisierte Problemlösungen, die entweder auf ein schon artikuliertes Problem antworten oder sein Entstehen weitsichtig voraussehen. Diesem Bestreben, Problemlösungen zu entwickeln und über den marktförmigen Tausch zu verbreiten, wohnt auch das mögliche Scheitern dieses Vorhabens inne. Produkte können ihrer Zeit auch weit voraus sein. Daß sie auf ein Problem antworten, ist nicht das einzige Moment erfolgreichen unternehmerischen Handelns. Ist der Problemlösungsbedarf noch nicht ins allgemeine Bewußtsein getreten, findet ein Produkt keinen Absatz und muß vom Markt zurückgezogen werden. Dieses Risiko zu minimieren, ist ein ebenso gewichtiges Moment unternehmerischen Handelns wie die Suche nach neuen Märkten. Je weniger etabliert ein Produkt und damit seine Nachfrage ist, desto riskanter ist der Schritt, es anzubieten und auf den Markterfolg zu hoffen. Ein innovatives Unternehmen, das heißt innovatives unternehmerisches Handeln zeichnet sich genau durch diese Spannung zwischen der Risikobereitschaft und dem Bestreben, es zu minimieren, aus.

In seiner konstitutionstheoretischen Einbettung betrachtet, erwächst unternehmerisches Handeln immer aus einer konkreten Vergemeinschaftung heraus, die im modernen Nationalstaat [2] eine besonders folgenreiche Gestalt erhalten hat. Ressourcen, die zur Erzeugung von Gütern herangezogen werden, befinden sich immer innerhalb der terrritorialstaatlichen Grenzen eines Herrschaftsverbandes, der daran interessiert ist, daß sie im Dienste der Allgemeinheit genutzt werden, sei es von privater oder von öffentlicher Hand. Von daher stellen Ressourcen ein allgemeines oder auch öffentliches Gut dar: Sie sind Kollektivgut einer politischen Gemeinschaft. Die politische Gemeinschaft erst verschafft durch Regulierungen den Zugang zur Ressourcennutzung; sie erst macht sie der Verwertung zugänglich und stellt sie dadurch dem Wirtschaftsprozeß zur Verfügung. Gewährleistet wird die Geltung dieser Regulierungen durch die politische Ordnung; diese sorgt für ihre beständige und verläßliche Geltung und erzeugt dadurch erst einen Handlungsraum, der einen Planungshorizont eröffnet, in dem auf Langfristigkeit angelegte Kooperationen von Wirtschaftssubjekten möglich sind. Regulierungen sind demzufolge immer Ausdruck eines Gerechtigkeitsentwurfs, einer »gerechten Ordnung«, der die Legitimationsbasis der politischen Gemeinschaft bildet. Man könnte hier einwenden, diese Definition sei zu eng gefaßt, und letztlich handele es sich um Ressourcen der Menschheit, ein Kollektivgut der Gattung. Die Menschheit selbst bildet jedoch keine Vergemeinschaftung. Diese konstituiert sich erst dort, wo widerstreitende Interessen ausgehandelt, verbindlich Kompromisse erreicht und verantwortet werden sowie die Verfügung über Sanktionsmittel besteht, um ihre Einhaltung zu gewährleisten. Gegenwärtig existiert für die praktisch verbindliche Regelung und Verantwortung solcher Entscheidungen nur eine legitimierte Instanz: der moderne Nationalstaat. Abgesehen von der Erschließung von Bodenschätzen und der Regulierung ihrer Verwertung sowie dem Zugang zu Wissensbeständen, Gesundheitsversorgung und Rechtsbeschaffung, die das Ergebnis der Arbeit vorangegangener Generationen sind, ist die Nutzung einer weiteren Ressource nur durch den Nationalstaat gewährleistet, die ich hier kurz als »Lebenszeit« bezeichne. [3] Ihre Vernutzung im privatwirtschaftlichen Wertschöpfungsprozeß und in der Bereitstellung öffentlicher Dienste setzt ein spezifisches Verständnis lebenspraktischer Bewährung in der Erwerbsarbeit voraus, das am folgenreichsten in der »Protestantischen Ethik« artikuliert ist. Von seinen religiösen Ursprüngen emanzipiert, ist es zu einem säkularen Mythos der Lebensplanung geworden und hat entsprechenden Ausdruck in institutionalisierten Regulierungen der Einkommensverteilung gefunden. In diese bislang bereits aufgeführten historisch konkreten Ausdeutungen von Gerechtigkeit, wie sie sich in einer politischen Ordnung stets verkörpert, ist das individuelle Leben immer schon eingelagert, wenn es nach gelungener Ablösung von der Herkunftsfamilie sich daranmacht, seine partikularen Interessen in einer konkreten Vergemeinschaftung zu verfolgen. Unternehmensführer nun sind in genau diesem Sinne immer Mitglied einer politischen Gemeinschaft, in ihren Gerechtigkeitsentwurf enkulturiert und ihren politischen Normen wie selbstverständlich verpflichtet. Schon von dieser hier heuristisch entfalteten Begrifflichkeit aus betrachtet, liegt es auf der Hand, daß für die unternehmerische Entscheidungsfindung die legitimatorische Verankerung unternehmerischen Handelns in einem Gerechtigkeitsentwurf nicht nur eine Rahmenbedingung, sondern den wesentlichen Grund ihres Handelns bildet.

Weshalb kommt der bewährungsdynamisch folgenreichen Ausdeutung von Erwerbsarbeit für die Fragestellung der vorliegenden Untersuchung ein besonderer Stellenwert zu? Der politische Souverän setzt Regulierungen in Kraft, die den Bürger darauf verpflichten, zur Erzielung eines Einkommens – worin sich der Gerechtigkeitsentwurf der Gemeinschaft Ausdruck verschafft – einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Die institutionalisierte Verpflichtung der Bürger zum Einsatz ihrer Arbeitskraft und damit ihrer Lebenszeit im Wertschöpfungsprozeß stellt also das Ergebnis einer kollektiv verbindlichen Deutung der Bewährungsdynamik dar. Sie ist die Grundlage für die Organisation eines Arbeitsmarktes, an dem menschliche Arbeitskraft eingekauft bzw. angeboten wird. Diese folgenreiche Ausdeutung der Bewährungsdynamik rechtfertigt sich im modernen Nationalstaat nicht mehr im Rahmen einer religiösen Vergemeinschaftung, wie es für die Protestantische Ethik noch der Fall gewesen ist. Das in ihr prägnant artikulierte Bewährungsmuster bedarf seiner religiösen Wurzeln nicht mehr, um als Bewährungsmaßstab praktisch zu gelten. Mit der Einrichtung der die Integrität der Bürger schützenden Institutionen wie Rechtsbeschaffung, Gesundheitsversorgung und dem Zugang zu Wissen durch den Nationalstaat entsteht eine Legitimationseinbettung, die dem Bürger Pflichten auferlegt und Rechte sichert.

Die Sicherung der lebenspraktischen Integrität der Bürger findet Ausdruck in entsprechenden Sozialsystemen, die für den Fall fehlenden Erwerbseinkommens ein Ersatzeinkommen bereitstellen. Der Anspruch auf Sozialleistungen oberhalb der Sozialhilfe ist also an Erwerbstätigkeit unabdingbar geknüpft, es sei denn, der Status des Individuums fällt in den Geltungsbereich sozialstaatlicher Sonderregelungen. Man kann deshalb auch sagen, daß sich das Transfereinkommen parasitär zum erzielten Erwerbseinkommen verhält. Welches Verständnis von Bürger unterliegt dieser Regelung im modernen Nationalstaat? Da sich der Anspruch auf ein existenzsicherndes Einkommen nur auf die Sozialhilfe beschränkt und alle anderen Leistungen Ersatzleistungen sind, sind Bürgerstatus und Erwerbstätigkeit eng miteinander verknüpft. [4] Während in vornationalstaatlichen Zeiten die aufgrund fehlender Sozialsysteme paternalistische Fürsorge des Unternehmensführers für die Belegschaft eine der Problemlage angemessene Antwort auf die Frage nach der Gemeinwohlverpflichtung des Unternehmers darstellt, verlagert sich diese Verpflichtung mit dem Entstehen des Nationalstaats von privaten Organisationen auf den Staat. Was der Unternehmer noch aus ethischem Verantwortungsempfinden gewährt hat, wird dann zu einem Anspruch des Bürgers, dem die Fürsorgepflicht des Staates korrespondiert.

Eine in anderer Hinsicht folgenreiche, dem zentralen Stellenwert der Erwerbsarbeit entsprechende Regulierung findet sich auch in der freien Berufswahl. Sie ist die praktische Voraussetzung dafür, daß menschliche Arbeitskraft möglichst dort sich beruflich bewährt, wo ihren Neigungen am meisten nachgekommen wird und ihre Interessen am besten realisiert sind. Die Entscheidung für einen Beruf und einen Arbeitsplatz ist der einzige mögliche Garant für motivierte, dauerhaft engagierte Arbeitskraft. Innovativität ist davon im wesentlichen abhängig.

Der Verpflichtung zur Einkommenserzielung über Erwerbsarbeit kann sich der Bürger nur um den Preis einer objektiven Stigmatisierung entziehen, die aus der Nichterfüllung des normativen Modells folgt, das dem kollektiven Konsens entstammt. Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, bedeutet unter diesen Bedingungen strukturell ein Scheitern an der Erwerbsarbeitsverpflichtung und damit am normativen Modell einer autonomen Lebensführung. Was aus der Perspektive des einzelnen Bürgers als Bereitschaft und Notwendigkeit zur Erwerbsarbeit wahrgenommen und aufgrund einer in der Struktur der Lebenspraxis verankerten Bewährungsdynamik positiv ausgedeutet wird, stellt aus der Perspektive des modernen Nationalstaats eine objektive Verpflichtung des Bürgers dar, deren er zur Sicherung seines Fortbestandes bedarf.

Der Zugang zur Nutzung der Ressourcen – von Rohstoffen, Wissensbeständen und Lebenszeit – wird also von der politischen Gemeinschaft gewährleistet und ist damit Ausdruck des in ihr realisierten Gerechtigkeitsentwurfs. Jedes Mitglied wird in diesen Gerechtigkeitsentwurf enkulturiert und internalisiert die von ihm konstituierten Legitimationsstrukturen. Für den Unternehmer erwächst aus dieser Legitimationsbasis die Verpflichtung, den Verwertungsprozeß der eingesetzten Ressourcen zu optimieren, permanent auf der Suche nach Innovationen [5] zu sein, um sich durch erfolgreichen Einsatz in dieser legitimatorischen Dynamik zu bewähren. Dieser objektiven Strukturierung und einem dazu komplementär gebildeten Habitus entspricht ein Deutungsmuster, das die Bewährungsdynamik der Lebenspraxis in einer Leistungsethik ausgestaltet (Oevermann 1995, 2001; Weber GARS I, 1988). Die Legitimierungsdynamik, die durch die stellvertretende Ressourcenverwertung mit ihrer Verpflichtung zur Innovation eingerichtet ist, erstreckt sich auch auf das Verhältnis der Wertschöpfung zur menschlichen Arbeitskraft. Ihre Substituierung durch »geronnenen Geist« (Weber PS 1988, S. 332) in Gestalt technologischer Problemlösungen wirft Folgefragen auf. Arbeitskraft kann freigesetzt werden, wenn aus der leistungsethisch motivierten Optimierung der Wertschöpfung heraus technologische Lösungen entwickelt werden, die Arbeitskraft zu substituieren erlauben. Allerdings steht diese Entfaltung der Leistungsethik im Gegensatz zum politischen Konsens: Die Eigendynamik unternehmerischen Handelns zeitigt aus der Sicht der politischen Gemeinschaft unerwünschte Folgen, sofern mit dem Abbau von Arbeitsplätzen nicht zugleich ein Entstehen neuer, dieser Innovationsdynamik entsprechender Arbeitsplätze selbstverständlich verbunden ist. [6]

Die forcierte Durchsetzung der Eigenlogik unternehmerischen Handelns, wie sie durch den universalhistorischen Rationalisierungsprozeß in Gang gesetzt worden ist, war in der deutschen Nachkriegsgeschichte durch einen breiten sozial- und wirtschaftspolitischen Konsens noch gebunden [7]. Sie macht sich im Zuge fortschreitender Vergesellschaftung zunehmend von der Einbindung in diese Loyalität frei. Durch ihre immanente Innovationsdynamik hat sie einen technologischen Fortschritt in Gang gebracht, der Ausdruck eines im gesellschaftlichen Rationalisierungsprozeß gewonnenen Erkenntniszuwachses ist. Internationale Unternehmensstrategien resultieren in dieser Sicht aus dem Bestreben, die Wertschöpfung [8] zu erhöhen und dies in Verbindung mit der Suche nach neuen Märkten zu erreichen.

Betrachtet man diese Entwicklung nun mit Blick auf die Eigenlogik unternehmerischen Handelns, das sich aus dieser bisher mehr oder weniger selbstverständlichen Einbindung in eine nationalstaatliche Loyalität freigesetzt sieht, stellt sich die Frage, inwiefern sich seine Stellung im Verhältnis von Wirtschaft und Politik verändert. Durch das beharrliche Verfolgen der Wertschöpfungsverpflichtung und der Suche nach neuen Märkten wird die Diskrepanz zwischen den Interessen von Wirtschaft und Nationalstaat immer größer. Der Unternehmer, der sich früher aufgrund des Konsenses in der Bundesrepublik noch wie selbstverständlich in den Dienst der politischen Vergemeinschaftung stellte, steht dieser nun als einer unter vielen Vergemeinschaftungen gegenüber, in denen er operiert. Dadurch ist er mit differierenden Gerechtigkeitsentwürfen konfrontiert, was ihn die entstehenden Gerechtigkeitslücken nationaler Sozialpolitik erfahren läßt. Ihre Grenzen sind Grenzen ihrer Verteilungspolitik, deren beschränkte Geltung der Unternehmer gewärtigt. Wie stellt sich die gegenwärtige Sozialpolitik angesichts dieses Wandels der Loyalitätsbindung unternehmerischen Handelns dar?

Betrachten wir die dafür maßgebliche institutionell eingerichtete Verknüpfung von Einkommenserzielung und steuerlicher Wertabschöpfung zur Umverteilung in die staatlich garantierten Sozialleistungen. Sind Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung und Sozialleistungen im allgemeinen von der ausreichenden Anzahl von erwerbstätigen Personen abhängig, von deren erzielten Einkommen Anteile zur Finanzierung abgeschöpft werden, gerät das Versicherungssystem dann in Bedrängnis, wenn die Zahl der Beitragszahler unverhältnismäßig stark sinkt. Die dadurch ausbleibenden Finanzmittel müssen dann durch eine Erhöhung der Beitragszahlungen ausgeglichen werden. Nähert sich diese Erhöhung einer unverhältnismäßig starken Belastung der Erwerbseinkommen bei gleichzeitiger weiterer Abnahme der tatsächlichen Beitragszahler, gerät das System in eine Legitmationskrise. Diese politische Strategie geht gegenwärtig in Deutschland mit einer stärkeren Verpflichtung der Arbeitslosengeld-, Arbeitslosenhilfe- und Sozialhilfeempfänger zur Reintegration in den Arbeitsmarkt einher. Systemimmanent ist diese Politik konsequent, weil sie davon ausgeht, daß die Finanzierung der Sozialleistungen auch weiterhin über die Abschöpfung vom Bruttoerwerbseinkommen geleistet werden muß. Nach den Vorannahmen, die in diese Politik eingehen, ist Arbeitslosigkeit – abgesehen von der befürchteten Erosion der Leistungsdisziplin – ein zu vermeidender Zustand, bedeutet er für die politische Gemeinschaft und ihr Sozialsystem immer einen Verlust an Beitragszahlern. Folgerichtig bedarf es einer Arbeitsmarktpolitik, die vor allem auf die Wiedereingliederung von Leistungsempfängern in den Arbeitsmarkt gerichtet ist; das Schaffen von Arbeitsplätzen hat dabei höchste Priorität. Die mit Hilfe technologischer Problemlösungen erreichte Substitution von menschlicher Arbeitskraft muß von dieser Warte aus als unerwünschte Folge des technologischen Fortschritts erscheinen.

Was aber passierte, wenn die Möglichkeiten zur Substitution menschlicher Arbeitskraft voranschritten, wenn es gemessen an der Wertschöpfungssteigerung vernünftig erschiene, die gegenwärtig noch besetzten, nach Maßgabe der Automatisierbarkeit aber ersetzbaren Arbeitskräfte auch noch zu entlassen? Unter welchen Bedingungen ist dies eine erstrebenswerte und unter welchen eine zu vermeidende Entwicklung? Erstrebenswert ist sie dann, wenn das Sozialleistungssystem so umgebaut wird, daß es nicht in erster Linie von Beitragszahlern abhängig ist, sondern von der Wertschöpfungsleistung, von der sie abschöpft. Würde der Maßstab für das Vorhalten eines Arbeitsplatzes sein Beitrag zur Wertschöpfung im Vergleich zu technologischen Problemlösungen sein, wäre Arbeitslosigkeit kein vermeidbares Übel mehr, sondern Ausdruck gesellschaftlichen Reichtums. Die bestehende Arbeitslosigkeit in Deutschland läßt sich also durchaus als Ausdruck gesellschaftlichen Reichtums deuten, und zwar dann, wenn sie als Resultat erfolgreicher Automatisierung betrachtet wird. Nun weist der politische Konsens allerdings in eine andere Richtung. In einer von Bundeskanzler Schröder vorgebrachten Äußerung wird den Arbeitslosen ein »Recht auf Faulheit« bestritten und ihnen die Verantwortung für ihre Arbeitslosigkeit vollständig übergeben. Darin zeigt sich, daß die Substitution menschlicher Arbeitskraft in erster Linie als eine zu vermeidende Entwicklung wahrgenommen wird. Arbeitsplätze werden zu einem Gut an sich, weil sie zum einen angeblich der Garant einer disziplinierten Lebensführung seien, zum anderen, weil nur auf diesem Wege das Sozialleistungssytem aufrechterhalten werden könne. Vor allem den ersten Grund findet man in der öffentlichen Diskussion von allen Seiten vorgebracht. In der Bundestagswahl 1998 hat die SPD mit dem Slogan »Arbeitsplätze sind für uns die schönsten Plätze in Deutschland« diese Haltung deutlich gemacht. Darin äußert sich die oben schon erwähnte noch immer angenommene zentrale Stellung der Erwerbsarbeit in der Lebensführung des modernen Menschen. Herrscht ein solches Deutungsmuster zur Erwerbsarbeit vor, wird es auch Auswirkungen auf die Entscheidungsträger haben, die darüber befinden, ob Automatisierungschancen genutzt werden oder nicht. Denn in dieses Deutungsmuster qua politischer Sozialisation enkulturiert, teilen sie, so steht zu vermuten, die kurrenten politischen Strategien in dieser Hinsicht wie selbstverständlich. Allerdings, und dies interessiert hier besonders, geraten die Entscheidungsträger auch in ein Dilemma, denn der intrinsisch unternehmerischen Dynamik steht der Verzicht auf optimale Nutzung von Automatisierungstechnologie entgegen – sie müßte ihn geradezu als Ausweis eines unternehmerischen Defizites empfinden.

Angesichts des skizzierten Szenarios stehen Entscheidungsträger also in einem Dilemma, denn sie müssen trotz des Widerspruchs zwischen nationaler politischer Loyalität und unternehmerischer Verpflichtung Entscheidungen treffen, die sie auf die früher noch geltende Legitimationsbasis, den politischen Konsens der Vergemeinschaftung, nicht rückbeziehen können. Aus der Sicht einer die Interessenlage seines Unternehmens realisierenden Führungskraft müssen die Erwartungen, die seine politische Gemeinschaft qua Konsens an ihn richtet, der unternehmerischen Strategie nachgeordnet werden. Die Entscheidungen, die unter diesen Bedingungen getroffen werden, werfen nun Fraglichkeiten auf, deren politische Regulierung früher vorausgesetzt werden konnte. Ist die gerechte Teilhabe der politischen Gemeinschaft an Wertschöpfungerfolgen noch gewahrt? Ist die Aufrechterhaltung der an Erwerbsarbeit gebundenen Sozialsysteme gesichert? Wenn unter diesen Bedingungen eine selbstverständliche Loyalität nicht mehr geübt wird und die strategische Planung nach der Beurteilung der Wirtschaftsbedingungen erfolgt, die in den verschiedenen Nationalstaaten bestehen, sehen sich Unternehmer mit einem enormen Machtzuwachs konfrontiert. Ihre Entscheidungen bestimmen darüber, ob einem Nationalstaat – das heißt seiner Volkswirtschaft – Wertabschöpfungsquellen entzogen werden, die er zur Umverteilung von Werten in der Gemeinschaft einsetzen könnte. Angesichts dieser Entwicklung befindet sich der Unternehmer in einer »Doppelstellung«. Seine Mitgliedschaft in der politischen Gemeinschaft, die ihn in einen Gerechtigkeitsentwurf einbettet, gerät in Konflikt mit den Anforderungen, die eine erfolgreiche Interessenverfolgung im Dienst des Unternehmens erfordert. Die Loyalität zur politischen Gemeinschaft kollidiert mit derjenigen zum Unternehmen.

Als Reaktion auf dieses Handlungsdilemma lassen sich idealtypisch zwei Haltungen vermuten, die Unternehmer zu diesem Konflikt einnehmen. Auf der einen Seite wäre es möglich, daß sie die neue Lage, in der sie sich befinden, als Befreiung von Verpflichtungen wahrnehmen, durch die sie sich gefesselt sahen. Sie könnten sich von nun an zur Rechtfertigung ihrer Haltung auf eine notwendige Steigerung des Shareholder Value beziehen, die es erfordert, sich von politischen Loyalitäten frei zu machen. Für diesen Typus steht eine Bezeichnung schon bereit, die sich in der Debatte etabliert hat: der Global Player. Nimmt man diese Begriffsbildung ernst, ließe sich ohne weiteres von Unternehmensführern sprechen, deren Loyalitätsempfinden zu ihrer politischen Gemeinschaft in ihre unternehmerische Entscheidungsfindung nicht hineinreicht. Sie sind »Player« und damit für ihr Handeln außerhalb der Realität dieses Verantwortungsbereichs nicht verantwortlich. In dieser Weise auf das Handlungsproblem zu reagieren, wäre der zynische Versuch, eine Gerechtigkeitsfrage, die sich für jeden Staatsbürger stellt, für nichtig zu erklären. Scheint es überhaupt plausibel, anzunehmen, diese Haltung sei die vorherrschende? Kann sie eine Legitimationsbasis für Entscheidungen abgeben, die von der oben geschilderten Tragweite sind? Auf der anderen Seite ist anzunehmen, daß Unternehmensführer ein Legitimationsdefizit verspüren, weil die Wertschöpfungssteigerung nur dann ein positiv besetzbares Ziel darstellt, wenn man sich dessen gewiß sein kann, daß sie in einem grundlegenden Sinne der Realisierung des Gerechtigkeitsentwurfes einer politischen Vergemeinschaftung entspricht und sie befördert. Auf das Verspüren eines Legitimationsdefizites angesichts dieser Handlungskonstellation zu schließen, folgt aus der Legitimationsstruktur unternehmerischen Handelns und der sie auszeichnenden stellvertretenden Ausbeutung von Ressourcen.

In dieser Einrichtung der Fragestellung wird also nicht davon ausgegangen, daß nationalstaatliche Regulierungsmöglichkeiten, die in Gestalt gesetzlicher Bestimmungen bestehen, durch Vergesellschaftungsprozesse außer Kraft gesetzt werden. Es steht auch nicht die Frage im Zentrum, ob Unternehmen sich diesen einfach entziehen könnten. Vielmehr interessiert, wie sich die Folgen der Unangemessenheit kurrenter Regulierungen für die materiale Problemlage Ausdruck verschaffen und was daraus für die das Handeln konstituierende Vergemeinschaftung zu schließen ist.

Die aus unternehmerischen Entscheidungen resultierenden Folgen für den Nationalstaat stehen in Widerspruch zu den politischen Hoffnungen und Erwartungen, was bei der Zunahme gesellschaftlicher Ungleichheit zu einer Delegitimierung des Gerechtigkeitsentwurfs, der in institutionellen Regelungen zum Ausdruck kommt, führt. Die objektive Delegitimierung institutioneller Regelungen resultiert möglicherweise in einer abnehmenden Bindung der Bürger an ihre politische Gemeinschaft und eine abnehmende Loyalität gegenüber ihren institutionellen Regelungen. Wie sich dieses Problemgefüge aus der Sicht von Entscheidungsträgern der Wirtschaft darstellt, steht im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit.

Besonders deutlich zeigt sich diese Delegitimierung daran, ob auf eine wirtschaftliche Entwicklung vertraut wird, die den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft erhöht, oder ob nicht langfristig technologische Innovationen zunehmend menschliche Arbeitskraft aus dem Wertschöpfungsprozeß freizusetzen erlauben. Wenn auch innerhalb der Eigenlogik unternehmerischen Handelns der Faktor Arbeitskraft nur als Produktionsfaktor oder Ressource relevant ist, ergibt sich ein Legitimationsproblem unternehmerischer Entscheidungen. Diese sehen sich damit konfrontiert, daß die Grundlage des institutionalisierten Erwerbsarbeitsmodells wegbricht, weil der Rationalisierungsprozeß für die steigende Freisetzung menschlicher Arbeitskraft aus dem Wertschöpfungsprozeß sorgt. Damit schließt der Wertschöpfungsprozeß zunehmend Bürger aus der Partizipation am Einkommensverteilungsmodell aus. Das kulturelle Movens dieser Dynamik von Innovation und steigender Rentabilität ist die leistungsethisch formulierte Bewährungsdynamik, die im Erwerbsarbeitsmodell Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Gleichheit eint, die nun im Namen der Leistungsethik selbst destruiert wird. Denn sie ist es, die die Rationalisierungstechnologie hervorbringt und die Einkommensverteilung im alten Modell delegitimiert.

Unternehmerisches Handeln: Mögliche Mißverständnisse

Da ich in der vorliegenden Untersuchung immer wieder von der »Struktur unternehmerischen Handelns« spreche, sei hier dazu eine Bemerkung vorausgeschickt.

Unternehmerisches Handeln bezeichnet in dieser Arbeit die Strukturlogik einer Praxis, deren Zweck es ist, standardisierbare Problemlösungen [9] zu entwickeln und sie als Produkt zu einem Markterfolg zu führen. Darin manifestiert sich eine Praxis, für die es konstitutiv ist, auf der Suche nach Neuem zu sein und das damit verbundene Risiko in eine Routine zu überführen (Schumpeter 1926, S. 100 f.). Sie entfaltet sich am besten unter Bedingungen einer Wirtschaftsordnung, in der die Eigenlogik des Marktes, die betriebsförmige Organisation der Arbeitskraft, die Kopplung dieser Organisation mit dem Marktmechanismus – Lohnarbeit und Arbeitsmarkt – unter der politischen Bedingung der freien Arbeitskraft herrschen. Nur auf der obersten Entscheidungsebene einer Unternehmensorganisation findet sich für diese Aufgabe die Gesamtverantwortung, die sich auch darin äußert, daß nur dort strategische Entscheidungen getroffen und verantwortet werden. Ein Unternehmer, der praktisch folgenreiche und zu verantwortende Entscheidungen trifft, wird vor diesem Hintergrund ein Problem nach Lösungsmöglichkeiten abwägend betrachten. Nüchternheit und Klarheit in der Einschätzung sind dafür erforderlich. Demgegenüber folgt ein Funktionär oder Verbandsvertreter, dessen Aufgabe die Interessenvertretung einer Organisation auch in lobbyistischer Hinsicht ist, einer anderen Verpflichtung: Er muß gegebenenfalls eine Problemzuspitzung vornehmen, um den Stellenwert seiner Interessen deutlich herauszustellen. Gerade angesichts dieser unterschiedlichen Pragmatik des Handelns liegen die Problemartikulationen von praktisch verantwortlichen Entscheidern und Verbands- bzw. Organisationsvertretern denkbar weit auseinander.

Der Ausdruck »Unternehmer« bezeichnet folglich die Position, in der unternehmerisches Handeln erfordert wird, ohne daß auf die Diskussion über die Differenz zwischen Eigentümer-Unternehmer und angestelltem Manager eingegangen wird. Für meine Untersuchung ist nur entscheidend, die hier analysierten Interviews danach ausgewählt zu haben, daß sie mit Führungskräften, die in der obersten Führungsebene tätig sind und Entscheidungsverantwortung tragen, geführt worden sind. Diese erfolgreich übernehmen zu können, erfordert Aufgeschlossenheit für Wandlungen sowohl des Wirtschaftsprozesses selbst als auch seiner »Rahmenbedingungen«. [10] Daß diese keine »Randbedingungen« sind, sondern den Handlungsraum unternehmerischen Handelns überhaupt erst erzeugen und ihm seine Legitimationsbasis geben, wurde schon ausgeführt und sei hier noch einmal hervorgehoben.

Nicht nur aus praktischen Gründen bin ich dieser Debatte nicht nachgegangen, sondern deswegen, weil ich sowohl in dem Begriff des Unternehmers wie auch in dem inflationär gebrauchten Begriff des Managers eine mangelnde analytische Schärfe erkenne, ohne schon einen geeigneteren Begriff zur Verfügung zu haben. Man könnte in Anlehnung an ein bei Schumpeter in der Form nicht klar ausgeführtes, bei Gouldner hingegen um so deutlicher hervortretendes Argument sagen, eine entscheidende Transformation unternehmerischen Handelns findet im Übergang der Unternehmensführung vom Kapitaleigentümer auf den angestellten Manager statt. Die Rede vom »Veralten der Unternehmerfunktion« (Schumpeter 1972, S. 217) würde sich dann nicht auf die Struktur unternehmerischen Handelns beziehen; sie würde vielmehr anzeigen, daß das unternehmerische Entscheidungskriterium, welches in der etwas mystifizierend bewunderten »guten Nase« des Kapitalbesitzers erkannt wurde, auf den angestellten Manager übergegangen ist, der dann als Vertreter der Logik des besseren Argumentes verstanden werden muß. Die »technische Intelligenz« [11] – also Ingenieure, Betriebswirtschaftler usw. – leitet ihr Entstehen nicht aus der Unternehmerrolle ab. Sie vertritt die Macht des Geistes, deren Instrumente Methode und Argument sind, und die als Resultat des universalhistorischen Rationalisierungsprozesses begriffen werden muß.

Anmerkungen
[1] Eingebürgert hat sich dagegen die Verwendung des Ausdrucks »Dienstleistungen«, um einen bestimmten Wirtschaftssektor zu bezeichnen, der nicht zum produzierenden Gewerbe gehört. Die Abgrenzung, die damit einhergeht, ist allerdings denkbar unscharf. Daß nur bestimmte Wirtschaftsgüter als Dienstleistungen bezeichnet werden, scheint eher klassifikatorischen Interessen zu folgen, nicht aber sachhaltiger Begriffsbildung.
[2] Mit »Nationalstaat« meine ich die durch die Französische Revolution geschaffene und die mit seinem Entstehen verbundene Sphäre der Autonomie des Politischen. Im demokratisch verfaßten Nationalstaat herrscht der Volkssouverän über sich selbst. Vgl. Kutzner (1995, S. 264f.), Oevermann (1997), Furet (1989, S. 8–97), Böckenförde (1999, S. 34ff.).
[3] Infrastrukturelle Leistungen, zu denen auch der Zugang zu Wissensquellen in Gestalt von Bibliotheken zählt, gehören ebenso dazu wie Verkehrswege usw.
[4] An der gegenwärtigen Debatte über die stärkere Verpflichtung von Arbeitslosen zur Arbeitsaufnahme, die mit der von Bundeskanzler Schröder geäußerten Feststellung, es gebe kein »Recht auf Faulheit«, einen weiteren Höhepunkt erreicht hat, läßt sich der zentrale Stellenwert der Erwerbsarbeit erkennen. Er geht soweit, daß die Erzielung eines Erwerbseinkommens um jeden Preis angestrebt wird, ob damit Rationalisierungschancen verschlossen werden und Wertschöpfung verhindert wird, spielt in der Diskussion keine Rolle.
[5] Es muß natürlich zwischen Innovation im Sinne eines Erkenntnisfortschrittes, häufig auch als Invention bezeichnet, und Innovation, die die praktische Umsetzung eines Erkenntnisfortschrittes in Gestalt eines marktfähigen Produktes darstellt und damit erst für ein Unternehmen marktrechnerisch folgenreich wird, unterschieden werden. Diese Innovationen entstehen nur dort, wo Innovationspotential in Gestalt qualifizierter und motivierter Arbeitskraft vorhanden ist.
[6] Darauf reagiert in verschleiernder Weise das »Bündnis für Arbeit« in seiner ursprünglichen Form. Schon die Bezeichnung als »Bündnis« markiert deutlich und unübersehbar, daß es nicht um einen auf Kompromißbildung bemühten Interessenkampf der beteiligten Parteien geht. Dieser ist in einem Bündnis immer zugunsten des Zusammenstehens schon entschärft, denn zu einem Bündnis schließt sich nur zusammen, wer ein gemeinsames Ziel hat: das Schaffen von Arbeitsplätzen. Genau darin aber knebeln sich die Beteiligten selbst, vor allem bringen sich die Unternehmen in die Lage, auch entgegen tatsächlicher Erfordernisse auf Rationalisierung zu verzichten und statt dessen Arbeitsplätze zu schaffen.
Bei näherer Betrachtung und Bestimmung der durch das »Bündnis für Arbeit« geregelten Entscheidungsebenen erweist sich dieser Lösungsversuch im Hinblick auf Investitionsentscheidungen als regressive Problemverschleierung. Denn die Regierung, die entsprechende Rahmensetzungen für Entscheidungen vorzunehmen hat, sowie die Gewerkschaften als Arbeitnehmervertreter operieren national. Die Arbeitgeber und das Management hingegen operieren international, ebenso wie Investitionsentscheidungen und Kapitalverkehr sich international vollziehen. Aus dieser Kontrastierung wird ersichtlich, daß die beteiligten Entscheidungsträger Lösungen suchen müssen, die eine unterschiedliche Geltungsreichweite haben. Während auf der einen Seite nationalstaatliche Interessen gewahrt und dem Gerechtigkeitsentwurf dieser Gemeinschaft Geltung verschafft werden soll, müssen sich Unternehmen an den Wettbewerbsbedingungen ihrer Konkurrenten orientieren. Die Geltungsreichweite der nationalstaatlichen Problemlösung findet ihre Grenze an der Interessenlage der Unternehmen. Erst im Falle eines internationalen Bündnisses, das über entsprechende Sanktionsmittel verfügte, würden Wettbewerbsungleichheiten und -ungerechtigkeiten geregelt. Vgl. auch Möller (1996, S. 185).
[7] Das Bestehen dieses erfolgreichen Konsenses ist an verschiedenen Daten ablesbar. Die Konstruktion einer »Sozialen Marktwirtschaft«, in der – nimmt man die Begriffsbildung ernst – die Wirtschaft in die dem Staat zukommende Verteilungsfunktion normativ »eingebunden« ist, zeugt davon. Aber auch die im internationalen Vergleich niedrige Zahl der Streiktage und damit des Produktionsausfalls in Deutschland spiegelt die Deutungshomogenität der gemeinsamen Aufgabe von Politik und Wirtschaft wider. (Vgl. Lilge 1978, S. 260ff.) Zumindest für die Situation in der Bundesrepublik Deutschland scheint ein hoher Konsens dahingehend bestanden zu haben. Dies erschließe ich aus der Existenz solch prägnanter Begriffsbildungen wie einem »Treuebündnis« zwischen Unternehmen und Belegschaft, der »sozialen Verantwortung« bzw. der »sozialen Verpflichtung« von Unternehmern, die eine jenseits der Wertschöpfung wahrzunehmende Verantwortlichkeit des Unternehmens suggerieren.
[8] Ein mögliches Mißverständnis möchte ich gleich zu Anfang ausräumen. Wenn ich in dieser Arbeit von »Wertschöpfung« spreche, ziele ich dabei nicht auf ihren Geldpreis. Für mich steht die allgemeinere, weil elementarere Bedeutung von Wertschöpfung als Erzeugung von Problemlösungen im Vordergrund der Betrachtung. Von dieser Unterscheidung her drängt es sich auch auf, zwischen dem Wert und dem Preis einer Ware zu differenzieren, wie es der Marxschen Differenzierung von Tausch- und Gebrauchswert innewohnt. Allerdings überlasse ich die Beantwortung der Frage, was elementare Werte konstituiert, anderen Untersuchungen. Nur soviel möchte ich bemerken: Ohne einen Begriff von der Autonomie der Lebenspraxis scheint mir dies nicht möglich.
[9] Der Ausdruck »Problemlösung« soll hier anzeigen, daß soziologisch betrachtet jedes wirtschaftliche Gut eine mehr oder weniger standardisierte Lösung eines Handlungsproblems darstellt. Wirtschaftsgüter lassen sich hinsichtlich eines dauerhaften Markterfolgs danach unterscheiden, wie grundlegend die von ihnen bereitgestellte Problemlösung für die Praxis ist. Zur Frage der Standardisierbarkeit und Nicht-Standardisierbarkeit von Arbeitsabläufen, die mit der Unterscheidung einer fallsubsumtiven und einer fallrekonstruktiven Praxis zusammenfällt, vgl. Oevermann (2000, S. 57f.).
[10] Meiner Einschätzung nach wird die Differenz zwischen strategischer Entscheidung und operativem Geschäft in ihrer systematischen Bedeutung bislang zu wenig berücksichtigt. Einer Führungskraft unterhalb von Vorstand bzw. Geschäftsführung steht angesichts der Bewertung einer Entscheidung immer die Verantwortungsdelegation auf eine höhere Ebene offen. Kehrseitig dazu ist ihr Räsonnieren über Strategien dem Realitätsprinzip nicht in demselben Maße ausgesetzt. Vgl. für eine nicht genügende Beachtung dieser Differenz z.B. Eberwein/Tholen (1990), Oesterdiekhoff (1993).
[11] Die »New Class«, von der Gouldner (1979, S. 28) spricht, die intellektuelle und technische Intelligenz umfaßt, zeichnet sich durch eine »Culture of Critical Discourse« aus: »The culture of critical discourse (CCD) is an historically evolved set of rules, a grammar of discourse, which (1) is concerned to justify its assertions, but (2) whose mode of justification does not proceed by invoking authorities, and (3) prefers to elicit the voluntary consent of those addressed solely on the basis of arguments adduced«. Vgl. hierzu auch Oevermann (1995, S. 27): »Es ist vor allem dieser Dualismus der weltlichen Macht und der Macht des Geistes, der die Entfaltung des okzidentalen Rationalismus auf dem Boden der jüdisch-christlichen Religionstradition immer wieder angestachelt hat. Bis heute ist er dynamisch wirksam und noch in einem scheinbar so fernen Gebiet erkennbar, in dem die akademisch, das heißt methodisch-wissenschaftlich ausgebildeten Fachmenschen als Manager weitgehend die Maschinerie der Entscheidungsfindung und -durchsetzung von den Kapitalbesitzern übernommen haben. Die Ausformung einer die alte Klassengesellschaft substituierenden Mittelstandsgesellschaft der ›technischen Intelligenz‹ ist nichts anderes als ein Sieg der ›Macht des Geistes‹. Daß der Dualismus sich nun auf erweiterter Stufenleiter als Dualismus zwischen technischer Intelligenz, die in Entscheidungs- und Machtpositionen sitzt, und von Macht und Entscheidung freier, unabhängiger Intellektualität reproduziert, ist nicht erstaunlich, sondern zwingend. Aber verglichen mit den gesellschaftlichen Strukturen des 19. Jahrhunderts ist das eigentliche Problem nicht so sehr eine mangelnde ›Macht des Geistes‹, sondern die Entmachtung der unabhängigen Interessen-Mächte durch die Macht des Geistes in Gestalt der ›technischen Intelligenz‹«.