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Der Intellektuelle als Protagonist der Öffentlichkeit

Der Intellektuelle als Protagonist der Öffentlichkeit
Krise und Räsonnement in der Affäre Dreyfus

Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik
Band 6
Herausgegeben von Ulrich Oevermann, Roland Burkholz und Christel Gärtner

554 Seiten
ISBN 978-3-934157-13-2
Hardcover 54,00 Euro 
E-Book (PDF) 34,80 Euro

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In der »Affäre Dreyfus« kommt, wie wohl kaum zuvor und selten danach in dieser Klarheit, die eigenständige Macht des Intellektuellen zur Geltung, die darauf beruht, die Polarisierung der staatsbürgerlichen Werthaltungen und Meinungen mit der Logik des besseren Argumentes zu verknüpfen. Die intellektuelle Öffentlichkeit vollzieht im Verlauf der »Affäre Dreyfus« eine Transformation, die dem generellen Übergang des Honoratiorenstaates des 19. Jahrhunderts in den modernen Parteien- und Verbändestaat entspricht. In ihr bringt sie den Intellektuellen als eigenen Strukturtypus hervor, der handlungslogisch weder mit dem Politiker noch mit dem Wissenschaftler länger gleichzusetzen ist. Der moderne Intellektuelle zeigt aber zeitgleich auch schon seine Verführbarkeit und ureigenen Abgründe auf. Als der unschuldige Hauptmann Dreyfus nach zwölf Jahren endlich rehabilitiert wird, haben sich bereits alle Abirrationen des modernen Gemeinwesens gezeigt: korrumpierbare Massenpresse, totalitäre Ideologien, die Kälte kontrollentrückter Armeestäbe, strategisch kalkulierender Parteifunktionäre, antisemitische Ressentiments, die diffamierende Agitation. Vor diesem Hintergrund erst wird die »Affäre Dreyfus« zu einem Gründungsmythos für den modernen Intellektuellen. Er ist derjenige, der die Korrektive der Fehlentwicklungen der Moderne mobilisiert. Das leistet er aber nur insoweit, als es ihm gelingt, einen öffentlichen, auf die Suggestivität des Arguments hinwirkenden Krisendiskurs in Gang zu bringen. Es handelt sich um die erste Analyse eines öffentlichen Krisendiskurses dieser Art, die mit der Methode der objektiven Hermeneutik durchgeführt wurde.

Andreas Franzmann (*1967), Soziologe in Frankfurt am Main, hat zur Soziologie des Intellektuellen in diesem Verlag bereits einen Sammelband (»Die Macht des Geistes«, mit Sascha Liebermann und Jörg Tykwer) herausgegeben, in dem seine Studien zur Ausbürgerung Wolf Biermanns und zum Typus des mantischen Sehers im antiken Griechenland enthalten sind.



Inhalt

Vorwort  9

Einleitung  13
Der Intellektuelle als Protagonist der Öffentlichkeit  15
Die fallrekonstruktive Anlage der Arbeit  19
Der klassische Intellektuelle als Gegenstand  22
Die Affäre Dreyfus  22
Die Geschichtsschreibung zur Affäre Dreyfus – Stand der Forschung  23
Das intellektuelle Räsonnement als Untersuchungsgegenstand. Hinweise zum methodisches Vorgehen  27


I Die Affäre Dreyfus

1. Zeitabschnitt: Vom Spionagefall bis zum Esterhazy-Prozeß (1894 bis Januar 1898)  31


Exkurs zur Strukturlogik kriminalistischen Handelns: Das Problem der Militärkriminalistik  36
Exkurs zur Geschichte der französischen Armee  53
i) Der Wandel der Rekrutierungswege und das Problem ihres Übergangs  55
ii) Die gescheiterte Integration der royalistischen Offiziere in die III. Republik  57
iii) Der Verlust des nationalen Grundkonsenses nach 1870/71  57
Zur Besonderheit des französischen Rechtswesens: Die Revision  64
Das Problem der Familie Dreyfus. Wie läßt sich die Revision erreichen?  66
Bernard-Lazare  69
Exkurs zur Geschichte des französischen Pressewesens  72
Die Presse in den 1890er Jahren und während der Affäre Dreyfus  78
Picquart übernimmt das Nachrichtenbüro  84
George Clemenceau  103
Die École normale supérieure  109
Das Institut Pasteur  111
Zusammenfassung. Erste Hypothese zum Fall Dreyfus  119


II Das intellektuelle Räsonnement in der Affäre Dreyfus

2. Zeitabschnitt: Die Polarisierung zwischen Dreyfusards und Revisions-Gegnern (Januar bis März 1898)  127

Die Manifestation der Krise in der Öffentlichkeit  127
L'Aurore vom 13. Januar 1898: »J'accuse …« von Émile Zola  127
Die Protesterklärungen der Intellektuellen. L'Aurore und Siècle, 14. Januar ff.  170
Der protestantische Habitus des universalistischen Frankreich. Offener Brief von Gabriel Monod et al. an Émile Zola. L'Aurore vom 17. Januar 1898  172
»La Petite Republique« vom 19. Januar: Manifest der sozialistischen Abgeordneten  185
Nachtrag zur Analyse der objektiven Daten: 18. bis 22. Januar 1898  189
Zolas Antwort auf die Anklage wegen Beleidigung. L'Aurore vom 22. Januar 1898  190

Die Formierung der Revisionsgegner im Januar 1898  192
Die ehemaligen Angehörigen der Pariser Kommune  193
L'Intransigeant vom 15. Januar 1898: »Zola Martyr« von Henri Rochefort  193
Einschub: Die politisch organisierten Frontsoldaten  230
Die politisch organisierten Antisemiten  233
La Libre Parole vom 6. Februar 1898: »Aux Français« von Édouard Drumont et al.  233
Der Rechtsintellektuelle  252
Le Journal vom 1. Februar 1898: »La Protestation des Intellectuels« von Maurice Barrès  252
Resümee  291

Die Reaktion der Dreyfusards auf die Mobilisierung der Anti-Revisions-Partei  293
Le Siècle vom 7. Februar 1898: »Aux Français« von Yves Guyot, Directeur politique du Siècle, Émile Duclaux et al.  294

3. Zeitabschnitt: Vom Zola-Prozeß bis zur Bildung des Kabinetts Brisson (Januar 1898 bis Anfang Juli 1898)  304

4. Zeitabschnitt: Die Rede des Kriegsministers Cavaignac vor dem Parlament am 7. Juli 1898  308

Die Dreyfusards in der Defensive  308
Die Reaktion der Dreyfusards auf die Rede Cavaignacs  310
La Petite Republique vom 9. Juli 1898: »Lettre à Cavaignac« von Jean Jaurès  310
Resümee  347

Cavaignac versucht durchzugreifen (Juli bis August 1898)  349

5. Zeitabschnitt: Der Wendepunkt. Der Suizid Henrys. Die Rücktritte (August bis September 1898)  354

Die Antidreyfusards in der Krise  358
L'Intransigeant vom 2. September 1898: »Le Mensonge et La Vérité« von Henri Rochefort  358
La Gazette de France vom 6. September 1898: »Le premier sang« von Charles Maurras  365
Von der Demission Zurlindens bis zur Einleitung der Revision (September 1898)  392
Vom Sturz des Ministeriums Brisson bis zum Revisionsprozeß in Rennes (Oktober 1898 bis Ende 1899)  396
Der Putschversuch der Antidreyfusards und die Einleitung der Revision (Februar 1899)  400

Der Triumph des Intellektuellen. Die Rückkehr Zolas  404
L'Aurore vom 5. Juni 1899: »Justice« von Émile Zola  404

6. Zeitabschnitt: Von der Rückkehr des Hauptmann Dreyfus nach Frankreich im Juni 1899 bis zu seiner Rehabilitierung 1906  416

Das generalisierte Räsonnement: Der Streit um die Intellektuellen  424
Revue des Deux Mondes vom 15. März 1898: »Après les Procès« von Ferdinand Brunetière  424
Revue bleue vom 2. Juli 1898: »L'Individualisme et les Intellectuels« von Émile Durkheim  475


III Zusammenfassung

Die Deutungen der Historiker: Präzisionsbedarf  522
Die Affäre Dreyfus als Verdichtung mehrerer Einzelkrisen  525
Die Rolle der antisemitischen Presse: Die Affäre spitzt sich zu  527
Beginn der ›heißen Phase‹ der Affäre: Dynamik des polarisierten Diskurses  528
Der Kern des Konflikts  529
Vier Phasen des öffentlichen Räsonnements  530
Dreyfusards und Antidreyfusards Die politischen Lager – ihre Positionen und Motive  532
Exkurs: Transformation der Honoratiorenstaatlichkeit  534
Gegenstand und Ausgang des Konfliktes zwischen Dreyfusards und Antidreyfusards  536
Persönliche Motive: Sozialstrukturelle Gründe des Engagements der Intellektuellen  537
Die Professionen als Nährboden des fallibilistischen Geistes  537


IV Bausteine einer Soziologie des Intellektuellen

Transformation der Öffentlichkeit  541
Strukturprobleme der konsolidierten Republik  543
Der Intellektuelle als Protagonist der Öffentlichkeit  544
Der Linksintellektuelle  546
Der Rechtsintellektuelle  548

Literatur  550



1. Einleitung

Im Intellektuellen haben sich schon immer zentrale Fragestellungen der Herrschafts- und der Kultursoziologie auf interessante Weise verbunden. In allen Ländern, deren Nationalstaat aus einer bürgerlichen Revolution hervorgegangen ist, hat er eine zentrale Rolle gespielt. Die Intellektuellen waren wichtige Figuren dieser Revolutionen, und sie sind die wichtigsten Kritiker der revolutionären Entgleisungen geworden. Sie waren maßgeblich an der Etablierung einer autonomen politischen Öffentlichkeit beteiligt, und ohne die Intelektuellen wäre das moderne Pressewesen nicht zu der Macht gelangt, die es seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts innehat. In ihrer Debattenkultur werden Fragen der Gegenwart über die politischen Tagesgeschäfte hinaus zeitdiagnostisch behandelt, und dabei wird auch vorverhandelt, welche Themen politische Priorität verdienen und mit welcher Semantik sie beschrieben werden. Ihre Macht in der Demokratie wird vielleicht oft überschätzt, aber die Regierungen haben sich schon im 19. Jahrhundert darauf eingestellt, die Intellektuellen als ›nervösen‹ Faktor der politischen Stabilität im Blick zu behalten und sie an sich zu binden versucht. Sie verkörpern eine eigenständige Macht des Geistes, die das politische Geschehen beeinflußt, sobald diese Macht zur Entfaltung kommt.

Noch bedeutsamer ist vielleicht die autonome Diskurswelt der Intellektuellen für die Kultur. Ohne sie wäre das Feuilleton, die Kulturkritik, der Essay nicht zu der Blüte gelangt, die diese seit dem Ausgang des Fin de Siècle immer wieder erreichen konnten. Intellektuelle machen nicht nur die Gerechtigkeitsentwürfe einer Nation zum Gegenstand der Kritik; sie thematisieren auch die staatsbürgerliche Lebensführung, die kulturellen Selbstinszenierungen des Staates oder seine Kunst- und Wissenschaftsförderung. Die Intellektuellen waren die ersten und unerbittlichsten Kritiker des Bürgertums und seiner Lebensweise. Durch sie ging das antikapitalistische Ressentiment in eine gesellschaftskritische Fundamentalanalyse über. Und nicht zuletzt sind sie die Kritiker ihrer eigenen Kultur geworden. Immer wenn die Kontroversen dieser Diskurswelt sich mit allgemeinen politischen Krisen verbanden, wurden die Intellektuellen zu Akteuren einer Transformation der politischen und kulturellen Vergemeinschaftung. Sie stellen insofern schon seit der frühen Neuzeit ein Bindeglied zwischen der politischen Sphäre und der Kultur dar. Dies hat sie für den Historiker und für den Soziologen gleichermaßen bedeutsam werden lassen.

In den letzten Jahren sind die Intellektuellen vor allem Anlaß für historische Untersuchungen gewesen. Darin spiegelt sich eine weitverbreitete Annahme, nach der der Intellektuelle seinen historischen Höhepunkt bereits überschritten habe und ein umfassendes Resümee gezogen werden könne. Zahlreiche Arbeiten sind in diesem Geiste gerade in Frankreich in letzter Zeit erschienen (s.u.). Die Krise des Intellektuellen ist in der Tat nicht zu übersehen. Spätestens seit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes ist sie ein Thema unter den Intellektuellen selbst geworden. Es will ihnen nicht mehr gelingen, ihre Kontroversen in eine breitere Öffentlichkeit hineinzutragen. Ihre Zeitanalysen, ihre Kampagnen, ihre Auftritte erreichen nicht mehr mit derselben Suggestivität früherer Phasen das staatsbürgerliche Publikum. Wenngleich sich die historische Konstellation seit dem 11. September 2001 und dem Irak-Krieg der US-amerikanischen Koalition im Jahre 2003 wieder zu verändern scheint, kann nicht übersehen werden, daß die Intellektuellen derzeit kaum mehr an ihre frühere politische Bedeutung anschließen können. Eine im Detail profunde, von Sachkenntnis getragene zeitdiagnostische Analyse mit einer beherzt das Ganze in den Blick nehmenden, riskanten Sichtweise ist selten geworden. Und wenn eine solche doch vorgetragen wird, findet sie nicht mehr selbstverständlich eine gleichwertige Gegenrede, so daß die Dynamik einer Kontroverse, die in der Polarität einer Propositio und Oppositio begründet ist, kaum mehr in Gang kommt.1 Die Intellektuellen treffen den Nerv der Nationen nicht mehr – und wenn es ihnen gelingt, laufen die Debatten ins Leere, weil die Diskurskultur der Intellektuellen im Moment es nicht vermag, sie in die politische Öffentlichkeit hineinzutragen.

Eine einfache, plausible Erklärung hierfür wäre, daß nach dem Wegfall des Ost-West-Gegensatzes die für das intellektuelle Leben konstitutive Polarität zwischen dem Rechts- und dem Linksintellektuellen keinen programmatischen Ansatzpunkt mehr findet. Die bekannten Konfliktlinien haben sich weitgehend aufgelöst, neue sind noch nicht an deren Stelle getreten. Die Demokratie des westlichen Typus, also die parlamentarisch-repräsentative Demokratie hat sich als die überlegene Staatsform durchgesetzt; das gleiche gilt für die kapitalistische Marktwirtschaft. Ein weiterer Grund ist sicher, daß die Intellektuellen den Vorschuß einer moralischen Sonderstellung eingebüßt haben, seit dem das Ausmaß ihrer Verstrickung in die totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts erkennbar geworden ist. Der Intellektuelle steht nach dem Zusammenbruch des Kommunismus als ein in seiner moralischen Fehlbarkeit mit allen anderen Menschen egalisiertes Subjekt da. Er ist moralisch entzaubert. Intellektuelle können für ihre Selbstinszenierungen jenen Sonderstatus also nicht mehr reklamieren. Sie gelten nicht selten zu Recht als Menschen, die dafür mitverantwortlich sind, daß sich die Sozialutopien in Gewaltorgien verbraucht haben. Das historisch begründete Mißtrauen gegen die Utopien richtet sich also noch gegen die Intellektuellen selbst. Vor diesem Hintergrund gelingt es nicht, ein größeres Publikum für ihre Analysen zu gewinnen.

Aus soziologischer Sicht muß man offenlassen, ob diese Krise tatsächlich nicht zu überwinden sein wird. Es scheint auf der einen Seite nicht sehr plausibel, von einem Ende des Intellektuellen auszugehen, denn es gibt Themen, die auf Dauer eine kontroverse Bearbeitung erzwingen werden und nur durch präzise Argumentationen geistig zu durchdringen sind. Und wer anders sollte diese Argumentationen leisten als Intellektuelle? Auf der anderen Seite ist aber nicht zu bestreiten, daß die Öffentlichkeit seit dreißig Jahren in einem Strukturwandel begriffen ist, der die strukturellen Voraussetzungen öffentlicher Kontroversen selbst berührt. Insbesondere das Fernsehen und seine Selbstinszenierungslogik haben die intellektuelle Öffentlichkeit nachhaltig verändert und einen neuen Typus des Medienintellektuellen emporsteigen lassen, der den klassischen Intellektuellen an den Rand gedrängt hat.2 Das Fernsehen hat eigene Sendeschemata durchgesetzt, deren Logik einem autonomen Räsonnement zuwiderläuft. Themen und ihre sachhaltige Diskussion sind von vornherein einem Programmschema unterworfen, das im Hinblick auf den Zeitrahmen, das medial geeignete Personal und die Art und Weise der Themenbehandlung darauf ausgerichtet ist, produktionstechnisch beherrschbar zu bleiben. Eine eigenlogische Dynamik der öffentlichen Debatte wird hierdurch restringiert. Das Fernsehen stellt sich selten in den Dienst der Öffentlichkeit, indem es über unabhängig sich entfaltende Ereignisse berichtet oder diese einfach überträgt, wofür es technisch erfunden wurde, sondern die Sendeanstalten inszenieren Ereignisse selbst zu den für sie passenden Bedingungen. Das gilt auch für intellektuelle Debatten. Talkshows, Kamingespräche, Quartette, Zweier-Streitgespräche sind darauf angelegt, zu einem feststehenden Sendetermin ein Profil zu bedienen und es zu perpetuieren. Sie verbrauchen Themen und Personen regelrecht, um ihre Sendeformate interessant zu halten. Dadurch verlieren die im Fernsehen erzeugten Diskussionen ihren authentischen, verbindlichen Charakter. Das Medium dient nicht mehr der Sache, die Sache dient dem Medium. Dabei ist die Fernsehanstalt längst dazu übergegangen, sich als eigentlicher Initiator solcher Debatten selbst zu inszenieren. Sie sieht sich immer mehr als die eigentliche Instanz, welche eine öffentliche Diskussion zu einem Thema ermöglicht und gewährleistet. Redaktionen sind Planungsstellen der öffentlichen Themenverarbeitung. Die öffentliche Debatte hat sich vor diesem Hintergrund der Selbstinszenierungslogik des Fernsehens weitgehend assimiliert.

Die bürgerliche Öffentlichkeit wurde auf diese Weise strukturell deformiert. Moderatoren, deren eigene Position stets unklar bleibt, haben die Macht, die Diskussion zu steuern und Rederechte zu erteilen. Die Teilnehmer von Intellektuellenshows werden dadurch strukturell zu unmündigen Erwachsenen gemacht, die eine Debatte nicht autonom eröffnen und führen können. Wer wieder eingeladen werden will, darf sich dagegen nicht auflehnen. Wer sich dem Schema nicht unterwirft, findet aber den Weg zum großen Publikum nicht mehr. Denn das Fernsehen ist zur dominanten Form der Öffentlichkeit geworden und erreicht das größte Publikum. Es hat die Macht bekommen, über die Vergabe seiner Sendeplätze in den Talkshows den Zugang zur Öffentlichkeit zu regulieren. Gegen diese Verführung sind auch Intellektuelle nicht immun. Eitelkeit und Reputationssuche läßt sie sich um diese Plätze bewerben. Sobald man aber zum Stammpersonal des Fernsehens gehört, muß man sich seiner Logik unterwerfen. Man muß für es attraktiv bleiben und medial geeignete Themen parat halten und sein persönliches Auftreten der Regie anpassen. Diese Medienintellektuellen suchen ein wirklich offenes, kontroverses Krisenräsonnement, das normalerweise immer ein persönliches Risiko in sich birgt, von sich aus nicht mehr. In ihrer hypertrophen Pseudointellektualität verkümmert die Autonomie der intellektuellen Streitkultur. Der kulturindustrielle Selbstverwertungsmechanismus des Fernsehens wirkt bis in die Hochschulen und den Kunstbetrieb zurück, wo die Suche nach geeignetem Personal und interessanten Themen dazu führt, daß dort von sich aus die Logik der Unterwerfung der Themen und Sachen unter die Präsentation eingeübt wird. Die Fernsehredaktionen haben so damit begonnen, in die Kultur selbst ›hineinzuregieren‹.

Auf diese Weise haben sich die Voraussetzungen für die Kultur des kritischen Diskurses der Intellektuellen von Grund auf verändert. Es gibt heute strukturell kaum mehr Chancen, eine Kontroverse in die breitere Öffentlichkeit hinein zu entfalten, die sich radikal der Logik des besseren Arguments hingibt. Faktisch bedeutet dies eine massive Schwächung der Korrektivfunktionen der demokratischen Öffentlichkeit. Doch sollten daraus nicht falsche historisierende Schlüsse zum Ende des Intellektuellen gezogen werden. Der benannte Wandel ist wohl irreversibel, die im klassischen Zeitungsartikel und Essay exponierte Diskurswelt der Intellektuellen wird verblassen. ‚Große charismatische Intellektuelle werden es schwerer haben, sich zu profilieren. Doch ist nicht davon auszugehen, daß die Bürger eines Staates auf Dauer ohne sachhaltige öffentliche Kontroversen über die Zukunft ihres Gemeinwesens und die konkrete Ausgestaltung ihres Gerechtigkeitsentwurfes auskommen werden. Es werden sich neue Wege des Räsonnements bilden. Die Intellektuellen bleiben dessen Sprachrohr. Es gibt auch bei den Intellektuellen Generationenwechsel, die vollzogen werden müssen.

Die vorliegende Arbeit versucht ein besseres Verständnis dieser Entwicklungen anzubahnen, indem sie den klassischen Intellektuellen der liberalen bürgerlichen Öffentlichkeit erneut einer Untersuchung unterzieht. Dies geschieht in der Absicht, durch gründliche Einsicht in ein gelingendes Räsonnement eine Kontrastfolie für die Deformationen der Öffentlichkeit zu gewinnen. Gegenstand wird vor diesem Hintergrund die Affäre Dreyfus sein. Auch diese Arbeit wendet sich also einer historischen Phase der intellektuellen Geschichte zu. Doch ist sie nicht in historisierender Absicht verfaßt in dem Sinne einer abschließenden Betrachtung. Ihr Ziel liegt in einer systematischen soziologischen Modellbildung, mit der die Fragen, die der Intellektuelle der strukturanalytisch verfahrenden Soziologie aufgegeben hat, einer Antwort näher gebracht werden sollen. Sie geht dabei von einem krisentheoretischen Modell aus, das sich in den letzten Jahren nach Ansicht des Autors als der hierfür fruchtbarste Ansatz der gegenwärtigen Soziologie erwiesen hat.

Zu danken habe ich besonders Prof. Ulrich Oevermann für seine Förderung und Hilfe. Seiner Anregung und Kritik verdankt die Arbeit mehr, als durch einzelne Hinweise kenntlich zu machen wäre. Ebenso zu Dank verpflichtet bin ich den Teilnehmern seines Forschungspraktikums. Für Gelegenheiten, Halbfertiges zur Diskussion stellen zu dürfen, für Hinweise und Anregungen danke ich Prof. Heinz Röttges, Frau Prof. Marieluise Christadler und dem Deutsch-Französischen Institut Ludwigsburg, Prof. Ingrid Gilcher-Holtey und ihrem Kolloquium in Bielefeld, Prof. Dr. Andreas Schulz und Prof. Lothar Gall sowie Prof. Ulrich Muhlack. Mit Frau Dr. Gundula Grebner konnte ich viele historische Aspekte des europäischen Antisemitismus diskutieren. Herrn Wolfgang Barus von Humanities Online verdankt die Arbeit eine klarere Gliederung und Gestaltung. Schließlich danke ich meinen Frankfurter Kollegen für Rat und Hilfen, Dr. Axel Jansen, Dr. Sascha Liebermann, Andreas Müller-Tucholski, Manuel Franzmann, PD Dr. Lorenz Rumpf, Dr. Peter Scholz, Oliver Schmidtke und Matthias Häußler – und nicht zuletzt Tanja Franzmann, meinen Eltern Otto P. und Emmi Franzmann und meiner Frau Stefanie.


1 Eine Ausnahme bildet die jüngst von Emmanuel Todd vorangetriebene Debatte zu Amerika. Mit ihr wird den Europäern die Frage ihres praktischen Verhältnisses zum Universalismus der Bürger- und Menschenrechte unter den ganz neuen Vorzeichen einer gegen die islamistischen Bewegungen eigenmächtig agierenden amerikanischen Suprematie erneut aufgezwungen und erstmals vor dem Hintergrund ihres Einigungsprozesses eine Ausdeutung der eigenständig europäischen Tradition des okzidentalen Universalismus durch eine profilierende Abgrenzung zur anderen, amerikanischen Tradition angemahnt. Vgl. Todd, Emanuel: Weltmacht USA. Ein Nachruf, München 2003; siehe auch Kagan, Robert: Macht und Ohnmacht. Amerika gegen Europa in der neuen Weltordnung, München 2003; Johnson, Chalmers: Ein Imperium verfällt. Ist die Weltmacht USA am Ende?,München 2001; Brzezinski, Zbigniew: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Frankfurt am Main 1999; Tönnies, Sibylle: Cosmopolis Now. Auf dem Weg zum Weltstaat, Darmstadt 2002.
2 Siehe hierzu Oevermann, Ulrich: »Der Strukturwandel der Öffentlichkeit durch die Selbstinszenierungslogik des Fernsehens«, in: Claudia Honegger, Jürg M. Gabriel, René Hirsig u.a. (Hg.), Gesellschaften im Umbau: Identitäten, Konflikte, Differenzen. Hauptreferate des Kongresses der Schweizerischen Sozialwissenschaften, Zürich 1996, S. 197-228.