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Die Krise der Arbeitsgesellschaft im Bewußtsein deutscher Unternehmensführer
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Die Krise der Arbeitsgesellschaft im Bewußtsein deutscher Unternehmensführer

Sascha Liebermann
Die Krise der Arbeitsgesellschaft im Bewußtsein deutscher Unternehmensführer
Eine Deutungsmusteranalyse

Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik
Band 4
Herausgegeben von Ulrich Oevermann, Roland Burkholz und Christel Gärtner
382 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-934157-18-7
Buch 32,90 Euro
E-Book (PDF) 22,80 Euro
22,80 €
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Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik, Band 4 Herausgegeben von Ulrich Oevermann, Roland Burkholz und Christel Gärtner 382 Seiten Buchausgabe: 32,90 Euro ISBN 978-3-934157-18-7 Digitale Ausgabe: 15,- Euro Inwiefern verfügt die wirtschaftliche Elite der Bundesrepublik Deutschland über ein ausgeprägtes Krisenbewußtsein? Die vorliegende Untersuchung fragt dabei nicht nach den unternehmensinternen, tagespolitischen Entscheidungen, sondern nach den sogenannten »Rahmenbedingungen«, in die eingebettet Unternehmensführer Entscheidungen treffen. Welche Deutungsmuster zum Verhältnis unternehmerischen Handelns und nationalstaatlicher Loyalität haben sie ausgebildet? Inwiefern bildet der Gerechtigkeitsentwurf der politischen Gemeinschaft, in der sie Mitglied sind, eine maßgebliche Berechtigungsbasis für unternehmerisches Handeln? Prädestiniert sie die tagesgeschäftliche Konfrontation mit den Folgen ihrer Entscheidungen, die durch nationale Regulierungen nicht mehr genügend aufgefangen werden, zu einer prägnanten Krisenwahrnehmung? Könnten sie die klassischen Intellektuellen beerben? Anhand einer feinanalytischen Rekonstruktion ausgewählter Interviewpassagen wird das Dilemma herausgear-beitet, in dem Unternehmensführer heute stehen. Dieses Dilemma resultiert aus dem Widerstreit zweier Handlungslogiken - von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung -, denen sie zugleich verpflichtet sind und deren Wirkkraft sie sich nicht entziehen können. Wie folgenreich dieser Widerstreit ist, wird en detail herauspräpariert. Dadurch ist ein präziserer Zugriff auf diejenigen Handlungsprobleme und Deutungsmuster möglich, die den Kern dessen ausmachen, was eher problemverschleiernd als »Globalisierung« bezeichnet wird.

Inwiefern verfügt die wirtschaftliche Elite der Bundesrepublik Deutschland über ein ausgeprägtes Krisenbewußtsein? Die vorliegende Untersuchung fragt dabei nicht nach den unternehmensinternen, tagespolitischen Entscheidungen, sondern nach den sogenannten »Rahmenbedingungen«, in die eingebettet Unternehmensführer Entscheidungen treffen. Welche Deutungsmuster zum Verhältnis unternehmerischen Handelns und nationalstaatlicher Loyalität haben sie ausgebildet? Inwiefern bildet der Gerechtigkeitsentwurf der politischen Gemeinschaft, in der sie Mitglied sind, eine maßgebliche Berechtigungsbasis für unternehmerisches Handeln? Prädestiniert sie die tagesgeschäftliche Konfrontation mit den Folgen ihrer Entscheidungen, die durch nationale Regulierungen nicht mehr genügend aufgefangen werden, zu einer prägnanten Krisenwahrnehmung? Könnten sie die klassischen Intellektuellen beerben?

Anhand einer feinanalytischen Rekonstruktion ausgewählter Interviewpassagen wird das Dilemma herausgearbeitet, in dem Unternehmensführer heute stehen. Dieses Dilemma resultiert aus dem Widerstreit zweier Handlungslogiken ? von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung ?, denen sie zugleich verpflichtet sind und deren Wirkkraft sie sich nicht entziehen können. Wie folgenreich dieser Widerstreit ist, wird en detail herauspräpariert. Dadurch ist ein präziserer Zugriff auf diejenigen Handlungsprobleme und Deutungsmuster möglich, die den Kern dessen ausmachen, was eher problemverschleiernd als »Globalisierung« bezeichnet wird.



Inhalt

Danksagung   9

Einleitung: Krisenbewußtsein, Krisendiskurse und unternehmerisches Handeln   11
Unternehmerisches Handeln: Mögliche Mißverständnisse   24
Auswahl, thematische Fokussierung, Erhebung und Analyse der Interviews   27

Unternehmerische Entscheidungsfindung zwischen Wertschöpfungsinteresse und »sozialer Verpflichtung«   31
Das Interview mit Herrn F.

Nationale Loyalität und internationale Unternehmen ? die Eingangsfrage   31
Nationalstaatliche Loyalität. »Alte Denke« oder Indiz für die Suche nach einer Legitimationsbasis?   35
Das »kapitalistische Zeitalter« ? von rücksichtsloser Ressourcenausbeutung zu wirtschaftlichem Wandel unter »Zustimmung der Beteiligten«   52
Unternehmerische Planung zwischen »betriebswirtschaftlicher« Strategie, optimaler Problemlösung und politischem Konsens   62
Sinnstiftende Herausforderung oder soziale Integration durch Disziplinierung. Zum Stellenwert von Erwerbsarbeit   71
Unternehmerisches Handeln in der Spannung von Wertschöpfungsinteresse und »sozialer Verpflichtung«   89
»So muß auch der Mensch entschädigt werden ...«.
Zur sozialen Verpflichtung des Unternehmers (1)   106
Ein Treuebündnis mit den Mitarbeitern als Reaktion auf die Austauschbarkeit des Personals. Zur sozialen Verpflichtung des Unternehmers (2)   115
Zusammenfassung   123

»Ein Unternehmen, das international tätig ist, muß sich auch international verhalten«   129
Das Interview mit Herrn G.

Die Eingangsfrage 129
Die Konstitution des »Marktes« durch die politische Gemeinschaft. G.s Schwierigkeit, unternehmerische und politische Zuständigkeit auseinanderzuhalten   133
Politische Problemlösungen in ihrer Bedeutung für unternehmerisches Handeln. Standortvorteile durch eine hohe Regulierungsdichte   147
Krisenbewältigender Pragmatismus und krisenbeschwörender Fundamentalismus. Der Widerstreit zwischen erfahrungsgesättigter Gewißheit und räsonierender Krisenartikulation 166
Erwerbsarbeit als soziale Absicherung (»Hängematte«) gegen Arbeitslosigkeit 175
Die Steuerungsinstrumente der »Sozialen Marktwirtschaft« als Standortvorteil   190
Zusammenfassung 195

»Ein Regelwerk, in dem der Weltmarkt spielt«   201
Das Interview mit Herrn H.

Der Unternehmer zwischen Nationalstaat und Weltmarkt   201
»Wir sind ein richtig deutsches Unternehmen«. Vergemeinschaftende Seßhaftigkeit und unternehmerische Ortlosigkeit 218
Die Substituierbarkeit menschlicher Arbeitskraft durch softwaregesteuerte Problemlösungen. Erwerbsarbeit und technologischer Fortschritt (1)   233
Arbeit ? überwindung der Widerständigkeit einer Sache oder »Beschäftigung«? Erwerbsarbeit und technologischer Fortschritt (2)   239
Bevormundung des Bürgers statt Beförderung seiner Autonomie. Erwerbsarbeit und technologischer Fortschritt (3)   250
Ehrenamtliches Engagement, Schlaraffenlandszenario und die »wertvolleren Menschen«. Erwerbsarbeit und technologischer Fortschritt (4)   257
Die Fürsorgepflicht des Staates angesichts stigmatisierender und deautonomisierender Konsequenzen der Arbeitslosigkeit   264
Zusammenfassung   272

Unternehmerische Entscheidungsfindung als affirmative Antwort auf politische Zielvorgaben   279
Das Interview mit Herrn K.

Die Entkopplung von Wertschöpfungssteigerung und Erwerbsarbeitsvolumen   279
Ein objektiver Konflikt, den K. nicht »empfindet«. Zur Inkommensurabilität politischen und unternehmerischen Handelns   285
Die »Herausforderung« des Unternehmers durch den Nationalstaat   297
»Da wir keine Hunde und Katzen beschäftigen ?«. Vermeintliche Wertschätzung und zweifelhafter Stellenwert menschlicher Arbeitskraft   303
Anerkennung, »Wertgefühl« und objektive Stigmatisierung   311
Anerkennung, »Wertgefühl« und leistungsethische Bewährung   323
Anerkennung, Autonomie und Eigenverantwortung des Bürgers   338
Zusammenfassung   352

Legitimationsstiftende Vergemeinschaftung und unternehmerische Vergesellschaftung   359

Literatur   377
Der Autor   382



Einleitung
Krisenbewußtsein, Krisendiskurse und unternehmerisches Handeln


Krisendiskurse sind immer Ausdruck eines Krisenbewußtseins und insofern Indikatoren dafür, daß die Geltung gesellschaftlicher Normen manifest in Frage gestellt wird. Die bloße Existenz der Diskurse läßt aber noch nicht erkennen, ob sie darauf zurückgehen, daß sie auf ein Problem antworten, welches zuvor noch nicht real bestanden hat, oder ob ein solches bisher nur nicht wahrgenommen und deswegen auch nicht zum Gegenstand eines Diskurses erhoben worden ist. Auch führen die Auseinandersetzungen nicht notwendig zu einer Schärfung des Krisenbewußtseins. Die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Krise und der Prägnanz ihrer Artikulation ist ein Maßstab dafür, ob ein öffentlicher Diskurs die Geltungskrise einer Norm zu erzeugen vermag oder sie vielmehr verschleiert. Wenn Krisenbewußtsein von daher immer die Möglichkeit des Emergierens von Neuem birgt, das an die Stelle bisher geltender Problemlösungen rückt, liegt es auch nahe, anzunehmen, daß es gesellschaftliche Strukturorte gibt, an denen die Entstehung des Neuen in gesteigertem Maße thematisch ist.

Im Titel der Arbeit ist nun schon herausgestellt, daß in der vorliegenden Untersuchung nicht die klassischen Orte, an denen ein Krisenbewußtsein gesucht werden könnte, betrachtet werden, also nicht den Protagonisten der Macht des Geistes wie Intellektuellen, Politikern und Wissenschaftlern Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zum Gegenstand der Untersuchung werden Unternehmensführer erhoben, die für die strategische Planung und Entscheidung eines Unternehmens verantwortlich sind. Nun könnte schon gegen die Annahme ein Einwand erhoben werden, das Krisenbewußtsein von Wirtschaftsführern habe etwas mit dem gemeinsam, das sich auf die Geltung der Normen einer politischen Vergemeinschaftung bezieht. Letzteres richtet seine Aufmerksamkeit doch auf Geltungskrisen von Normen oder auch darauf, wie diese sich vor dem Hintergrund eines politischen Gerechtigkeitsentwurfes zu den Krisen anderer Staaten verhalten. Unternehmer hingegen orientieren sich daran, was zur Erhaltung ihres Unternehmens erforderlich ist, und richten ihre Aufmerksamkeit demnach vorrangig auf die Krisen, in die das Unternehmen geraten ist. Mit der politischen Vergemeinschaftung, in der sie agieren, steht diese Interessenlage nur mittelbar in Verbindung. Eine derart reduzierte Auffassung ist insofern schon verkürzt, als sie vernachlässigt, daß die Innovationsverpflichtung des Unternehmers in sich einen Bezug zum Allgemeinen hat, denn Waren und Dienstleistungen stellen ? in wie reduzierter Form auch immer ? Antworten auf Handlungsprobleme dar und stehen in dieser Hinsicht im Dienst der Praxis. Aus diesem Grund könnten Wirtschaftsgüter generell als Dienstleistungen bezeichnet werden, betrachtet man ihren Stellenwert für die Autonomie der Lebenspraxis vor diesem Hintergrund. [1] Gerade dieser dem unternehmerischen Handeln immanente Bezug zur Struktur der Lebenspraxis veranlaßt mich, in dieser Untersuchung meine Aufmerksamkeit auf das Krisenbewußtsein von Unternehmensführern zu richten.

Wie sich diese Verwobenheit unternehmerischen Handelns und nationalstaatlicher Loyalität darstellt, möchte ich kurz ausführen. Auch wenn die nachfolgende Explikation zu Beginn der Untersuchung nur einen heuristischen Status hat, erlaubt sie, den Blick auf die mich interessierende Fragestellung zu schärfen. Weshalb liegt es nahe, anzunehmen, daß Transformationen gesellschaftlicher Legitimationsverhältnisse ins Zentrum unternehmerischer Entscheidungsfindung hineinreichen?

Unternehmerisches Handeln läßt sich als stellvertretende Suche nach Problemlösungen bestimmen, die auf ein Handlungsproblem der Lebenspraxis antworten. Innovationen sind aus dieser Perspektive betrachtet nicht mehr und nicht weniger als standardisierte Problemlösungen, die entweder auf ein schon artikuliertes Problem antworten oder sein Entstehen weitsichtig voraussehen. Diesem Bestreben, Problemlösungen zu entwickeln und über den marktförmigen Tausch zu verbreiten, wohnt auch das mögliche Scheitern dieses Vorhabens inne. Produkte können ihrer Zeit auch weit voraus sein. Daß sie auf ein Problem antworten, ist nicht das einzige Moment erfolgreichen unternehmerischen Handelns. Ist der Problemlösungsbedarf noch nicht ins allgemeine Bewußtsein getreten, findet ein Produkt keinen Absatz und muß vom Markt zurückgezogen werden. Dieses Risiko zu minimieren, ist ein ebenso gewichtiges Moment unternehmerischen Handelns wie die Suche nach neuen Märkten. Je weniger etabliert ein Produkt und damit seine Nachfrage ist, desto riskanter ist der Schritt, es anzubieten und auf den Markterfolg zu hoffen. Ein innovatives Unternehmen, das heißt innovatives unternehmerisches Handeln zeichnet sich genau durch diese Spannung zwischen der Risikobereitschaft und dem Bestreben, es zu minimieren, aus.

In seiner konstitutionstheoretischen Einbettung betrachtet, erwächst unternehmerisches Handeln immer aus einer konkreten Vergemeinschaftung heraus, die im modernen Nationalstaat [2] eine besonders folgenreiche Gestalt erhalten hat. Ressourcen, die zur Erzeugung von Gütern herangezogen werden, befinden sich immer innerhalb der terrritorialstaatlichen Grenzen eines Herrschaftsverbandes, der daran interessiert ist, daß sie im Dienste der Allgemeinheit genutzt werden, sei es von privater oder von öffentlicher Hand. Von daher stellen Ressourcen ein allgemeines oder auch öffentliches Gut dar: Sie sind Kollektivgut einer politischen Gemeinschaft. Die politische Gemeinschaft erst verschafft durch Regulierungen den Zugang zur Ressourcennutzung; sie erst macht sie der Verwertung zugänglich und stellt sie dadurch dem Wirtschaftsprozeß zur Verfügung. Gewährleistet wird die Geltung dieser Regulierungen durch die politische Ordnung; diese sorgt für ihre beständige und verläßliche Geltung und erzeugt dadurch erst einen Handlungsraum, der einen Planungshorizont eröffnet, in dem auf Langfristigkeit angelegte Kooperationen von Wirtschaftssubjekten möglich sind. Regulierungen sind demzufolge immer Ausdruck eines Gerechtigkeitsentwurfs, einer »gerechten Ordnung«, der die Legitimationsbasis der politischen Gemeinschaft bildet. Man könnte hier einwenden, diese Definition sei zu eng gefaßt, und letztlich handele es sich um Ressourcen der Menschheit, ein Kollektivgut der Gattung. Die Menschheit selbst bildet jedoch keine Vergemeinschaftung. Diese konstituiert sich erst dort, wo widerstreitende Interessen ausgehandelt, verbindlich Kompromisse erreicht und verantwortet werden sowie die Verfügung über Sanktionsmittel besteht, um ihre Einhaltung zu gewährleisten. Gegenwärtig existiert für die praktisch verbindliche Regelung und Verantwortung solcher Entscheidungen nur eine legitimierte Instanz: der moderne Nationalstaat. Abgesehen von der Erschließung von Bodenschätzen und der Regulierung ihrer Verwertung sowie dem Zugang zu Wissensbeständen, Gesundheitsversorgung und Rechtsbeschaffung, die das Ergebnis der Arbeit vorangegangener Generationen sind, ist die Nutzung einer weiteren Ressource nur durch den Nationalstaat gewährleistet, die ich hier kurz als »Lebenszeit« bezeichne. [3] Ihre Vernutzung im privatwirtschaftlichen Wertschöpfungsprozeß und in der Bereitstellung öffentlicher Dienste setzt ein spezifisches Verständnis lebenspraktischer Bewährung in der Erwerbsarbeit voraus, das am folgenreichsten in der »Protestantischen Ethik« artikuliert ist. Von seinen religiösen Ursprüngen emanzipiert, ist es zu einem säkularen Mythos der Lebensplanung geworden und hat entsprechenden Ausdruck in institutionalisierten Regulierungen der Einkommensverteilung gefunden. In diese bislang bereits aufgeführten historisch konkreten Ausdeutungen von Gerechtigkeit, wie sie sich in einer politischen Ordnung stets verkörpert, ist das individuelle Leben immer schon eingelagert, wenn es nach gelungener Ablösung von der Herkunftsfamilie sich daranmacht, seine partikularen Interessen in einer konkreten Vergemeinschaftung zu verfolgen. Unternehmensführer nun sind in genau diesem Sinne immer Mitglied einer politischen Gemeinschaft, in ihren Gerechtigkeitsentwurf enkulturiert und ihren politischen Normen wie selbstverständlich verpflichtet. Schon von dieser hier heuristisch entfalteten Begrifflichkeit aus betrachtet, liegt es auf der Hand, daß für die unternehmerische Entscheidungsfindung die legitimatorische Verankerung unternehmerischen Handelns in einem Gerechtigkeitsentwurf nicht nur eine Rahmenbedingung, sondern den wesentlichen Grund ihres Handelns bildet.

Weshalb kommt der bewährungsdynamisch folgenreichen Ausdeutung von Erwerbsarbeit für die Fragestellung der vorliegenden Untersuchung ein besonderer Stellenwert zu? Der politische Souverän setzt Regulierungen in Kraft, die den Bürger darauf verpflichten, zur Erzielung eines Einkommens ? worin sich der Gerechtigkeitsentwurf der Gemeinschaft Ausdruck verschafft ? einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Die institutionalisierte Verpflichtung der Bürger zum Einsatz ihrer Arbeitskraft und damit ihrer Lebenszeit im Wertschöpfungsprozeß stellt also das Ergebnis einer kollektiv verbindlichen Deutung der Bewährungsdynamik dar. Sie ist die Grundlage für die Organisation eines Arbeitsmarktes, an dem menschliche Arbeitskraft eingekauft bzw. angeboten wird. Diese folgenreiche Ausdeutung der Bewährungsdynamik rechtfertigt sich im modernen Nationalstaat nicht mehr im Rahmen einer religiösen Vergemeinschaftung, wie es für die Protestantische Ethik noch der Fall gewesen ist. Das in ihr prägnant artikulierte Bewährungsmuster bedarf seiner religiösen Wurzeln nicht mehr, um als Bewährungsmaßstab praktisch zu gelten. Mit der Einrichtung der die Integrität der Bürger schützenden Institutionen wie Rechtsbeschaffung, Gesundheitsversorgung und dem Zugang zu Wissen durch den Nationalstaat entsteht eine Legitimationseinbettung, die dem Bürger Pflichten auferlegt und Rechte sichert.

Die Sicherung der lebenspraktischen Integrität der Bürger findet Ausdruck in entsprechenden Sozialsystemen, die für den Fall fehlenden Erwerbseinkommens ein Ersatzeinkommen bereitstellen. Der Anspruch auf Sozialleistungen oberhalb der Sozialhilfe ist also an Erwerbstätigkeit unabdingbar geknüpft, es sei denn, der Status des Individuums fällt in den Geltungsbereich sozialstaatlicher Sonderregelungen. Man kann deshalb auch sagen, daß sich das Transfereinkommen parasitär zum erzielten Erwerbseinkommen verhält. Welches Verständnis von Bürger unterliegt dieser Regelung im modernen Nationalstaat? Da sich der Anspruch auf ein existenzsicherndes Einkommen nur auf die Sozialhilfe beschränkt und alle anderen Leistungen Ersatzleistungen sind, sind Bürgerstatus und Erwerbstätigkeit eng miteinander verknüpft. [4] Während in vornationalstaatlichen Zeiten die aufgrund fehlender Sozialsysteme paternalistische Fürsorge des Unternehmensführers für die Belegschaft eine der Problemlage angemessene Antwort auf die Frage nach der Gemeinwohlverpflichtung des Unternehmers darstellt, verlagert sich diese Verpflichtung mit dem Entstehen des Nationalstaats von privaten Organisationen auf den Staat. Was der Unternehmer noch aus ethischem Verantwortungsempfinden gewährt hat, wird dann zu einem Anspruch des Bürgers, dem die Fürsorgepflicht des Staates korrespondiert.

Eine in anderer Hinsicht folgenreiche, dem zentralen Stellenwert der Erwerbsarbeit entsprechende Regulierung findet sich auch in der freien Berufswahl. Sie ist die praktische Voraussetzung dafür, daß menschliche Arbeitskraft möglichst dort sich beruflich bewährt, wo ihren Neigungen am meisten nachgekommen wird und ihre Interessen am besten realisiert sind. Die Entscheidung für einen Beruf und einen Arbeitsplatz ist der einzige mögliche Garant für motivierte, dauerhaft engagierte Arbeitskraft. Innovativität ist davon im wesentlichen abhängig.

Der Verpflichtung zur Einkommenserzielung über Erwerbsarbeit kann sich der Bürger nur um den Preis einer objektiven Stigmatisierung entziehen, die aus der Nichterfüllung des normativen Modells folgt, das dem kollektiven Konsens entstammt. Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, bedeutet unter diesen Bedingungen strukturell ein Scheitern an der Erwerbsarbeitsverpflichtung und damit am normativen Modell einer autonomen Lebensführung. Was aus der Perspektive des einzelnen Bürgers als Bereitschaft und Notwendigkeit zur Erwerbsarbeit wahrgenommen und aufgrund einer in der Struktur der Lebenspraxis verankerten Bewährungsdynamik positiv ausgedeutet wird, stellt aus der Perspektive des modernen Nationalstaats eine objektive Verpflichtung des Bürgers dar, deren er zur Sicherung seines Fortbestandes bedarf.

Der Zugang zur Nutzung der Ressourcen ? von Rohstoffen, Wissensbeständen und Lebenszeit ? wird also von der politischen Gemeinschaft gewährleistet und ist damit Ausdruck des in ihr realisierten Gerechtigkeitsentwurfs. Jedes Mitglied wird in diesen Gerechtigkeitsentwurf enkulturiert und internalisiert die von ihm konstituierten Legitimationsstrukturen. Für den Unternehmer erwächst aus dieser Legitimationsbasis die Verpflichtung, den Verwertungsprozeß der eingesetzten Ressourcen zu optimieren, permanent auf der Suche nach Innovationen [5] zu sein, um sich durch erfolgreichen Einsatz in dieser legitimatorischen Dynamik zu bewähren. Dieser objektiven Strukturierung und einem dazu komplementär gebildeten Habitus entspricht ein Deutungsmuster, das die Bewährungsdynamik der Lebenspraxis in einer Leistungsethik ausgestaltet (Oevermann 1995, 2001; Weber GARS I, 1988). Die Legitimierungsdynamik, die durch die stellvertretende Ressourcenverwertung mit ihrer Verpflichtung zur Innovation eingerichtet ist, erstreckt sich auch auf das Verhältnis der Wertschöpfung zur menschlichen Arbeitskraft. Ihre Substituierung durch »geronnenen Geist« (Weber PS 1988, S. 332) in Gestalt technologischer Problemlösungen wirft Folgefragen auf. Arbeitskraft kann freigesetzt werden, wenn aus der leistungsethisch motivierten Optimierung der Wertschöpfung heraus technologische Lösungen entwickelt werden, die Arbeitskraft zu substituieren erlauben. Allerdings steht diese Entfaltung der Leistungsethik im Gegensatz zum politischen Konsens: Die Eigendynamik unternehmerischen Handelns zeitigt aus der Sicht der politischen Gemeinschaft unerwünschte Folgen, sofern mit dem Abbau von Arbeitsplätzen nicht zugleich ein Entstehen neuer, dieser Innovationsdynamik entsprechender Arbeitsplätze selbstverständlich verbunden ist. [6]

Die forcierte Durchsetzung der Eigenlogik unternehmerischen Handelns, wie sie durch den universalhistorischen Rationalisierungsprozeß in Gang gesetzt worden ist, war in der deutschen Nachkriegsgeschichte durch einen breiten sozial- und wirtschaftspolitischen Konsens noch gebunden [7]. Sie macht sich im Zuge fortschreitender Vergesellschaftung zunehmend von der Einbindung in diese Loyalität frei. Durch ihre immanente Innovationsdynamik hat sie einen technologischen Fortschritt in Gang gebracht, der Ausdruck eines im gesellschaftlichen Rationalisierungsprozeß gewonnenen Erkenntniszuwachses ist. Internationale Unternehmensstrategien resultieren in dieser Sicht aus dem Bestreben, die Wertschöpfung [8] zu erhöhen und dies in Verbindung mit der Suche nach neuen Märkten zu erreichen.

Betrachtet man diese Entwicklung nun mit Blick auf die Eigenlogik unternehmerischen Handelns, das sich aus dieser bisher mehr oder weniger selbstverständlichen Einbindung in eine nationalstaatliche Loyalität freigesetzt sieht, stellt sich die Frage, inwiefern sich seine Stellung im Verhältnis von Wirtschaft und Politik verändert. Durch das beharrliche Verfolgen der Wertschöpfungsverpflichtung und der Suche nach neuen Märkten wird die Diskrepanz zwischen den Interessen von Wirtschaft und Nationalstaat immer größer. Der Unternehmer, der sich früher aufgrund des Konsenses in der Bundesrepublik noch wie selbstverständlich in den Dienst der politischen Vergemeinschaftung stellte, steht dieser nun als einer unter vielen Vergemeinschaftungen gegenüber, in denen er operiert. Dadurch ist er mit differierenden Gerechtigkeitsentwürfen konfrontiert, was ihn die entstehenden Gerechtigkeitslücken nationaler Sozialpolitik erfahren läßt. Ihre Grenzen sind Grenzen ihrer Verteilungspolitik, deren beschränkte Geltung der Unternehmer gewärtigt. Wie stellt sich die gegenwärtige Sozialpolitik angesichts dieses Wandels der Loyalitätsbindung unternehmerischen Handelns dar?

Betrachten wir die dafür maßgebliche institutionell eingerichtete Verknüpfung von Einkommenserzielung und steuerlicher Wertabschöpfung zur Umverteilung in die staatlich garantierten Sozialleistungen. Sind Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung und Sozialleistungen im allgemeinen von der ausreichenden Anzahl von erwerbstätigen Personen abhängig, von deren erzielten Einkommen Anteile zur Finanzierung abgeschöpft werden, gerät das Versicherungssystem dann in Bedrängnis, wenn die Zahl der Beitragszahler unverhältnismäßig stark sinkt. Die dadurch ausbleibenden Finanzmittel müssen dann durch eine Erhöhung der Beitragszahlungen ausgeglichen werden. Nähert sich diese Erhöhung einer unverhältnismäßig starken Belastung der Erwerbseinkommen bei gleichzeitiger weiterer Abnahme der tatsächlichen Beitragszahler, gerät das System in eine Legitmationskrise. Diese politische Strategie geht gegenwärtig in Deutschland mit einer stärkeren Verpflichtung der Arbeitslosengeld-, Arbeitslosenhilfe- und Sozialhilfeempfänger zur Reintegration in den Arbeitsmarkt einher. Systemimmanent ist diese Politik konsequent, weil sie davon ausgeht, daß die Finanzierung der Sozialleistungen auch weiterhin über die Abschöpfung vom Bruttoerwerbseinkommen geleistet werden muß. Nach den Vorannahmen, die in diese Politik eingehen, ist Arbeitslosigkeit ? abgesehen von der befürchteten Erosion der Leistungsdisziplin ? ein zu vermeidender Zustand, bedeutet er für die politische Gemeinschaft und ihr Sozialsystem immer einen Verlust an Beitragszahlern. Folgerichtig bedarf es einer Arbeitsmarktpolitik, die vor allem auf die Wiedereingliederung von Leistungsempfängern in den Arbeitsmarkt gerichtet ist; das Schaffen von Arbeitsplätzen hat dabei höchste Priorität. Die mit Hilfe technologischer Problemlösungen erreichte Substitution von menschlicher Arbeitskraft muß von dieser Warte aus als unerwünschte Folge des technologischen Fortschritts erscheinen.

Was aber passierte, wenn die Möglichkeiten zur Substitution menschlicher Arbeitskraft voranschritten, wenn es gemessen an der Wertschöpfungssteigerung vernünftig erschiene, die gegenwärtig noch besetzten, nach Maßgabe der Automatisierbarkeit aber ersetzbaren Arbeitskräfte auch noch zu entlassen? Unter welchen Bedingungen ist dies eine erstrebenswerte und unter welchen eine zu vermeidende Entwicklung? Erstrebenswert ist sie dann, wenn das Sozialleistungssystem so umgebaut wird, daß es nicht in erster Linie von Beitragszahlern abhängig ist, sondern von der Wertschöpfungsleistung, von der sie abschöpft. Würde der Maßstab für das Vorhalten eines Arbeitsplatzes sein Beitrag zur Wertschöpfung im Vergleich zu technologischen Problemlösungen sein, wäre Arbeitslosigkeit kein vermeidbares Übel mehr, sondern Ausdruck gesellschaftlichen Reichtums. Die bestehende Arbeitslosigkeit in Deutschland läßt sich also durchaus als Ausdruck gesellschaftlichen Reichtums deuten, und zwar dann, wenn sie als Resultat erfolgreicher Automatisierung betrachtet wird. Nun weist der politische Konsens allerdings in eine andere Richtung. In einer von Bundeskanzler Schröder vorgebrachten Äußerung wird den Arbeitslosen ein »Recht auf Faulheit« bestritten und ihnen die Verantwortung für ihre Arbeitslosigkeit vollständig übergeben. Darin zeigt sich, daß die Substitution menschlicher Arbeitskraft in erster Linie als eine zu vermeidende Entwicklung wahrgenommen wird. Arbeitsplätze werden zu einem Gut an sich, weil sie zum einen angeblich der Garant einer disziplinierten Lebensführung seien, zum anderen, weil nur auf diesem Wege das Sozialleistungssytem aufrechterhalten werden könne. Vor allem den ersten Grund findet man in der öffentlichen Diskussion von allen Seiten vorgebracht. In der Bundestagswahl 1998 hat die SPD mit dem Slogan »Arbeitsplätze sind für uns die schönsten Plätze in Deutschland« diese Haltung deutlich gemacht. Darin äußert sich die oben schon erwähnte noch immer angenommene zentrale Stellung der Erwerbsarbeit in der Lebensführung des modernen Menschen. Herrscht ein solches Deutungsmuster zur Erwerbsarbeit vor, wird es auch Auswirkungen auf die Entscheidungsträger haben, die darüber befinden, ob Automatisierungschancen genutzt werden oder nicht. Denn in dieses Deutungsmuster qua politischer Sozialisation enkulturiert, teilen sie, so steht zu vermuten, die kurrenten politischen Strategien in dieser Hinsicht wie selbstverständlich. Allerdings, und dies interessiert hier besonders, geraten die Entscheidungsträger auch in ein Dilemma, denn der intrinsisch unternehmerischen Dynamik steht der Verzicht auf optimale Nutzung von Automatisierungstechnologie entgegen ? sie müßte ihn geradezu als Ausweis eines unternehmerischen Defizites empfinden.

Angesichts des skizzierten Szenarios stehen Entscheidungsträger also in einem Dilemma, denn sie müssen trotz des Widerspruchs zwischen nationaler politischer Loyalität und unternehmerischer Verpflichtung Entscheidungen treffen, die sie auf die früher noch geltende Legitimationsbasis, den politischen Konsens der Vergemeinschaftung, nicht rückbeziehen können. Aus der Sicht einer die Interessenlage seines Unternehmens realisierenden Führungskraft müssen die Erwartungen, die seine politische Gemeinschaft qua Konsens an ihn richtet, der unternehmerischen Strategie nachgeordnet werden. Die Entscheidungen, die unter diesen Bedingungen getroffen werden, werfen nun Fraglichkeiten auf, deren politische Regulierung früher vorausgesetzt werden konnte. Ist die gerechte Teilhabe der politischen Gemeinschaft an Wertschöpfungerfolgen noch gewahrt? Ist die Aufrechterhaltung der an Erwerbsarbeit gebundenen Sozialsysteme gesichert? Wenn unter diesen Bedingungen eine selbstverständliche Loyalität nicht mehr geübt wird und die strategische Planung nach der Beurteilung der Wirtschaftsbedingungen erfolgt, die in den verschiedenen Nationalstaaten bestehen, sehen sich Unternehmer mit einem enormen Machtzuwachs konfrontiert. Ihre Entscheidungen bestimmen darüber, ob einem Nationalstaat ? das heißt seiner Volkswirtschaft ? Wertabschöpfungsquellen entzogen werden, die er zur Umverteilung von Werten in der Gemeinschaft einsetzen könnte. Angesichts dieser Entwicklung befindet sich der Unternehmer in einer »Doppelstellung«. Seine Mitgliedschaft in der politischen Gemeinschaft, die ihn in einen Gerechtigkeitsentwurf einbettet, gerät in Konflikt mit den Anforderungen, die eine erfolgreiche Interessenverfolgung im Dienst des Unternehmens erfordert. Die Loyalität zur politischen Gemeinschaft kollidiert mit derjenigen zum Unternehmen.

Als Reaktion auf dieses Handlungsdilemma lassen sich idealtypisch zwei Haltungen vermuten, die Unternehmer zu diesem Konflikt einnehmen. Auf der einen Seite wäre es möglich, daß sie die neue Lage, in der sie sich befinden, als Befreiung von Verpflichtungen wahrnehmen, durch die sie sich gefesselt sahen. Sie könnten sich von nun an zur Rechtfertigung ihrer Haltung auf eine notwendige Steigerung des Shareholder Value beziehen, die es erfordert, sich von politischen Loyalitäten frei zu machen. Für diesen Typus steht eine Bezeichnung schon bereit, die sich in der Debatte etabliert hat: der Global Player. Nimmt man diese Begriffsbildung ernst, ließe sich ohne weiteres von Unternehmensführern sprechen, deren Loyalitätsempfinden zu ihrer politischen Gemeinschaft in ihre unternehmerische Entscheidungsfindung nicht hineinreicht. Sie sind »Player« und damit für ihr Handeln außerhalb der Realität dieses Verantwortungsbereichs nicht verantwortlich. In dieser Weise auf das Handlungsproblem zu reagieren, wäre der zynische Versuch, eine Gerechtigkeitsfrage, die sich für jeden Staatsbürger stellt, für nichtig zu erklären. Scheint es überhaupt plausibel, anzunehmen, diese Haltung sei die vorherrschende? Kann sie eine Legitimationsbasis für Entscheidungen abgeben, die von der oben geschilderten Tragweite sind? Auf der anderen Seite ist anzunehmen, daß Unternehmensführer ein Legitimationsdefizit verspüren, weil die Wertschöpfungssteigerung nur dann ein positiv besetzbares Ziel darstellt, wenn man sich dessen gewiß sein kann, daß sie in einem grundlegenden Sinne der Realisierung des Gerechtigkeitsentwurfes einer politischen Vergemeinschaftung entspricht und sie befördert. Auf das Verspüren eines Legitimationsdefizites angesichts dieser Handlungskonstellation zu schließen, folgt aus der Legitimationsstruktur unternehmerischen Handelns und der sie auszeichne