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Protosoziologie im Kontext

Preyer, Gerhard, Georg Peter, Alexander Ulfig (Hrsg.)
Protosoziologie im Kontext
»Lebenswelt« und »System« in Philosophie und Soziologie

Frankfurt am Main 2000
392 Seiten
ISBN 978-3-934157-05-7

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Anmerkung des Verlags:
Diese Ausgabe ist text- und seitenidentisch mit der 1996 erschienenen Buchausgabe,
die im Buchhandel nicht mehr erhältlich ist.

Das Forschungsprojekt PROTOSOZIOLOGIE an der J.W. Goethe-Universität Frankfurt am Main hat seit 1991 eine grundlagentheoretische Forschung auf dem Gebiet der Theoriebildung der modernen Sozialwissenschaften durchgeführt. Dabei waren die drei Kontexte Phänomenologie, System- und Sprachtheorie relevant. Die Phänomenologie der Lebenswelt und die Systemtheorie haben in der Philosophie und Soziologie des 20. Jahrhunderts – neben dem Sprachbegriff – eine paradigmatische Bedeutung. Edmund Husserls Lebensweltbegriff ist in der phänomenologischen Schule und der phänomenologischen Soziologie von Alfred Schütz, in der konstruktiven Wissenschaftstheorie von Paul Lorenzen und seiner Schüler, in der Systemtheorie Niklas Luhmanns und der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas wirkungsgeschichtlich geworden. Die Systemtheorie und der soziologische Funktionalismus hat seit den 40er Jahren eine paradigmatische Bedeutung für die Sozialwissenschaften und Wissenschaftstheorie. System und Lebenswelt avancierten somit zu den zentralen Begriffen der Philosophie, Soziologie und Kommunikationstheorie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für die beiden deutschen Soziologen Luhmann und Habermas ist darüber hinaus – wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung – die Verbindung beider Begriffe von grundlegender Bedeutung. Im Rückblick können wir feststellen, daß in der Philosophie des 20. Jahrhunderts drei Philosophien dominierten: die Sprachphilosophie in der heute weitverzweigten und dominierenden analytischen Philosophie (Frege, Russell, Wittgenstein, Carnap u.a.), Husserls Phänomenologie in der »Phänomenologischen Schule« und Soziologie und Heideggers Fundamentalontologie in der Philosophischen Hermeneutik. Gemeinsam ist den Hauptrichtungen der Philosophie in diesem Jahrhundert, daß sie die Erkenntnistheorie nicht mehr cartesianisch und mentalistisch konstruieren. Paradigmatisch wurde diese Umorientierung in der Erkenntnistheorie Wittgensteins, der Frege folgend, in seinem »Tractatus« lakonisch formuliert: »Das denkende, vorstellende Subjekt gibt es nicht«. Husserl nimmt zwar eine Sonderstellung ein, da seine Egologie und Erkenntnistheorie cartesianisch orientiert ist. Mit der Hinwendung zur Lebensweltanalyse gibt er auch eine Antwort auf die Konstruktionsprobleme des modernen Mentalismus. Die Dekonstruktion des erkennenden Ichs (transzendentalen Bewußtseins) hat sich in der Philosophie, Wissenschaftstheorie und Soziologie des 20. Jahrhunderts durchgesetzt. Dies gilt sowohl für den radikalen Konstruktivismus, die allgemeine und die soziologische Systemtheorie Luhmanns aber auch für die konstruktive Philosophie von Lorenzen, den sogenannten »Erlangener Konstruktivismus« und seine heutigen Vertreter. Belegen läßt sich das Ende der Bewußtseinsphilosophie aber auch in der Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt von Popper, dem erkenntnistheoretischen Naturalismus von Quine und Davidson, der sprachtheoretischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie von Essler (W.K.) und in der Organtheorie der Sprache von Chomsky.



Inhalt

Einleitung:
»Lebenswelt« und »System« in Philosophie und Soziologie 9
Gerhard Preyer, Georg Peter, Alexander Ulfig

ZUM BEGRIFF DER LEBENSWELT

Ernst Wolfgang Orth
›Lebenswelt‹ als unvermeidliche Illusion?
Husserls Lebensweltbegriff und seine kulturpolitischen Weiterungen 28

Walter Biemel
Gedanken zur Genesis der Lebenswelt 41

Alexander Ulfig
Lebenswelt und Reflexion.
Anhang: Lebenswelt als Fundament der Wissenschaft 55

Gerhard Preyer
Hintergrundwissen: Kritik eines Begriffs 81

Hubert A. Knoblauch
Soziologie als strenge Wissenschaft?
Phänomenologie, kommunikative Lebenswelt und soziologische Methodologie 93

LEBENSWELT – BEGRÜNDUNG – WISSENSCHAFT

Jürgen Mittelstraß
Das lebensweltliche Apriori 106

Peter Janich
Die Rationalität der Naturwissenschaften 133

Jürgen Mittelstraß
Rationalität und Reproduzierbarkeit 152

Elisabeth Ströker
Lebenswelt durch Wissenschaft:
Zum Strukturwandel von Welt- und Selbsterfahrung 163

Paul Janssen
Lebenswelt, Wissen und Wissenschaft – Möglichkeiten ihrer Konstellation 184

Richard T. Murphy
E. Husserl's Phenomenology of Reason 202

LEBENSWELT / LEBENSFORM – SPRACHE

Pierre Kerszberg
Lifeworld and Language 216

John F.M. Hunter
The Motley Forms of Life in the Later Wittgenstein 228

Peter A. French
Why did Wittgenstein read Tagore to the Vienna Circle? 241

Georg Peter
Die Nebenbeschäftigung der Symbole:
Zu Wahrheit und Funktion der Metapher 251

SYSTEM – SOZIALSYSTEM – GESELLSCHAFT

Niklas Luhmann
Die Lebenswelt nach Rücksprache mit Phänomenologen 268

Niklas Luhmann
Observing Re-entries 290

Gerhard Preyer
System-, Medien- und Evolutionstheorie.
Zu Niklas Luhmanns Ansatz 302

Richard Münch
Autopoesis per Definition 347

Hans Zitko
Codierungen der Kunst:
Zur Kunstsoziologie Niklas Luhmanns 357

James Bohman
The Completeness of Macro-Sociological Explanations:
System and Lifeworld 370

Göran Ahrne
Outline of an Organisational Theory of Society 382

Anhang: Karl Otto Hondrich
Zu Göran Ahrnes Ansatz 390


Einleitung:
»Lebenswelt« und »System« in Philosophie und Soziologie

Das Forschungsprojekt PROTOSOZIOLOGIE an der J.W. Goethe-Universität Frankfurt am Main hat seit 1991 eine grundlagentheoretische Forschung auf dem Gebiet der Theoriebildung der modernen Sozialwissenschaften durchgeführt. Dabei waren die drei Kontexte Phänomenologie, System- und Sprachtheorie relevant. Die Phänomenologie der Lebenswelt und die Systemtheorie haben in der Philosophie und Soziologie des 20. Jahrhunderts – neben dem Sprachbegriff – eine paradigmatische Bedeutung. Edmund Husserls Lebensweltbegriff ist in der phänomenologischen Schule und der phänomenologischen Soziologie von Alfred Schütz, in der konstruktiven Wissenschaftstheorie von Paul Lorenzen und seiner Schüler, in der Systemtheorie Niklas Luhmanns und der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas wirkungsgeschichtlich geworden. Die Systemtheorie und der soziologische Funktionalismus hat seit den 40er Jahren eine paradigmatische Bedeutung für die Sozialwissenschaften und Wissenschaftstheorie. System und Lebenswelt avancierten somit zu den zentralen Begriffen der Philosophie, Soziologie und Kommunikationstheorie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für die beiden deutschen Soziologen Luhmann und Habermas ist darüber hinaus – wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung – die Verbindung beider Begriffe von grundlegender Bedeutung. Im Rückblick können wir feststellen, daß in der Philosophie des 20. Jahrhunderts drei Philosophien dominierten: die Sprachphilosophie in der heute weitverzweigten und dominierenden analytischen Philosophie (Frege, Russell, Wittgenstein, Carnap u.a.), Husserls Phänomenologie in der »Phänomenologischen Schule« und Soziologie und Heideggers Fundamentalontologie in der Philosophischen Hermeneutik. Gemeinsam ist den Hauptrichtungen der Philosophie in diesem Jahrhundert, daß sie die Erkenntnistheorie nicht mehr cartesianisch und mentalistisch konstruieren. Paradigmatisch wurde diese Umorientierung in der Erkenntnistheorie Wittgensteins, der Frege folgend, in seinem »Tractatus« lakonisch formuliert: »Das denkende, vorstellende Subjekt gibt es nicht«. Husserl nimmt zwar eine Sonderstellung ein, da seine Egologie und Erkenntnistheorie cartesianisch orientiert ist. Mit der Hinwendung zur Lebensweltanalyse gibt er auch eine Antwort auf die Konstruktionsprobleme des modernen Mentalismus. Die Dekonstruktion des erkennenden Ichs (transzendentalen Bewußtseins) hat sich in der Philosophie, Wissenschaftstheorie und Soziologie des 20. Jahrhunderts durchgesetzt. Dies gilt sowohl für den radikalen Konstruktivismus, die allgemeine und die soziologische Systemtheorie Luhmanns aber auch für die konstruktive Philosophie von Lorenzen, den sogenannten »Erlangener Konstruktivismus« und seine heutigen Vertreter. Belegen läßt sich das Ende der Bewußtseinsphilosophie aber auch in der Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt von Popper, dem erkenntnistheoretischen Naturalismus von Quine und Davidson, der sprachtheoretischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie von Essler (W.K.) und in der Organtheorie der Sprache von Chomsky. Im Rahmen des Schwerpunktes »Lebenswelt und System« sind für eine Protosoziologie die folgenden vier Themen- und Problembereiche relevant:

1. Begriffsgeschichte des Lebensweltbegriffs, Fragen der Analyse der Genesis der Lebenswelt in phänomenologischer Sicht und unterschiedliche Lebensweltbegriffe in den Kontexten Philosophie, Sprachtheorie und Soziologie. Der Lebensweltbegriff wird oft rhetorisch und inflationär gebraucht, insofern bedarf es einer Vergewisserung darüber, welchen systematischen Status die Hinwendung zur »Lebenswelt« bei Husserl einnimmt und welche Rolle dieser Begriff in der Wirkungsgeschichte der an Husserl orientierten Philosophie und Soziologie spielt.
2. Die Analyse des Zusammenhangs zwischen Lebenswelt und Wissenschaft i.S. einer Fundierung der Wissenschaften in der Lebenswelt. Dies betrifft vor allem den von der konstruktiven Wissenschaftstheorie Lorenzens vertretenen Begründungs- bzw. Fun-dierungsanspruch und seine Grenzen, aber auch die gegenseitige Beeinflussung von Wissenschaft und Lebenswelt aus der Sicht der Phänomenologie, analytischen Wissen-schaftstheorie und Systemtheorie.
3. Lebenswelt und Sprache im Zusammenhang mit der sprachtheoretischen/ linguistischen Wende in der Philosophie und Soziologie. Für eine Protosoziologie ist hierbei die kognitive Grundlegung der Handlungs- und Sprachtheorie von Interesse. Damit sind die Problembezüge der sprachlichen Welterschließung und ihrer Grenzen, die Differenz zwischen Alltagssprache und theoretischer Sprache sowie die Auseinandersetzung mit einem Sprachbegriff, der einen engen Zusammenhang zwischen Sprache und Lebensform annimmt, angesprochen.
4. Lebenswelt und System als Grundbegriffe der gesellschaftstheoretisch orientierten Soziologie und allgemeine Konstruktionsfragen der Gesellschaftstheorie. Eine Proto-soziologie ist an einer situations- und kontextübergreifenden Theoriebildung orientiert. Ein spezielles Problem ist in diesem Zusammenhang die evolutionäre Einstufung des Lernschritts der sogenannten Technisierung/Rationalisierung der Lebenswelt, die wir heute weniger dramatisch bewerten. Für eine Protosoziologie sind Handlungs-und Systemtheorie keine sich ausschließenden Ansätze. Ihre soziologische Kerntheorie ist eine Soziologie der Mitgliedschaftsbedingung und ihre Codierung/Programmierung. Insofern ergeben sich für sie Anschlüsse an Luhmanns Variante der Systemtheorie, die sie als einen Beitrag zu einer Soziologie der Mitgliedschaftsbedingung einstuft, aber auch an die Theorie der Handlungssysteme von Parsons.

Habermas hat in seiner »Theorie des kommunikativen Handelns« die Entgegensetzung von Lebenswelt und System als Grundlage einer evolutionstheoretisch orientierten Gesellschafttheorie eingeführt. Die Umstellung zu der modernen Gesellschaftsorganisation wird von ihm als ein »Differenzierungsvorgang zweiter Ordnung« systematisiert. Die Differenzierung von Lebenswelt und System führt zu einer Steigerung der Rationalität der Lebenswelt und der Systemkomplexität. Habermas übernimmt Luhmanns Differenzierungstheorie sozio-evolutionärer Systembildung und gibt ihr in der Annahme eines Vorrangs eines soziologisch gehaltvollen Lebensweltbegriffs für die Aufstellung einer Gesellschaftstheorie eine besondere Gewichtung. Gesellschaften sind für ihn »systemisch stabilisierte Handlungszusammenhänge sozial integrierter Gruppen«. Er geht davon aus, daß sich die sozialintegrativ hergestellten Ordnungen von ihren Mitgliedern intuitiv vergegenwärtigen lassen, die systemintegrativ hergestellten Ordnungen dagegen in ihrer Eigenart kontraintuitiv sind.

Diese Theoriebildung hat sich bei den meisten Soziologen nicht durchgesetzt (Münch, Alexander, Luhmann, McCarthy, Taylor, Giesen, Preyer, Giddens u.a.). Die Einwände betreffen drei Folgeprobleme dieses Ansatzes: 1. Welche strukturellen »Beziehungen« lassen sich zwischen den evolutionären Integrationsebenen einer Gesellschaft und der Bewältigung von Handlungsimperativen nachweisen? Diese Beziehungen betreffen im modernen Gesellschaftssystem strukturelle Zusammenhänge, die die von »Lebenswelt und System« bezeichnenden Bereiche übergreifen, z.B. die strukturellen Zusammenhänge zwischen a) der sozialen Integration über gemeinsam geteilte Normen und den verallgemeinerten kulturellen Werten, b) der Institutionalisierung der rechtlichen Kontrolle der ökonomischen Entscheidungen und ihrer Auswirkung auf die ökonomische Entwicklung und c) der Institutionalisierung der normativ rechtlichen Kontrolle der politischen Entscheidungen und der demokratischen Ordnung. Von besonderem Gewicht ist bei der Analyse dieser »Zusammenhänge« das für moderne Gesellschaften typische, die einzelnen Teilsysteme übergreifende, Orientierungssystem für Erwartensprojektionen, durch das die Organisationsprinzipien (evolutionäre Errungenschaften) dieses Gesellschaftstypus in eine auf Dauer gestellte, innovierungs- und lernfähige Sozialordnung überführt werden konnten. Dies erlaubt zwar keine Prognosen über zukünftige Verlaufsformen, aber es sind rückblickend evolutionäre Errungenschaften auszeichenbar, die ohne den Preis eines Lern- und weiteren Entwicklungsverlustes nicht rückgängig gemacht werden können.


Zum Begriff der Lebenswelt

Der Lebensweltbegriff hat eine Vorgeschichte. Der philosophische Begriff des Lebens reicht bis in die Jenaer Romantik, vor allem auf F. Schlegel, zurück und wurde durch Nietzsche zu einem kulturkritischen Begriff. Die engere Wirkungsgeschichte im Hinblick auf Husserl betrifft Diltheys Lebensphilosophie. Der Lebensweltbegriff nimmt werkgeschichtlich bei Husserl erst in seiner Krisis-Schrift eine systematische Stellung ein. Ernst W. Orth situiert in Lebenswelt als unvermeidliche Illusion? den Begriff der Lebenswelt in den Zusammenhang der Lebensphilosophie Diltheys, wobei »Welt« und »Leben« in dieser Tradition zunächst als »operative Begriffe« vorliegen. In der operativen Verwendungsweise läßt er sich bereits in den frühen Vorlesungen Heideggers belegen. Husserls Anspruch in seiner Krisis-Schrift geht dahin, durch eine Besinnung auf die vortheoretische Lebenswelt die letztbegründende Sphäre der reinen Subjektivität zu erschließen, die nicht zur Lebenswelt gehört. Orth verweist auf die Inkonsistenzen des Husserlschen Lebensweltbegriffs: Lebenswelt soll einerseits eine invariante Struktur aufweisen, andererseits wird eine Pluralität von Lebenswelten konstatiert; zwischen der bestimmten lebensweltlichen Intersubjektivität und der transzendentalen Intersubjektivität wird bei Husserl keine scharfe Grenze gezogen und sie wird als geschichtlich, gleichwohl aber als mit einer über- bzw. vorgeschichtlichen Struktur ausgestattet bestimmt. Auf der einen Seite läßt sich die Struktur aller Erfahrung im Rekurs auf die lebensweltliche Erfahrung erklären, andererseits soll die transzendentale (Inter-)Subjektivität als der Inbegriff der Strukturiertheit gelten. Das Illusionäre des Lebenswelt-Themas besteht nach Orth erstens darin, daß sich der Mensch der natürlichen Einstellung unvermeidlich und unbegründet auf einem Boden von Selbstverständlichkeiten befindet. Die zweite Illusion ist der Anspruch des Phänomenologen, den Inbegriff von unvermeidlichen Selbstverständlichkeiten gehaltlich festzuschreiben. Wird der Lebensweltbegriff kulturkritisch gedeutet, so ergibt sich die weitere Illusion eines nicht zu verwirklichenden Lebens in absoluter Selbstverantwortung und Harmonie. Die Phänomenologie wird nach Husserl als eine radikale »Selbstauslegung des Lebens«, eine »Erneuerung der Wissenschaft« durch den Rückgang auf das Leben propagiert. In diesem Zusammenhang verwendet Husserl den Begriff des Lebens viel weiter als das, was er sachlich unter »Lebenswelt« versteht. Zu diesem Bedeutungsfeld gehören biologische Wirklichkeit, kulturelles Leben und »transzendentales Leben«. Je mehr sich Husserl einem so vielfältigen Lebensbegriff nähert, umso schwankender wird seine Bestimmung der Philosophie als strenger Wissenschaft. Damit werden die Grenzen der strengen Wissenschaftlichkeit offenkundig. Das Dilemma, mit diesen Grenzen leben zu können, ohne dabei auf die Wissenschaftlichkeit zu verzichten, kann Orth zufolge nicht im Rahmen einer übergreifenden Theorie gelöst werden.

Dem Entstehungskontext des Begriffs der Lebenswelt geht Walter Biemel in seinem Artikel Gedanken zur Genesis der Lebenswelt nach. Nach seiner Darstellung kann sich eine objektive Wissenschaft nur auf dem Boden der Lebenswelt entfalten, die als die Welt der »doxa« charakterisiert wird. Die Rehabilitierung der doxa führt zu der These von der Fundierung der wissenschaftlichen in der lebensweltlichen Erfahrung. Nach Husserl spaltet sich das Wissen in der Neuzeit in zwei Richtungen, den physikalischen Objektivismus und den transzendentalen Subjektivismus, die sich voneinander weg entwickelten. Biemel macht in einer freien Analogie zu Heidegger auf diejenige Erfahrung aufmerksam, die für die Entstehung der Lebenswelt grundlegend ist. Es ist die Grunderfahrung des Vertrauens, zunächst zur ersten Bezugsperson, dann zu den Anderen, den Dingen der Umwelt und zur Natur. Die zentrale These ist, daß die Lebenswelt nicht von vornherein eine gemeinschaftliche Leistung ist, sondern daß jedes Individuum die einzelnen Stufen der Herausbildung der Lebenswelt durchgeht und erst darauf die Gemeinschaftlichkeit aufgebaut werden kann.

Lebenswelt wurde von Husserl, Heidegger, Wittgenstein und Searle unterschiedlich thematisiert. Alexander Ulfigs Anfangsthese in Lebenswelt und Reflexion besagt, daß jeder dieser Thematisierungsweisen eine reflexive Einstellung zugrunde liegt. Dabei geht es ihm auch um den Status dieser Thematisierungsweisen, d.h. um die Validierung der von ihm behandelten Thematisierungsweisen. Bei der Bestimmung des Begriffs der Reflexion schließt er sich an die von Herbert Schnädelbach entwickelte Reflexionstypologie – deskriptive, sinnexplikative und geltungstheoretische Reflexion – an. Im Kontext der Validierung der Erkenntnis von der Lebenswelt hat s.E. die geltungstheoretische Reflexion einen Vorrang. Es wird deshalb gezeigt, daß Husserl, Heidegger und Wittgenstein die geltungstheoretische Validierungsreflexion nicht hinreichend berücksichtigen. Searle hat den Begriff des Hintergrundes im Rahmen seiner Intentionalitätstheorie und seiner Philosophie des Geistes eingeführt. Searles Analyse der Intentionalität und des Hintergrundes stellt eine furchtbare Verbindung zur Phänomenologie dar, die auch bei anderen analytischen Philosophen e.g. Chisholm und Foellesdal vorzufinden ist. Searle stellt sich die Frage nach der Möglichkeit der Thematisierung des lebensweltlichen Hintergrunds und bietet nach Ulfig hierzu einen Lösungsvorschlag an. In dem Exkurs Lebenswelt und Wissenschaft präzisiert Ulfig die bis heute kontrovers erörterte Interpretationen der These von der Fundierung der Wissenschaft in der Lebenswelt. Hierbei unterscheidet er zwischen folgenden Fundierungszusammenhängen: historisch-genetischer Zusammenhang, Einführungszusammenhang, normativ-praktischer Zusammenhang und Geltungszusammenhang. Von besonderer Wichtigkeit ist für ihn die Frage, an welcher »Stelle« sich wissenschaftliche Begriffs- und Theoriebildung von ihrem lebensweltlichem Fundament verselbständigt, wobei hier die Einsichten der konstruktiven Wissenschaftstheorie zu Hilfe genommen werden.

Habermas hat den Begriff »Hintergrund« (Searle) resp. Hintergrundwissen i.S. eines unthematischen Wissens (Husserl) in seine Sprechakttheorie aufgenommen. Damit verfolgt er ein spezielles Interesse. Ausgehend von einer Analyse von semantischen Gültigkeitsunterstellungen des Sprachverhaltens (Theorie der illokutiven Akte) beabsichtigt er, in Abgrenzung von Husserls Lebensweltbegriff, einen soziologisch gehaltvollen Lebensweltbegriff einzuführen und diesen im Rahmen seiner »Theorie des kommunikativen Handelns« einer Gesellschaftstheorie zugrundezulegen. Der Hintergrund umfaßt in dieser Fassung des Lebenweltbegriffs die lebenweltlichen Gewißheiten – Dispositionen und Fertigkeiten, Hintergrundannahmen und Handlungsnormen sowie Stimmungen –, die nach Habermas einer besonderen Präsuppositionsanalyse bedürfen. Gerhard Preyer argumentiert in Hintergrundwissen: Kritik eines Begriffes dahingehend, daß der Begriff des vorintentionalen Hintergrundwissens referentiell undurchsichtig ist und skizziert im Anschluß an Davidsons Sprach- und Bedeutungstheorie einen erkenntnistheoretisch alternativen Begriff von Hintergrundwissen, der keiner speziellen Präsuppositionsanalyse bedarf. Ein weiteres Argument richtet sich gegen eine diskurstheoretisch orientierte Gesellschaftstheorie – den Verweisungszusammenhang zwischen universellem Diskurs und idealisierter Lebenswelt –, die davon ausgeht, daß in modernen Gesellschaften »Diskurse« und »rationales Motivieren« sozial-integrative Funktionen in einer »rationalisierten Lebenswelt« übernehmen können, da die hypothetische Prüfung von Aussagen und Normen von ihrer sozialen Geltung i.S. der Verpflichtung ihnen zuzustimmen, zu unterscheiden ist.

Der Lebensweltbegriff hat in der phänomenologischen Soziologie einen speziellen methodologischen Status für die soziologische Forschung. »Lebenswelt« ist ein »methodologisches Konstrukt«. Als vortheoretische Erfahrungswelt gilt sie als das Fundament der theoretisch-wissenschaftlichen Aussagen. Nach Hubert Knoblauch stellt der Rekurs auf die Lebenswelt den Bezug zur Empirie in der soziologischen Forschung her. Er ruft die zentralen Postulate der phänomenologischen Soziologie in Erinnerung und nimmt ihre partielle Umformulierung mittels der Prinzipien der Ethnomethodologie (»Indexikalität«, »Reflexivität« und »Natürlichkeit«) vor. Dabei soll die »Grounded Theory Methodology« die Kopplung alltäglicher Interpretationen mit wissenschaftlichen Erklärungen ermöglichen. Ziel ist es zu zeigen, inwieweit Phänomenologie, Ethnomethodologie und die Grounded Theory Methodology gemeinsam die methodische und kommunikative Konstruktion von wissenschaftlichen Aussagen erklären können.


Lebenswelt – Begründung – Wissenschaft

In der von Lorenzen begründeten Konstruktiven Wissenschaftstheorie der Erlanger Schule wird der Begriff der Lebenswelt im wissenschaftstheoretischen Kontext und in begründungstheoretischer Absicht verwendet. Ziel der konstruktiven Wissenschaftstheorie ist es, eine wissenschaftliche Sprache methodisch aufzubauen, d.h. einen methodisch gesicherten Zusammenhang zwischen theoretischen und vortheoretischen bzw. lebensweltlichen Orientierungen in begründungstheoretischem Sinne herzustellen. Der Rückgang auf die Lebenswelt als Grundlage der theoretischen Orientierungen hat somit einen methodischen Charakter. Mit dem Begriff des »lebensweltlichen Apriori« theoretischer Konstruktionen wird die Rückbindung einer theoretischen Praxis an eine vortheoretische Praxis bezeichnet. Zentral für die Rückbindungsthese ist die von den Konstruktivisten durchgeführte Erneuerung des aristotelischen Erfahrungsbegriffs. Erfahrung wird hier als ein »Wissen des Besonderen« definiert, als der geübte Umgang mit Unterscheidungen und als ein lebensweltliches Tun und Können, anhand dessen erste sichere Orientierungen eingeführt werden.

Jürgen Mittelstraß stellt in Das lebenweltliche Apriori zunächst den Prozeß der Ablösung des aristotelischen durch den neuzeitlichen Erfahrungsbegriff dar, der in der Galileischen Mechanik als Resultat einer technischen Konstruktion und im klassischen Empirismus als ungeordnete Vorstufe der wissenschaftlichen Empirie verstanden wurde. Erst Husserl hat dieser Entwicklung eine Wende gegeben und die Funktion der Lebenswelt bzw. der lebensweltlichen Erfahrung als Fundament der Wissenschaften herausgestellt. Husserl begnügt sich allerdings nicht mit dem Nachweis dieser Funktion. Mittels der transzendental-phänomenologischen Reflexion auf das Reich der reinen Subjektivität soll die Lebenswelt selbst hintergangen werden und als Konstitutionsgegenstand des transzendentalen Ego erscheinen. Damit wird die Lebenswelt zum »bloßen transzendentalen ‚Phänomen'«, zu einer »bloßen ‚Komponente' in der konkreten transzendentalen Subjektivität« und verliert auf diese Weise den Status der Unhintergehbarkeit. Demgegenüber werden in der konstruktiven Wissenschaftstheorie diejenigen Elemente der vortheoretischen Praxis aufgezeigt, die im Sinne eines methodischen Aufbaus als apriorische Voraussetzungen der Begriffs- und Theorienbildung eingehen. Wissenschaftliche Konstruktionen basieren somit auf elementaren Orientierungen, die durch diese Konstruktionen selbst in begründungstheoretischer Absicht hintergangen werden können. Abschließend nennt Mittelstraß einige Grundelemente dieses Apriori, wie z.B. die elementare Prädikation, das Unterscheidungsapriori und das Herstellungsapriori.

Die konstruktive Wissenschaftstheorie wurde von Peter Janich i.S. eines »kulturalistischen Ansatzes« fortentwickelt. In seinem Beitrag Die Rationalität der Naturwissenschaften behandelt er den naturwissenschaftlichen Rationalitätsbegriff in Verbindung mit der Frage nach der Geltung von Meßresultaten. Diese Geltung läßt sich nur mit »ungestörten« Meßgeräten herstellen, wobei deren »Ungestörtheit« durch die Zwecke der Meßkunst normativ festgelegt und technisch realisiert werden. Entscheidend hierbei ist der Ausweis einer prototypenfreien Reproduzierbarkeit rationalzahliger Meßresultate. Unter »transsubjektiver Geltung« wird die Allgemeinheit (Universalität) verstanden, die schon lebensweltlich jeder Mensch in Anspruch nimmt, der Wörter für Handlungsschemata verwendet. Diese lebensweltliche Beherrschung des Handelns wird in den Prototheorien zur Klärung quantitativer Verfahren der Naturwissenschaften zusätzlich expliziert und normiert. »Rational« heißt in den Naturwissenschaften, daß universell gültige Aussagen hinsichtlich der Verfügbarkeit rational-zahliger Meßresultate formuliert und in ihrer Geltung ausgewiesen werden. Eine zweite Art von Rationalität in den Naturwissenschaften erblickt Janich im Experiment. Der empirische Charakter der Naturwissenschaften ist hier rational, insofern er in der Mittel-Zweck-Relation steht und mit dem technischen Erfolg dieser Wissenschaften zusammenhängt. Zweckrationalität von Empirie ist Rationalität, die auf explizite Prinzipien gebracht werden kann, vor allem auf das »Prinzip der methodischen Ordnung«, wonach über nicht vertauschbare Teilhandlungen in poietischen Handlungsketten der empirischen Laborforschung keine Vertauschungen von sprachlichen Beschreibungen vorgenommen werden dürfen. Abschließend wirft Janich die Frage auf, ob die Naturwissenschaften ein rationales Verhältnis zur Natur ausbilden können, und ob dabei eine andere Form der Rationalität, die nicht Zweckrationalität ist, eine Rolle spielen könnte, z.B. eine Rationalität, die Zwecke-Rechtfertigungen einbezieht.

Wir haben uns heute in einer Situation zu orientieren, in der sich ein ungeteilter, wissenschaftlicher Rationalitätsbegriff in unterschiedliche Rationalitäten auflöst. Jürgen Mittelstraß beschreibt in Rationalität und Reproduzierbarkeit die Grundsituation dahingehend, daß sich der Begriff der wissenschaftlichen Rationalität in der modernen Wissenschaftstheorie durch den der wissenschaftlichen Rationalitätsmodelle ersetzen läßt. Ergänzt wird die Untersuchung durch eine exemplarische Analyse eines Rationalitätskriteriums (der Reproduzierbarkeit), durch die Unterscheidung zwischen Theorierationalität und Forschungsrationalität und durch ein Plädoyer für einen transparadigmatischen Rationalitätsbegriff.

In den modernen Gesellschaften stehen Lebenswelt und Wissenschaft immer mehr in einem wechselseitigen Korrelationsverhältnis. Elisabeth Ströker weist in Lebenswelt und Wissenschaft zunächst darauf hin, daß die These von der Fundierung der Wissenschaft in der Lebenswelt von der impliziten Annahme ausgeht, daß von ihrer Herausbildung die Lebenswelt selbst eigentlich gar nicht betroffen sei. In diesem Zusammenhang kann man sogar von einer Rückwirkung der Wissenschaft auf die Lebenswelt sprechen, in dem Sinne, daß wissenschaftliche Erkenntnisse in ihr Anwendung finden. Experimentelle Vorkehrungen der Wissenschaft sind Teil sowohl der wissenschaftlichen als auch der lebensweltlichen Praxis. Sie dienen der Einlösung von Geltungserwartungen ihrer Hypothesen und bewirken gleichermaßen Veränderungen in der Lebenswelt. Die von der Wissenschaft zu einer bestimmten Zeit eingeführten Gegenstände werden in der Lebenswelt im Fortgang nach und nach »vertraut« und ihr auf eine selbstverständliche Weise »einverleibt«. Grundlegend für die Wandlung des Objektbegriffs in der Wissenschaft war die Technik, insbesondere der Gebrauch der technischen Geräte als Mittel zur wissenschaftlichen Welterschließung. Besonders hervorzuheben ist hier die von Wissenschaft und Technik herbeigeführte Veränderung des Zeitbegriffs und seine Auswirkung auf die Grundstruktur der Lebenswelt: Während in der vorindustriellen Welt die Zeit am Tagesrythmus bzw. am Rhythmus der Jahreszeiten erfahren wurde, wird sie im industriellen Zeitalter als gemessene Zeit chronometrisch homogenisiert. Lebensweltliche Erfahrung wird in der heutigen Gesellschaft hauptsächlich durch moderne Kommunikationsmedien vermittelt. Daraus folgt, daß die Zeiträume zwischen dem Erwerb wissenschaftlich-technischen Wissens und seiner praktischen Umsetzung immer kleiner werden. Neuerungen müssen immer schneller in die Lebenswelt eingeführt werden. Die Hauptursache für die Orientierungs- und Sinnkrise unserer Zeit sieht Ströker darin, daß erstens die Herkunftsgeschichte der auf die Lebenswelt entscheidend einwirkenden Innovationen weitgehend ausgeblendet wird, zweitens die über die Lebenswelt hinausgehenden Zusammenhänge und praktische Folgen erst ex post erkannt werden können.

In der Folge dieses Zusammenhangs ergeben sich unterschiedliche Korrelationsmöglichkeiten zwischen lebensweltlichem Wissen, dem Wissen von der Lebenswelt und der Wissenschaft. Paul Janssens besondere Aufmerksamkeit gilt in seinem Artikel Lebenswelt, Wissen und Wissenschaft zunächst dem der Lebenswelt zugehörigen Wissen. Dies kann zweierlei bedeuten: erstens das der Lebenswelt in ihrer theoretischen Thematisierung zugewiesene Wissen und zweitens die »Art von Wißbarkeit«, die dem Zusammenhang von Lebenswelt und Wissen in der Theorie inhärent ist. Im Zentrum steht hier das Verhältnis zwischen demjenigen, der die Einheit der Lebenswelt und ihres Wissens theoretisch zum Thema macht, und dem lebensweltlichen Wissen. Janssen betont, daß für den thematisierend Wissenden das, was der lebensweltlich Wissende weiß, kein »standhaltendes Wissen« ist. Letztlich ist es unvermeidlich, daß der theoretisch Thematisierende mehr weiß als die lebensweltlich Wissenden. Ein weiteres Problem entsteht dadurch, daß in theoretisch-thematisierenden Aussagen über die Lebenswelt Redemittel des Alltags verwendet werden, wodurch kategoriale Schwierigkeiten bezüglich der unterschiedlichen Arten des Wissens entstehen. Janssen stellt weiter heraus, daß, sofern die Lebenswelt als Sphäre des Vorvertrauens charakterisiert wird, ihre Thematisierung als Einheit von Wissen und Vorvertrauen keine Vertrauensbildende Einstellung voraussetzen muß. Im Zusammenhang mit einer Explikation des Verhältnisses von Lebenswelt und Wissenschaft schlägt Janssen folgende Unterscheidungen vor: 1. objektiv-wissenschaftliches Wissen ohne Rekurs auf ein erfahrendes Subjekt, 2. das Wissen um die Entstehung dieses Wissens aus lebensweltlichem Erfahren und Wissen und 3. die nicht-objektiv-wissenschaftliches Wissen vom lebensweltlichen Erfahren und Wissen selber.

In seiner »Phänomenologie der Vernunft« verbindet Husserl die Problematik der Rationalität mit der der Evidenz und Wahrheit. Seine Evidenz- und Wahrheitsauffassung wandelt sich von einer statisch-intuitionistischen zu einer genetisch-konstitutiven mit teleologischen Komponenten. Richard Murphy gibt in seinem Aufsatz E. Husserls's Phenomenology of Reason eine Übersicht über diese Entwicklung, welche zugleich als eine Gesamtdarstellung der Meilensteine der Phänomenologie gelesen werden kann. Er argumentiert dahin, daß diese Wandlung mit der Entwicklung der Phänomenologie im ganzen konsistent ist. Während mit »Evidenz« in den »Logischen Untersuchungen« hauptsächlich Akte der rationalen Intuition, in denen Objektivität adäquat gegeben ist, bezeichnet wurden, bezieht sich Evidenz seit den »Ideen« auf das ganze intentionale Akt-Leben des erfahrenden Subjekts. Die teleologische Komponente der Evidenz und Wahrheit ist ein apriorisch-strukturelles Merkmal des intentionalen Lebens des Subjekts und sie legt den rationalen Charakter dieses Lebens fest. Besondere Rolle spielt für Murphy dabei die Zeitstruktur des intentionalen Bewußtseins. Die Selbstauslegung der apriorischen Strukturen des transzendentalen Bewußtseins ist ein offener Prozeß. Seine Rationalität wird durch die teleologische Struktur der Evidenz- und Wahrheitsfindung markiert. Die Teleologizität des rationalen Bewußtseins kann nach Murphy als regulative Idee im Sinne Kants aufgefaßt werden. Sie ermöglicht Husserl darüber hinaus, mit Hilfe der Konzeption der reinen (nicht-hermeneutischen) Phänomenologie sich den Herausforderungen des Historismus und Historizismus zu stellen.


Lebenswelt/Lebensform – Sprache

Bezüglich der Husserlschen Phänomenologie wurde seine Sprach- und Bedeutungstheorie am meisten kritisiert. Wie können die extramundanen Leistungen des Ego ausgedrückt werden? In welcher Sprache kann sich das transzendentale Ego äußern? Gibt es hierfür spezifische Redemittel des transzendentalen Ego? Die transzendentale Konstitution erfordert eine besondere Sprachverwendung. Die Sprache der Phänomenologie kann jedoch nicht eine andere sein als die natürliche Sprache. Beide »Spracharten« können nach Pierre Kerszberg nicht streng voneinander getrennt werden. Dies betrifft, so seine Argumentation in Lifeworld and Language, vor allem die »Einwirkung« der natürlichen Alltagssprache auf die phänomenologische Begriffsbildung. Husserl hat noch an die Bildung ganz neuer »Bedeutungen« in der phänomenologischen Konstitutionstheorie, am Ende des Begriffsbildungsprozesses, geglaubt; die Bedeutungen können von alltäglich-weltlichen Konnotationen gereinigt werden. Nach Kerzberg dient Husserl als Modell für die Beschreibung der transzendentalen Sphäre die ideale Intelligibilität der exakten Naturwissenschaften, vor allem die Sprache der Geometrie. Anhand dieses Modells läßt sich zeigen, wie stark die Leistungen des transzendentalen Ego an die natürliche Einstellung gebunden sind und wie die Gebundenheit bzw. Teilnahme die transzendentale Bedeutung des Ego partiell festlegt – die transzendentale Phänomenologie kann an der konstitutiven Funktion der natürlichen Einstellung nicht vorbeigehen. Der Ursprung der Sprache liegt im gemeinsamen Welthorizont der Menschheit; er determiniert sowohl die natürliche als auch die transzendentale Bedeutung. Sie bildet somit einen eigenen Horizont innerhalb der Welt.

Ende der 50er Jahre entsteht ein Diskussionszusammenhang zwischen Phänomenologie, ordinary language philosophy und der Spätphilosophie Wittgensteins. Strukturen der Lebenswelt/Lebensform und Strukturen unseres sprachlichen Weltbildes werden in einen Zusammenhang gebracht. John F.M. Hunter hat in seinem fast schon klassischen Aufsatz »Forms of Life in Wittgenstein's Philosophical Investigations« (1971) vier mögliche Bedeutungen des Begriffs »Lebensform« vorgeschlagen: 1) »The Language-Game Account«, 2) »The Behavior-Package View«, 3) »The Cultural-Historical View«, 4) »The Natural-Historical Theory, or the ‚Organic' Account«. Auf diese Interpretationsvorschläge beziehen sich die meisten Autoren, die den für Wittgenstein zwar zentralen, jedoch von ihm kaum explizierten Begriff der Lebensform behandeln. Zwanzig Jahre nach der Niederschrift dieses folgenreichen Aufsatzes reexaminiert Hunter in The Motley Forms of Live in the Later Wittgenstein seinen Interpretationsvorschlag anhand der sehr wenigen und zerstreuten Wittgensteinschen Zitate, in denen dieser Begriff vorkommt. Damals wie heute favorisiert er die vierte Lesart. Diese Deutung – »the ‚Organic' Account« – betont den biologischen Aspekt des Lebens (hier könnte man von einer biologistischen bzw. naturalistischen Interpretation sprechen). Der Terminus »Lebensform« bezeichnet hier die biologische Konstitution des Menschen, die prozessual, d.h. im Sinne der »Natural History«, verstanden werden soll – biologische Prozesse und Strukturen bilden die Lebensform von Menschen.

Kripke's Wittgenstein-Interpretation hat zu einer heftigen Auseinandersetzung geführt und die Ausgangssituation für die Beschäftigung mit Wittgenstein verändert. Zentral sind dabei die Frage »Gibt es ein skeptisches Problem?« (Kripke) und »Muß Übereinstimmung innerhalb einer Gemeinschaft zur Explikation des Regelbefolgens herangezogen werden?« (McGinn, Baker/Hacker, McDowell, Winch, Goldfarb). Eine von Hunter verschiedene Interpretation, aber einen epistemischen Gemeinschaftsgesichtspunkt von Gewißheit und der Geltung von Rechtfertigungen vertritt Peter A. French in Why did Wittgenstein read Tagore to the Vienna Circle. Er schließt sich an Rortys Diagnose an, der von drei Entwicklungswegen in der Philosophie des 20. Jhrs. ausgeht: Philosophie als Wissenschaft, als eine Art der Dichtung und als politisches Engagement. Nach French ist der späte Wittgenstein mehr in die dritte Kategorie als in die beiden anderen einzustufen. Dies wird anhand von »Über Gewißheit« und an Wittgensteins Sprachgriff der Lebensform als Fundament der Sprachspiele erläutert. Die These von dem »epistemologischen Vorrang« von bestimmten Gewißheiten hängt von sozialer Übereinstimmung und sozialem Verhalten ab. Das System der Konventionen und Verpflichtungen, das unserem Handeln zugrunde liegt, kann selbst nicht gerechtfertigt werden. Die jeweilige Lebensform gilt als das nicht zu rechtfertigende Fundament des sprachlichen Handelns. Einige Propositionen – feststehende Sätze – können demnach dem Zweifel nicht ausgesetzt werden. Solche Propositionen, die nach Wittgenstein nicht aus der Erfahrung gewonnen werden können, haben den genannten epistemologischen Vorrang vor anderen Propositionen. Die Erfahrung kann nicht das Fundament des Sprachspiels der Rechtfertigung sein. Wir besitzen schon ein Rahmenwerk der Beurteilung und Konzeptualisierung, das es ermöglicht, unsere Erfahrung zu evaluieren. French argumentiert dahingehend, daß die strikte Unterscheidung zwischen Logik und Grammatik in Wittgensteins Spätphilosophie nicht aufrechterhalten werden kann. Er spricht von einem einheitlichen System von Logik und Grammatik als Grundlage der Sprachspiele. Die Gewißheit als notwendige Bedingung des sinnvollen Wissens ist nach Frenchs Interpretation ein Produkt des sozialen Handelns. Das System kann nicht weiter gerechtfertigt werden. Der Regreß der Rechtfertigungen kommt in der »Übereinstimmung der Gemeinschaft« zu einem Ende. Damit vertritt French eine Variante eines epistemischen Gemeinschaftsgesichtspunktes der Gültigkeit und der Rechtfertigung von Wissen sowie sprachlichen und nichtsprachlichen Handlungen.

In Anlehnung an eine Äußerung von Nelson Goodman, daß bei der Metapher die Symbole einer Nebenbeschäftigung nachgehen würden, sind die bedeutungstheoretischen Konsequenzen dieser anderen Weise, in der ein Ausdruck verstanden werden kann, zu untersuchen. Anlaß ist die Kontroverse zwischen Goodman und Davidson über die Bedeutung der Metapher, wobei sie für ersteren eine eigene Form der Bezugnahme ist, und ihr – damit verbunden – eine eigenständige Bedeutung zukommt, was von Davidson ablehnt wird, für den die Metapher eine Sache des Gebrauchs oder der Verwendung von Sprache ist. Folgerichtig ist die Metapher für ihn auch nicht wahrheitsfähig und ihre Bedeutung ist einzig über die buchstäbliche Verwendung geregelt. Georg Peter versucht in Die Nebenbeschäftigung der Symbole zu zeigen, daß der Argumentation von Davidson bezüglich der Wahrheitsfähigkeit von Metaphern wohl zu folgen ist. Andererseits sei die enge Verknüpfung von Wahrheits- und Bedeutungstheorie bei Davidson nicht dazu geeignet, etwas näheres über den Gebrauch oder die Funktion (Goodman) eines Ausdrucks als Metapher auszusagen. Über Goodmans Begriff der Richtigkeit biete sich aber die Möglichkeit, die kognitive Funktion der Metapher als ‚Wirksamkeit' eines veränderten Symbolschemas zu beschreiben. Eine Bedeutungstheorie, die mit dem auch alltagssprachlich keineswegs seltenen Phänomen der Metapher zurechtkommen will, bedürfe eines rekonstruktiven Rückgriffs auf die interpretatorische Praxis einer Gemeinschaft vorzugsweise in der Form eines Schemainterpretationismus (H. Lenk). Dabei ist ein Wissen um relevante Normen, Werte und Ziele mit eingeschlossen.


System – Sozialsystem – Gesellschaft

Seit den 80er Jahren gehört Niklas Luhmann zu den in Deutschland dominierenden Soziologen. Er hat – im Anschluß an Maturana und Varela – eine Theorie der selbstreferentiellen/autopoietischen Systeme entwickelt, die er mit einer Analyse der Teilsysteme Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst exemplifiziert hat. Luhmann stellt einleitend in Die Lebenswelt nach Rücksprache mit Phänomenologen fest, daß Husserl bei der Bestimmung der Lebenswelt mit zwei Metaphern operiert, die einander widersprechen: Welt als Horizont und Welt als Boden. Luhmanns Ziel ist es, dieser Doppeldeutigkeit der metaphorischen Funktionsbestimmung der Lebenswelt zu entgehen. Entscheidend ist hierfür die Einsicht, daß eine Vollbeschreibung des Objekts dessen Beobachtbarkeit und dessen Unterschied zur Beobachtung einbeziehen muß. Daraus folgt, daß die Objekte und damit die Welt polykontextural gegeben sind. Welt in polykontextualer Komplexität ist daher nur als Horizont gegeben. Die Lebenswelt wird kontextspezifisch durch die Unterscheidung vertraut/unvertraut repräsentiert und als Kondensation von Vertrautheit bestimmt. Das Vertraute kann nur in Horizonten auftauchen, die auch Unvertrautes mit umfassen. Mittels der Operation »Re-entry« wird bei hinreichender Systemkomplexität die Unterscheidung vertraut/unvertraut ihrerseits zu einer vertrauten Unterscheidung. Die lebensweltliche Differenz von vertraut/unvertraut ist nach Luhmann die »älteste, urtümlichste, primordiale Differenz«, die an jeder Unterscheidung »kondensiert«. Husserls Versuch, den infiniten Regreß des Beschreibens (Beschreibung der Beschreibung) mit Hilfe des transzendentalen Subjekts zu beenden, muß Luhmann zufolge schon angesichts der Tatsache einer Pluralität von bewußten Systemen aufgegeben werden. Der infinit rekursive Prozeß des Beschreibens findet seinen Pedant in der Theorie selbstreferentieller Systeme, in der Erkenntnis als Berechnen von Berechnungen in Systemen aufgefaßt wird. In autopoietischen Systemen setzt jede Beobachtung eine Unterscheidung voraus.

Luhmann definiert in Observing Re-entries Rationalität als ein Re-entry – in Übernahme dieses Begriffs von Spencer Brown – der Unterscheidung an sich und insbesondere als ein Re-entry der Unterscheidung zwischen System und Umwelt im System. Dieser Begriff ist für Luhmanns Differenzierungstheorie entscheidend, da Systemdifferenzierung eine Wiederholung der System-Umwelt-Differenzierung zwischen Systemen i.S. einer Re-entry bedeutet. Dieser Typ von Re-entry der Unterscheidung System/Umwelt im System ist nicht an sich rational, sondern eine Vorbedingung der systemischen Rationalität. Hinzu kommt noch eine Differenz in der Komplexität. Die Umwelt ist in den Augen des Beobachters immer komplexer als das System. Der Beobachter kann aber selbst beobachtetes System sein. In diesem Fall geht die Umwelt immer auf das Risiko der »reduzierten Komplexität« ein.

Eine Resystematisierung der Systemtheorie Luhmanns wird auf den Problemebenen »Welt, Lebenswelt, System, Gesellschaft und Gesellschaftssystem, Organisation, Interaktion unter Anwesenden, psychische Systeme, organisches Leben« von Gerhard Preyer in System-, Medien- und Evolutionstheorie vorgenommen. Ausgehend von der Ebene »Welt« stellt er die grundbegrifflichen Entscheidungen der Systemtheorie Luhmanns dar, die er im Fortgang als eine systemtheoretische Soziologie der Mitgliedschaftsbedingungen gewichtet. Insofern ist sie für die soziologische Kerntheorie einer Protosoziologie von besonderem Interesse, die als eine Soziologie der Mitgliedschaftbedingungen und ihrer Codierung sowie Programmierung eingeführt wird. Von speziellem Interesse ist der Zusammenhang zwischen den drei Theorieebenen »System-, Medien- und Evolutionstheorie« in dem Ebenengefälle der Problemstufenordnung, das Programm des Aufbaus einer Typologie evolutionär erfolgreicher Medien und die Einpassung des Lebensweltbegriffs Husserls in Luhmanns Variante der Systemtheorie – generell und insbesondere im Falltypus des funktional differenzierten modernen Gesellschaftssystems. Eine Protosoziologie nimmt Luhmanns Darstellung vom Ende der Perfektionsideen auf, da das Problem der sozialen Ordnung in modernen Gesellschaften und ihrer Evolution nicht an dem Code eines bestimmten Teilsystems orientiert werden kann, und sie davon ausgeht, daß das soziale Ordnung in der Weltgesellschaft nicht global steuerbar ist.

Seit dem Ende der 70er Jahre hat Richard Münch eine umfangreiche Grundlagenforschung zu den paradigmatischen Einsichten der Soziologie bei Weber, Durkheim und Parsons, dem institutionellen Aufbau der modernen Gesellschaften, der Entwicklung der modernen Kultur und den Varianten ihrer Institutionalisierung in den westlichen Gesellschaften England, Amerika, Frankreich und Deutschland vorgelegt. In einem weiteren Schritt hat er das soziologische Wissen in umfangreiche Studien zu den Konflikten, Spannungen und Entwicklungstendenzen der heutigen Kommunikationsgesellschaft angewandt, die er durch Fallstudien zur Situation der deutschen Universität, zur Rolle der Stadt in der Renaissance und der Moderne sowie der Per spektive ihrer kulturellen Erneuerung ergänzt. Bezugsprobleme sind hier die fundamentalen Paradoxien des »Rationalismus«, des »Individualismus«, des »Universalismus« und des »instrumentellen Aktivismus« (Interventionismus) und der »fundamentalistische Ausweg« des ganzheitlichen Denkens im Kontext der religiösen Grundlagen des westlichen und fernöstlichen Religionsverständnisses. Sein Anspruch geht dahin, die unterschiedlichen objekt- und metatheoretischen Ansätze einer soziologischen Handlungstheorie in den Bezugsrahmen einer voluntaristischen Handlungstheorie zu integrieren. Münch hat Luhmanns Theorie der autopoietischen Systeme und seine Differenzierungstheorie – auch die Variante, die Habermas vertritt – am weitgehendsten bestritten haben. Sein Einwand in Autopoiesis per Definition besagt, daß analytische und empirische Differenzierung streng zu unterscheiden ist. Empirische Differenzierung der Teilsysteme der modernen Gesellschaft ist nicht durch die autopoietische Operation eines Systems zu erklären, sondern Wirtschaft, Recht und Politik sind Funktionsbereiche des sozialen Handelns individueller und kollektiver Akteure. Die Leitorientierungen und Regeln dieser Handlungsfelder haben sich in der »Gesellschaftsgeschichte« der modernen Gesellschaften entwickelt. Sie sind aber auch immer in den sozialen Konflikten und dem Management von Risiko nutzenbestimmten, rechtlichen, politischen, wissenschaftlichen, aber auch religiösen und moralischen Korrekturen unterworfen. Die Theorie der funktionalen Differenzierung und der autopoietischen Operation der Teilsysteme läuft Gefahr, daß sie die heute relevanten Eigenschaften der Handlungsfelder übersieht, da für die erkennbare Entwicklung systemübergreifende Prozesse, Aushandlung und Kompromißbildung, aber auch gegenseitige Vernetzung der Teilsysteme typisch ist.

Luhmann gehört zu den wenigen Soziologen, neben Gehlen, die eine Soziologie der modernen Kunst entwickelt haben, die in ihrem allgemeinen Rahmen erst noch auszuschöpfen sein wird. Hans Zitko geht in Ästhetik als Soziologie der Kunst der Frage nach, ob Luhmann mit seinem Ansatz von einem geschlossenen, autopoietisch operierenden Kunstsystem den immanenten Strukturen und der gesellschaftlichen Rolle der Kunst in den modernen Gesellschaften angemessen genug erfassen kann. Problematisch erscheint ihm die theoretische Annahme, daß die Dynamik des Kunstsystem nur von einem eigenen Code als Leitdifferenz aller Systemoperationen gesteuert wird. Bereits die theoretische Konstruktion selbst fordert bei genauer Betrachtung eine Ergänzung des Ansatzes durch eine zweite Codierung. Daneben sind die bestimmten kulturellen und gesellschaftlichen Prozesse hervorzuheben, die in das Kunstsystem eingreifen und dessen autopoietische Reproduktion unterlaufen. Luhmanns Ansatz entwirft das Bild einer systemtheoretisch gereinigten Kunst, in dem nicht berücksichtigt wird, daß die mit der entstehenden Moderne hervortretende Tendenz ihrer Autonomisierung i.S. Luhmanns immer wieder auf Gegenkräfte stößt und bis heute nicht vollständig verwirklicht ist und sein kann.

Die Auseinandersetzung über die sozialwissenschaftliche Anwendung der von Habermas eingeführten speziellen Unterscheidung »Lebenswelt versus System« als grundbegrifflichen Strategie einer soziologischen Evolutionstheorie wird in den 80er Jahren vor allem im Hinblick auf die konzeptuellen Probleme von Makro-Theorien und weniger in bezug auf die von Habermas intendierte Erklärung von »Krisenerscheinungen bei Reproduktionsstörungen (Pathologien)« der Lebenswelt geführt. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang darauf, daß e.g. Luhmann seit den 90er Jahren versucht, eine Theorie der »pathologischer Systemzustände« zu entwickeln. James Bohman steht dem Ansatz von Habermas in The Completeness of Macro-Socio-logical Explanations eher positiv gegenüber. Die Erklärung, die der These »System kolonialisiert die Lebenswelt« zugrunde liegt, eignet sich s.E. als das Hauptkriterium für die Adäquatheit von Makro-Mikro-Erklärungen. Es stellt eine Makro-Mikro-Beziehung her und die Erklärung ist s.E. potentiell vollständig. Eine solche Analyse würde sich demnach als ein empirischer Zugang zu den traditionellen Debatten zwischen methodischen »Kollektivisten« und »Individualisten« unter den Makrosoziologen eignen. In einem ersten Schritt entwickelt Bohman vor dem Hintergrund der Kontroverse über die funktionalistische Erklärung in den Sozialwissenschaften ein Kriterium der Vollständigkeit für makrosoziologische Erklärungen. Zweitens unternimmt er den Versuch der Generalisierung der Bedingungen der Adäquatheit von funktionalistischen Erklärungen. Dabei zeigt er, daß die von Habermas vorgelegte Erklärung der Kolonialisierung der Lebenswelt letztlich potentielle Vollständigkeit beanspruchen kann; es mangelt ihr jedoch an empirischer Anwendbarkeit. Bohman beabsichtigt den Nachweis, daß Habermas seine von Weber inspirierte Einschätzung der Auswirkungen der Bürokratisierung in modernen Gesellschaften modifiziert. Seine strenge Konzeption einer Reifikation dieser Auswirkung basiert auf der Unvollständigkeit seiner Erklärung dieses Aspekts der Mikro-Makro-Beziehung.

Moderne Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, daß sie durch eine Vielfalt von formalen Organisationen strukturiert sind. Sie sind ein »tragendes Prinzip der Verbindung von Handlungen« (Luhmann) und Teil moderner Lebenswelten, zugleich aber entwickeln sie ein eigenes organisationsinternes soziales Milieu. Die wichtigsten sozialen Aktoren sind nicht charismatische Führer, sondern organisatorische Centauren. Göran Ahrne unterscheidet in seiner Outline of an Organisational Theory of Society vier Basisgesichtspunkte von Organisationen: Mitgliedschaft und Ausschluß, Ressourcen, Austausch von Mitgliedern und anwachsende Kontrolle. Entscheidend für die Definition von Organisation ist die festgelegte Mitgliedschaft im Unterschied zu Gruppenbildungen in dem Bereich der Öffentlichkeit, deren Mitgliedschaften nicht formell festgelegt ist (Luhmann: spontane Ordnungsbildung). Der soziale Prozeß und der soziale Wandel ist nach Ahrne vor allem am Leitfaden der Interaktion zwischen Organisationen und der Konstellationen von Organisationen zu untersuchen. Karl-Otto Hondrich bestreitet in seiner Entgegnung Zu Göran Ahrnes Ansatz nicht die Fruchtbarkeit eines organisationssoziologisch Ansatzes in der Gesellschaftstheorie. Er stellt aber gegenüber einer zu weitgehenden Verallgemeinerung des Organisationsansatzes heraus, daß soziale Realität durch kollektive Identitäten fundiert ist, die Organisationszugehörigkeiten übergreifen.

Der Sammelband wurde geplant von der Zeitschrift Protosociology. An International Journal of Interdisciplinary Research, die im Rahmen des gleichnamigen Projekts an der J.W. Goethe-Universität Frankfurt am Main erscheint (www.rz.uni-frankfurt.de/protosociology). Wir danken Herrn Prof. Dr. Johannes Königshausen für seine verlegerische und sachliche Betreuung der Druckausgabe, Frau Prof. Dr. Dr. h. c. Elisabeth Ströker und Herrn Prof. Dr. Paul Janssen für die Unterstützung des Projekts und für ihre thematischen Anregungen. Besonderer Dank gilt allen Mitarbeitern des Forschungsprojekts Protosociology für ihr Engagement.

Mit der digitalen Version des Bandes soll ein Anschluß an die auf uns zukommende neue Form von Veröffentlichung hergestellt werden. Die grundlegende Änderung, mit der wir bereits rechnen müssen, betrifft die Beziehung zwischen uns und der Technik. Damit wird vermutlich einhergehen, daß sich unsere Rationalitätsparameter grundsätzlich verändern. Das digitale Zeitalter wird eine neue kognitive und kulturelle Kompetenz entwickeln, die computer literacy, wie es Norbert Bolz genannt hat. Auch wenn die alten Kulturtechniken nicht völlig verschwinden werden, so werden sie fortlaufend nicht mehr das Medium sein, mit dem Informationen und Wissen gespeichert, aggregiert, mitgeteilt und verarbeitet werden. Das zeichnet sich bereits ab (zu »Die Neuen Medien: Eine Kopernikanische Wende« vgl. auch G. Preyer: Die globale Herausforderung, Frankfurt am Main 1998). Herrn Wolfgang Barus von Humanities Online danken wir für die Betreuung des digitalen Bandes.

Gerhard Preyer, Georg Peter, Alexander Ulfig
Frankfurt am Main

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Protosoziologie im Kontext

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