Protosoziologie im Kontext
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Protosoziologie im Kontext

Preyer, Gerhard, Georg Peter, Alexander Ulfig (Hrsg.)
Protosoziologie im Kontext
»Lebenswelt« und »System« in Philosophie und Soziologie

Frankfurt am Main 2000
392 Seiten
ISBN 978-3-934157-05-7

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Protosoziologie im Kontext

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Anmerkung des Verlags:
Diese Ausgabe ist text- und seitenidentisch mit der 1996 erschienenen Buchausgabe,
die im Buchhandel nicht mehr erhältlich ist.

Das Forschungsprojekt PROTOSOZIOLOGIE an der J.W. Goethe-Universität Frankfurt am Main hat seit 1991 eine grundlagentheoretische Forschung auf dem Gebiet der Theoriebildung der modernen Sozialwissenschaften durchgeführt. Dabei waren die drei Kontexte Phänomenologie, System- und Sprachtheorie relevant. Die Phänomenologie der Lebenswelt und die Systemtheorie haben in der Philosophie und Soziologie des 20. Jahrhunderts ? neben dem Sprachbegriff ? eine paradigmatische Bedeutung. Edmund Husserls Lebensweltbegriff ist in der phänomenologischen Schule und der phänomenologischen Soziologie von Alfred Schütz, in der konstruktiven Wissenschaftstheorie von Paul Lorenzen und seiner Schüler, in der Systemtheorie Niklas Luhmanns und der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas wirkungsgeschichtlich geworden. Die Systemtheorie und der soziologische Funktionalismus hat seit den 40er Jahren eine paradigmatische Bedeutung für die Sozialwissenschaften und Wissenschaftstheorie. System und Lebenswelt avancierten somit zu den zentralen Begriffen der Philosophie, Soziologie und Kommunikationstheorie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für die beiden deutschen Soziologen Luhmann und Habermas ist darüber hinaus ? wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung ? die Verbindung beider Begriffe von grundlegender Bedeutung. Im Rückblick können wir feststellen, daß in der Philosophie des 20. Jahrhunderts drei Philosophien dominierten: die Sprachphilosophie in der heute weitverzweigten und dominierenden analytischen Philosophie (Frege, Russell, Wittgenstein, Carnap u.a.), Husserls Phänomenologie in der »Phänomenologischen Schule« und Soziologie und Heideggers Fundamentalontologie in der Philosophischen Hermeneutik. Gemeinsam ist den Hauptrichtungen der Philosophie in diesem Jahrhundert, daß sie die Erkenntnistheorie nicht mehr cartesianisch und mentalistisch konstruieren. Paradigmatisch wurde diese Umorientierung in der Erkenntnistheorie Wittgensteins, der Frege folgend, in seinem »Tractatus« lakonisch formuliert: »Das denkende, vorstellende Subjekt gibt es nicht«. Husserl nimmt zwar eine Sonderstellung ein, da seine Egologie und Erkenntnistheorie cartesianisch orientiert ist. Mit der Hinwendung zur Lebensweltanalyse gibt er auch eine Antwort auf die Konstruktionsprobleme des modernen Mentalismus. Die Dekonstruktion des erkennenden Ichs (transzendentalen Bewußtseins) hat sich in der Philosophie, Wissenschaftstheorie und Soziologie des 20. Jahrhunderts durchgesetzt. Dies gilt sowohl für den radikalen Konstruktivismus, die allgemeine und die soziologische Systemtheorie Luhmanns aber auch für die konstruktive Philosophie von Lorenzen, den sogenannten »Erlangener Konstruktivismus« und seine heutigen Vertreter. Belegen läßt sich das Ende der Bewußtseinsphilosophie aber auch in der Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt von Popper, dem erkenntnistheoretischen Naturalismus von Quine und Davidson, der sprachtheoretischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie von Essler (W.K.) und in der Organtheorie der Sprache von Chomsky.



Inhalt

Einleitung:
»Lebenswelt« und »System« in Philosophie und Soziologie 9
Gerhard Preyer, Georg Peter, Alexander Ulfig

ZUM BEGRIFF DER LEBENSWELT

Ernst Wolfgang Orth
?Lebenswelt? als unvermeidliche Illusion?
Husserls Lebensweltbegriff und seine kulturpolitischen Weiterungen 28

Walter Biemel
Gedanken zur Genesis der Lebenswelt 41

Alexander Ulfig
Lebenswelt und Reflexion.
Anhang: Lebenswelt als Fundament der Wissenschaft 55

Gerhard Preyer
Hintergrundwissen: Kritik eines Begriffs 81

Hubert A. Knoblauch
Soziologie als strenge Wissenschaft?
Phänomenologie, kommunikative Lebenswelt und soziologische Methodologie 93

LEBENSWELT ? BEGRÜNDUNG ? WISSENSCHAFT

Jürgen Mittelstraß
Das lebensweltliche Apriori 106

Peter Janich
Die Rationalität der Naturwissenschaften 133

Jürgen Mittelstraß
Rationalität und Reproduzierbarkeit 152

Elisabeth Ströker
Lebenswelt durch Wissenschaft:
Zum Strukturwandel von Welt- und Selbsterfahrung 163

Paul Janssen
Lebenswelt, Wissen und Wissenschaft ? Möglichkeiten ihrer Konstellation 184

Richard T. Murphy
E. Husserl's Phenomenology of Reason 202

LEBENSWELT / LEBENSFORM ? SPRACHE

Pierre Kerszberg
Lifeworld and Language 216

John F.M. Hunter
The Motley Forms of Life in the Later Wittgenstein 228

Peter A. French
Why did Wittgenstein read Tagore to the Vienna Circle? 241

Georg Peter
Die Nebenbeschäftigung der Symbole:
Zu Wahrheit und Funktion der Metapher 251

SYSTEM ? SOZIALSYSTEM ? GESELLSCHAFT

Niklas Luhmann
Die Lebenswelt nach Rücksprache mit Phänomenologen 268

Niklas Luhmann
Observing Re-entries 290

Gerhard Preyer
System-, Medien- und Evolutionstheorie.
Zu Niklas Luhmanns Ansatz 302

Richard Münch
Autopoesis per Definition 347

Hans Zitko
Codierungen der Kunst:
Zur Kunstsoziologie Niklas Luhmanns 357

James Bohman
The Completeness of Macro-Sociological Explanations:
System and Lifeworld 370

Göran Ahrne
Outline of an Organisational Theory of Society 382

Anhang: Karl Otto Hondrich
Zu Göran Ahrnes Ansatz 390


Einleitung:
»Lebenswelt« und »System« in Philosophie und Soziologie

Das Forschungsprojekt PROTOSOZIOLOGIE an der J.W. Goethe-Universität Frankfurt am Main hat seit 1991 eine grundlagentheoretische Forschung auf dem Gebiet der Theoriebildung der modernen Sozialwissenschaften durchgeführt. Dabei waren die drei Kontexte Phänomenologie, System- und Sprachtheorie relevant. Die Phänomenologie der Lebenswelt und die Systemtheorie haben in der Philosophie und Soziologie des 20. Jahrhunderts ? neben dem Sprachbegriff ? eine paradigmatische Bedeutung. Edmund Husserls Lebensweltbegriff ist in der phänomenologischen Schule und der phänomenologischen Soziologie von Alfred Schütz, in der konstruktiven Wissenschaftstheorie von Paul Lorenzen und seiner Schüler, in der Systemtheorie Niklas Luhmanns und der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas wirkungsgeschichtlich geworden. Die Systemtheorie und der soziologische Funktionalismus hat seit den 40er Jahren eine paradigmatische Bedeutung für die Sozialwissenschaften und Wissenschaftstheorie. System und Lebenswelt avancierten somit zu den zentralen Begriffen der Philosophie, Soziologie und Kommunikationstheorie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für die beiden deutschen Soziologen Luhmann und Habermas ist darüber hinaus ? wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung ? die Verbindung beider Begriffe von grundlegender Bedeutung. Im Rückblick können wir feststellen, daß in der Philosophie des 20. Jahrhunderts drei Philosophien dominierten: die Sprachphilosophie in der heute weitverzweigten und dominierenden analytischen Philosophie (Frege, Russell, Wittgenstein, Carnap u.a.), Husserls Phänomenologie in der »Phänomenologischen Schule« und Soziologie und Heideggers Fundamentalontologie in der Philosophischen Hermeneutik. Gemeinsam ist den Hauptrichtungen der Philosophie in diesem Jahrhundert, daß sie die Erkenntnistheorie nicht mehr cartesianisch und mentalistisch konstruieren. Paradigmatisch wurde diese Umorientierung in der Erkenntnistheorie Wittgensteins, der Frege folgend, in seinem »Tractatus« lakonisch formuliert: »Das denkende, vorstellende Subjekt gibt es nicht«. Husserl nimmt zwar eine Sonderstellung ein, da seine Egologie und Erkenntnistheorie cartesianisch orientiert ist. Mit der Hinwendung zur Lebensweltanalyse gibt er auch eine Antwort auf die Konstruktionsprobleme des modernen Mentalismus. Die Dekonstruktion des erkennenden Ichs (transzendentalen Bewußtseins) hat sich in der Philosophie, Wissenschaftstheorie und Soziologie des 20. Jahrhunderts durchgesetzt. Dies gilt sowohl für den radikalen Konstruktivismus, die allgemeine und die soziologische Systemtheorie Luhmanns aber auch für die konstruktive Philosophie von Lorenzen, den sogenannten »Erlangener Konstruktivismus« und seine heutigen Vertreter. Belegen läßt sich das Ende der Bewußtseinsphilosophie aber auch in der Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt von Popper, dem erkenntnistheoretischen Naturalismus von Quine und Davidson, der sprachtheoretischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie von Essler (W.K.) und in der Organtheorie der Sprache von Chomsky. Im Rahmen des Schwerpunktes »Lebenswelt und System« sind für eine Protosoziologie die folgenden vier Themen- und Problembereiche relevant:

1. Begriffsgeschichte des Lebensweltbegriffs, Fragen der Analyse der Genesis der Lebenswelt in phänomenologischer Sicht und unterschiedliche Lebensweltbegriffe in den Kontexten Philosophie, Sprachtheorie und Soziologie. Der Lebensweltbegriff wird oft rhetorisch und inflationär gebraucht, insofern bedarf es einer Vergewisserung darüber, welchen systematischen Status die Hinwendung zur »Lebenswelt« bei Husserl einnimmt und welche Rolle dieser Begriff in der Wirkungsgeschichte der an Husserl orientierten Philosophie und Soziologie spielt.
2. Die Analyse des Zusammenhangs zwischen Lebenswelt und Wissenschaft i.S. einer Fundierung der Wissenschaften in der Lebenswelt. Dies betrifft vor allem den von der konstruktiven Wissenschaftstheorie Lorenzens vertretenen Begründungs- bzw. Fun-dierungsanspruch und seine Grenzen, aber auch die gegenseitige Beeinflussung von Wissenschaft und Lebenswelt aus der Sicht der Phänomenologie, analytischen Wissen-schaftstheorie und Systemtheorie.
3. Lebenswelt und Sprache im Zusammenhang mit der sprachtheoretischen/ linguistischen Wende in der Philosophie und Soziologie. Für eine Protosoziologie ist hierbei die kognitive Grundlegung der Handlungs- und Sprachtheorie von Interesse. Damit sind die Problembezüge der sprachlichen Welterschließung und ihrer Grenzen, die Differenz zwischen Alltagssprache und theoretischer Sprache sowie die Auseinandersetzung mit einem Sprachbegriff, der einen engen Zusammenhang zwischen Sprache und Lebensform annimmt, angesprochen.
4. Lebenswelt und System als Grundbegriffe der gesellschaftstheoretisch orientierten Soziologie und allgemeine Konstruktionsfragen der Gesellschaftstheorie. Eine Proto-soziologie ist an einer situations- und kontextübergreifenden Theoriebildung orientiert. Ein spezielles Problem ist in diesem Zusammenhang die evolutionäre Einstufung des Lernschritts der sogenannten Technisierung/Rationalisierung der Lebenswelt, die wir heute weniger dramatisch bewerten. Für eine Protosoziologie sind Handlungs-und Systemtheorie keine sich ausschließenden Ansätze. Ihre soziologische Kerntheorie ist eine Soziologie der Mitgliedschaftsbedingung und ihre Codierung/Programmierung. Insofern ergeben sich für sie Anschlüsse an Luhmanns Variante der Systemtheorie, die sie als einen Beitrag zu einer Soziologie der Mitgliedschaftsbedingung einstuft, aber auch an die Theorie der Handlungssysteme von Parsons.

Habermas hat in seiner »Theorie des kommunikativen Handelns« die Entgegensetzung von Lebenswelt und System als Grundlage einer evolutionstheoretisch orientierten Gesellschafttheorie eingeführt. Die Umstellung zu der modernen Gesellschaftsorganisation wird von ihm als ein »Differenzierungsvorgang zweiter Ordnung« systematisiert. Die Differenzierung von Lebenswelt und System führt zu einer Steigerung der Rationalität der Lebenswelt und der Systemkomplexität. Habermas übernimmt Luhmanns Differenzierungstheorie sozio-evolutionärer Systembildung und gibt ihr in der Annahme eines Vorrangs eines soziologisch gehaltvollen Lebensweltbegriffs für die Aufstellung einer Gesellschaftstheorie eine besondere Gewichtung. Gesellschaften sind für ihn »systemisch stabilisierte Handlungszusammenhänge sozial integrierter Gruppen«. Er geht davon aus, daß sich die sozialintegrativ hergestellten Ordnungen von ihren Mitgliedern intuitiv vergegenwärtigen lassen, die systemintegrativ hergestellten Ordnungen dagegen in ihrer Eigenart kontraintuitiv sind.

Diese Theoriebildung hat sich bei den meisten Soziologen nicht durchgesetzt (Münch, Alexander, Luhmann, McCarthy, Taylor, Giesen, Preyer, Giddens u.a.). Die Einwände betreffen drei Folgeprobleme dieses Ansatzes: 1. Welche strukturellen »Beziehungen« lassen sich zwischen den evolutionären Integrationsebenen einer Gesellschaft und der Bewältigung von Handlungsimperativen nachweisen? Diese Beziehungen betreffen im modernen Gesellschaftssystem strukturelle Zusammenhänge, die die von »Lebenswelt und System« bezeichnenden Bereiche übergreifen, z.B. die strukturellen Zusammenhänge zwischen a) der sozialen Integration über gemeinsam geteilte Normen und den verallgemeinerten kulturellen Werten, b) der Institutionalisierung der rechtlichen Kontrolle der ökonomischen Entscheidungen und ihrer Auswirkung auf die ökonomische Entwicklung und c) der Institutionalisierung der normativ rechtlichen Kontrolle der politischen Entscheidungen und der demokratischen Ordnung. Von besonderem Gewicht ist bei der Analyse dieser »Zusammenhänge« das für moderne Gesellschaften typische, die einzelnen Teilsysteme übergreifende, Orientierungssystem für Erwartensprojektionen, durch das die Organisationsprinzipien (evolutionäre Errungenschaften) dieses Gesellschaftstypus in eine auf Dauer gestellte, innovierungs- und lernfähige Sozialordnung überführt werden konnten. Dies erlaubt zwar keine Prognosen über zukünftige Verlaufsformen, aber es sind rückblickend evolutionäre Errungenschaften auszeichenbar, die ohne den Preis eines Lern- und weiteren Entwicklungsverlustes nicht rückgängig gemacht werden können.


Zum Begriff der Lebenswelt

Der Lebensweltbegriff hat eine Vorgeschichte. Der philosophische Begriff des Lebens reicht bis in die Jenaer Romantik, vor allem auf F. Schlegel, zurück und wurde durch Nietzsche zu einem kulturkritischen Begriff. Die engere Wirkungsgeschichte im Hinblick auf Husserl betrifft Diltheys Lebensphilosophie. Der Lebensweltbegriff nimmt werkgeschichtlich bei Husserl erst in seiner Krisis-Schrift eine systematische Stellung ein. Ernst W. Orth situiert in Lebenswelt als unvermeidliche Illusion? den Begriff der Lebenswelt in den Zusammenhang der Lebensphilosophie Diltheys, wobei »Welt« und »Leben« in dieser Tradition zunächst als »operative Begriffe« vorliegen. In der operativen Verwendungsweise läßt er sich bereits in den frühen Vorlesungen Heideggers belegen. Husserls Anspruch in seiner Krisis-Schrift geht dahin, durch eine Besinnung auf die vortheoretische Lebenswelt die letztbegründende Sphäre der reinen Subjektivität zu erschließen, die nicht zur Lebenswelt gehört. Orth verweist auf die Inkonsistenzen des Husserlschen Lebensweltbegriffs: Lebenswelt soll einerseits eine invariante Struktur aufweisen, andererseits wird eine Pluralität von Lebenswelten konstatiert; zwischen der bestimmten lebensweltlichen Intersubjektivität und der transzendentalen Intersubjektivität wird bei Husserl keine scharfe Grenze gezogen und sie wird als geschichtlich, gleichwohl aber als mit einer über- bzw. vorgeschichtlichen Struktur ausgestattet bestimmt. Auf der einen Seite läßt sich die Struktur aller Erfahrung im Rekurs auf die lebensweltliche Erfahrung erklären, andererseits soll die transzendentale (Inter-)Subjektivität als der Inbegriff der Strukturiertheit gelten. Das Illusionäre des Lebenswelt-Themas besteht nach Orth erstens darin, daß sich der Mensch der natürlichen Einstellung unvermeidlich und unbegründet auf einem Boden von Selbstverständlichkeiten befindet. Die zweite Illusion ist der Anspruch des Phänomenologen, den Inbegriff von unvermeidlichen Selbstverständlichkeiten gehaltlich festzuschreiben. Wird der Lebensweltbegriff kulturkritisch gedeutet, so ergibt sich die weitere Illusion eines nicht zu verwirklichenden Lebens in absoluter Selbstverantwortung und Harmonie. Die Phänomenologie wird nach Husserl als eine radikale »Selbstauslegung des Lebens«, eine »Erneuerung der Wissenschaft« durch den Rückgang auf das Leben propagiert. In diesem Zusammenhang verwendet Husserl den Begriff des Lebens viel weiter als das, was er sachlich unter »Lebenswelt« versteht. Zu diesem Bedeutungsfeld gehören biologische Wirklichkeit, kulturelles Leben und »transzendentales Leben«. Je mehr sich Husserl einem so vielfältigen Lebensbegriff nähert, umso schwankender wird seine Bestimmung der Philosophie als strenger Wissenschaft. Damit werden die Grenzen der strengen Wissenschaftlichkeit offenkundig. Das Dilemma, mit diesen Grenzen leben zu können, ohne dabei auf die Wissenschaftlichkeit zu verzichten, kann Orth zufolge nicht im Rahmen einer übergreifenden Theorie gelöst werden.

Dem Entstehungskontext des Begriffs der Lebenswelt geht Walter Biemel in seinem Artikel Gedanken zur Genesis der Lebenswelt nach. Nach seiner Darstellung kann sich eine objektive Wissenschaft nur auf dem Boden der Lebenswelt entfalten, die als die Welt der »doxa« charakterisiert wird. Die Rehabilitierung der doxa führt zu der These von der Fundierung der wissenschaftlichen in der lebensweltlichen Erfahrung. Nach Husserl spaltet sich das Wissen in der Neuzeit in zwei Richtungen, den physikalischen Objektivismus und den transzendentalen Subjektivismus, die sich voneinander weg entwickelten. Biemel macht in einer freien Analogie zu Heidegger auf diejenige Erfahrung aufmerksam, die für die Entstehung der Lebenswelt grundlegend ist. Es ist die Grunderfahrung des Vertrauens, zunächst zur ersten Bezugsperson, dann zu den Anderen, den Dingen der Umwelt und zur Natur. Die zentrale These ist, daß die Lebenswelt nicht von vornherein eine gemeinschaftliche Leistung ist, sondern daß jedes Individuum die einzelnen Stufen der Herausbildung der Lebenswelt durchgeht und erst darauf die Gemeinschaftlichkeit aufgebaut werden kann.

Lebenswelt wurde von Husserl, Heidegger, Wittgenstein und Searle unterschiedlich thematisiert. Alexander Ulfigs Anfangsthese in Lebenswelt und Reflexion besagt, daß jeder dieser Thematisierungsweisen eine reflexive Einstellung zugrunde liegt. Dabei geht es ihm auch um den Status dieser Thematisierungsweisen, d.h. um die Validierung der von ihm behandelten Thematisierungsweisen. Bei der Bestimmung des Begriffs der Reflexion schließt er sich an die von Herbert Schnädelbach entwickelte Reflexionstypologie ? deskriptive, sinnexplikative und geltungstheoretische Reflexion ? an. Im Kontext der Validierung der Erkenntnis von der Lebenswelt hat s.E. die geltungstheoretische Reflexion einen Vorrang. Es wird deshalb gezeigt, daß Husserl, Heidegger und Wittgenstein die geltungstheoretische Validierungsreflexion nicht hinreichend berücksichtigen. Searle hat den Begriff des Hintergrundes im Rahmen seiner Intentionalitätstheorie und seiner Philosophie des Geistes eingeführt. Searles Analyse der Intentionalität und des Hintergrundes stellt eine furchtbare Verbindung zur Phänomenologie dar, die auch bei anderen analytischen Philosophen e.g. Chisholm und Foellesdal vorzufinden ist. Searle stellt sich die Frage nach der Möglichkeit der Thematisierung des lebensweltlichen Hintergrunds und bietet nach Ulfig hierzu einen Lösungsvorschlag an. In dem Exkurs Lebenswelt und Wissenschaft präzisiert Ulfig die bis heute kontrovers erörterte Interpretationen der These von der Fundierung der Wissenschaft in der Lebenswelt. Hierbei unterscheidet er zwischen folgenden Fundierungszusammenhängen: historisch-genetischer Zusammenhang, Einführungszusammenhang, normativ-praktischer Zusammenhang und Geltungszusammenhang. Von besonderer Wichtigkeit ist für ihn die Frage, an welcher »Stelle« sich wissenschaftliche Begriffs- und Theoriebildung von ihrem lebensweltlichem Fundament verselbständigt, wobei hier die Einsichten der konstruktiven Wissenschaftstheorie zu Hilfe genommen werden.

Habermas hat den Begriff »Hintergrund« (Searle) resp. Hintergrundwissen i.S. eines unthematischen Wissens (Husserl) in seine Sprechakttheorie aufgenommen. Damit verfolgt er ein spezielles Interesse. Ausgehend von einer Analyse von semantischen Gültigkeitsunterstellungen des Sprachverhaltens (Theorie der illokutiven Akte) beabsichtigt er, in Abgrenzung von Husserls Lebensweltbegriff, einen soziologisch gehaltvollen Lebensweltbegriff einzuführen und diesen im Rahmen seiner »Theorie des kommunikativen Handelns« einer Gesellschaftstheorie zugrundezulegen. Der Hintergrund umfaßt in dieser Fassung des Lebenweltbegriffs die lebenweltlichen Gewißheiten ? Dispositionen und Fertigkeiten, Hintergrundannahmen und Handlungsnormen sowie Stimmungen ?, die nach Habermas einer besonderen Präsuppositionsanalyse bedürfen. Gerhard Preyer argumentiert in Hintergrundwissen: Kritik eines Begriffes dahingehend, daß der Begriff des vorintentionalen Hintergrundwissens referentiell undurchsichtig ist und skizziert im Anschluß an Davidsons Sprach- und Bedeutungstheorie einen erkenntnistheoretisch alternativen Begriff von Hintergrundwissen, der keiner speziellen Präsuppositionsanalyse bedarf. Ein weiteres Argument richtet sich gegen eine diskurstheoretisch orientierte Gesellschaftstheorie ? den Verweisungszusammenhang zwischen universellem Diskurs und idealisierter Lebenswelt ?, die davon ausgeht, daß in modernen Gesellschaften »Diskurse« und »rationales Motivieren« sozial-integrative Funktionen in einer »rationalisierten Lebenswelt« übernehmen können, da die hypothetische Prüfung von Aussagen und Normen von ihrer sozialen Geltung i.S. der Verpflichtung ihnen zuzustimmen, zu unterscheiden ist.

Der Lebensweltbegriff hat in der phänomenologischen Soziologie einen speziellen methodologischen Status für die soziologische Forschung. »Lebenswelt« ist ein »methodologisches Konstrukt«. Als vortheoretische Erfahrungswelt gilt sie als das Fundament der theoretisch-wissenschaftlichen Aussagen. Nach Hubert Knoblauch stellt der Rekurs auf die Lebenswelt den Bezug zur Empirie in der soziologischen Forschung her. Er ruft die zentralen Postulate der phänomenologischen Soziologie in Erinnerung und nimmt ihre partielle Umformulierung mittels der Prinzipien der Ethnomethodologie (»Indexikalität«, »Reflexivität« und »Natürlichkeit«) vor. Dabei soll die »Grounded Theory Methodology« die Kopplung alltäglicher Interpretationen mit wissenschaftlichen Erklärungen ermöglichen. Ziel ist es zu zeigen, inwieweit Phänomenologie, Ethnomethodologie und die Grounded Theory Methodology gemeinsam die methodische und kommunikative Konstruktion von wissenschaftlichen Aussagen erklären können.


Lebenswelt ? Begründung ? Wissenschaft

In der von Lorenzen begründeten Konstruktiven Wissenschaftstheorie der Erlanger Schule wird der Begriff der Lebenswelt im wissenschaftstheoretischen Kontext und in begründungstheoretischer Absicht verwendet. Ziel der konstruktiven Wissenschaftstheorie ist es, eine wissenschaftliche Sprache methodisch aufzubauen, d.h. einen methodisch gesicherten Zusammenhang zwischen theoretischen und vortheoretischen bzw. lebensweltlichen Orientierungen in begründungstheoretischem Sinne herzustellen. Der Rückgang auf die Lebenswelt als Grundlage der theoretischen Orientierungen hat somit einen methodischen Charakter. Mit dem Begriff des »lebensweltlichen Apriori« theoretischer Konstruktionen wird die Rückbindung einer theoretischen Praxis an eine vortheoretische Praxis bezeichnet. Zentral für die Rückbindungsthese ist die von den Konstruktivisten durchgeführte Erneuerung des aristotelischen Erfahrungsbegriffs. Erfahrung wird hier als ein »Wissen des Besonderen« definiert, als der geübte Umgang mit Unterscheidungen und als ein lebensweltliches Tun und Können, anhand dessen erste sichere Orientierungen eingeführt werden.

Jürgen Mittelstraß stellt in Das lebenweltliche Apriori zunächst den Prozeß der Ablösung des aristotelischen durch den neuzeitlichen Erfahrungsbegriff dar, der in der Galileischen Mechanik als Resultat einer technischen Konstruktion und im klassischen Empirismus als ungeordnete Vorstufe der wissenschaftlichen Empirie verstanden wurde. Erst Husserl hat dieser Entwicklung eine Wende gegeben und die Funktion der Lebenswelt bzw. der lebensweltlichen Erfahrung als Fundament der Wissenschaften herausgestellt. Husserl begnügt sich allerdings nicht mit dem Nachweis dieser Funktion. Mittels der transzendental-phänomenologischen Reflexion auf das Reich der reinen Subjektivität soll die Lebenswelt selbst hintergangen werden und als Konstitutionsgegenstand des transzendentalen Ego erscheinen. Damit wird die Lebenswelt zum »bloßen transzendentalen ?Phänomen'«, zu einer »bloßen ?Komponente' in der konkreten transzendentalen Subjektivität« und verliert auf diese Weise den Status der Unhintergehbarkeit. Demgegenüber werden in der konstruktiven Wissenschaftstheorie diejenigen Elemente der vortheoretischen Praxis aufgezeigt, die im Sinne eines methodischen Aufbaus als apriorische Voraussetzungen der Begriffs- und Theorienbildung eingehen. Wissenschaftliche Konstruktionen basieren somit auf elementaren Orientierungen, die durch diese Konstruktionen selbst in begründungstheoretischer Absicht hintergangen werden können. Abschließend nennt Mittelstraß einige Grundelemente dieses Apriori, wie z.B. die elementare Prädikation, das Unterscheidungsapriori und das Herstellungsapriori.

Die konstruktive Wissenschaftstheorie wurde von Peter Janich i.S. eines »kulturalistischen Ansatzes« fortentwickelt. In seinem Beitrag Die Rationalität der Naturwissenschaften behandelt er den naturwissenschaftlichen Rationalitätsbegriff in Verbindung mit der Frage nach der Geltung von Meßresultaten. Diese Geltung läßt sich nur mit »ungestörten« Meßgeräten herstellen, wobei deren »Ungestörtheit« durch die Zwecke der Meßkunst normativ festgelegt und technisch realisiert werden. Entscheidend hierbei ist der Ausweis einer prototypenfreien Reproduzierbarkeit rationalzahliger Meßresultate. Unter »transsubjektiver Geltung« wird die Allgemeinheit (Universalität) verstanden, die schon lebensweltlich jeder Mensch in Anspruch nimmt, der Wörter für Handlungsschemata verwendet. Diese lebensweltliche Beherrschung des Handelns wird in den Prototheorien zur Klärung quantitativer Verfahren der Naturwissenschaften zusätzlich expliziert und normiert. »Rational« heißt in den Naturwissenschaften, daß universell gültige Aussagen hinsichtlich der Verfügbarkeit rational-zahliger Meßresultate formuliert und in ihrer Geltung ausgewiesen werden. Eine zweite Art von Rationalität in den Naturwissenschaften erblickt Janich im Experiment. Der empirische Charakter der Naturwissenschaften ist hier rational, insofern er in der Mittel-Zweck-Relation steht und mit dem technischen Erfolg dieser Wissenschaften zusammenhängt. Zweckrationalität von Empirie ist Rationalität, die auf explizite Prinzipien gebracht werden kann, vor allem auf das »Prinzip der methodischen Ordnung«, wonach über nicht vertauschbare Teilhandlungen in poietischen Handlungsketten der empirischen Laborforschung keine Vertauschungen von sprachlichen Beschreibungen vorgenommen werden dürfen. Abschließend wirft Janich die Frage auf, ob die Naturwissenschaften ein rationales Verhältnis zur Natur ausbilden können, und ob dabei eine andere Form der Rationalität, die nicht Zweckrationalität ist, eine Rolle spielen könnte, z.B. eine Rationalität, die Zwecke-Rechtfertigungen einbezieht.

Wir haben uns heute in einer Situation zu orientieren, in der sich ein ungeteilter, wissenschaftlicher Rationalitätsbegriff in unterschiedliche Rationalitäten auflöst. Jürgen Mittelstraß beschreibt in Rationalität und Reproduzierbarkeit die Grundsituation dahingehend, daß sich der Begriff der wissenschaftlichen Rationalität in der modernen Wissenschaftstheorie durch den der wissenschaftlichen Rationalitätsmodelle ersetzen läßt. Ergänzt wird die Untersuchung durch eine exemplarische Analyse eines Rationalitätskriteriums (der Reproduzierbarkeit), durch die Unterscheidung zwischen Theorierationalität und Forschungsrationalität und durch ein Plädoyer für einen transparadigmatischen Rationalitätsbegriff.

In den modernen Gesellschaften stehen Lebenswelt und Wissenschaft immer mehr in einem wechselseitigen Korrelationsverhältnis. Elisabeth Ströker weist in Lebenswelt und Wissenschaft zunächst darauf hin, daß die These von der Fundierung der Wissenschaft in der Lebenswelt von der impliziten Annahme ausgeht, daß von ihrer Herausbildung die Lebenswelt selbst eigentlich gar nicht betroffen sei. In diesem Zusammenhang kann man sogar von einer Rückwirkung der Wissenschaft auf die Lebenswelt sprechen, in dem Sinne, daß wissenschaftliche Erkenntnisse in ihr Anwendung finden. Experimentelle Vorkehrungen der Wissenschaft sind Teil sowohl der wissenschaftlichen als auch der lebensweltlichen Praxis. Sie dienen der Einlösung von Geltungserwartungen ihrer Hypothesen und bewirken gleichermaßen Veränderungen in der Lebenswelt. Die von der Wissenschaft zu einer bestimmten Zeit eingeführten Gegenstände werden in der Lebenswelt im Fortgang nach und nach »vertraut« und ihr auf eine selbstverständliche Weise »einverleibt«. Grundlegend für die Wandlung des Objektbegriffs in der Wissenschaft war die Technik, insbesondere der Gebrauch der technischen Geräte als Mittel zur wissenschaftlichen Welterschließung. Besonders hervorzuheben ist hier die von Wissenschaft und Technik herbeigeführte Veränderung des Zeitbegriffs und seine Auswirkung auf die Grundstruktur der Lebenswelt: Während in der vorindustriellen Welt die Zeit am Tagesrythmus bzw. am Rhythmus der Jahreszeiten erfahren wurde, wird sie im industriellen Zeitalter als gemessene Zeit chronometrisch homogenisiert. Lebensweltliche Erfahrung wird in der heutigen Gesellschaft hauptsächlich durch moderne Kommunikationsmedien vermittelt. Daraus folgt, daß die Zeiträume zwischen dem Erwerb wissenschaftlich-technischen Wissens und seiner praktischen Umsetzung immer kleiner werden. Neuerungen müssen immer schneller in die Lebenswelt eingeführt werden. Die Hauptursache für die Orientierungs- und Sinnkrise unserer Zeit sieht Ströker darin, daß erstens die Herkunftsgeschichte der auf die Lebenswelt entscheidend einwirkenden Innovationen weitgehend ausgeblendet wird, zweitens die über die Lebenswelt hinausgehenden Zusammenhänge und praktische Folgen erst ex post erkannt werden können.

In der Folge dieses Zusammenhangs ergeben sich unterschiedliche Korrelationsmöglichkeiten zwischen lebensweltlichem Wissen, dem Wissen von der Lebenswelt und der Wissenschaft. Paul Janssens besondere Aufmerksamkeit gilt in seinem Artikel Lebenswelt, Wissen und Wissenschaft zunächst dem der Lebenswelt zugehörigen Wissen. Dies kann zweierlei bedeuten: erstens das der Lebenswelt in ihrer theoretischen Thematisierung zugewiesene Wissen und zweitens die »Art von Wißbarkeit«, die dem Zusammenhang von Lebenswelt und Wissen in der Theorie inhärent ist. Im Zentrum steht hier das Verhältnis zwischen demjenigen, der die Einheit der Lebenswelt und ihres Wissens theoretisch zum Thema macht, und dem lebensweltlichen Wissen. Janssen betont, daß für den thematisierend Wissenden das, was der lebensweltlich Wissende weiß, kein »standhaltendes Wissen« ist. Letztlich ist es unvermeidlich, daß der theoretisch Thematisierende mehr weiß als die lebensweltlich Wissenden. Ein weiteres Problem entsteht dadurch, daß in theoretisch-thematisierenden Aussagen übe

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