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Wittgensteins Wahrheitsverständnis

Steffen Giehring
Wittgensteins Wahrheitsverständnis
Zugleich Entwurf einer Grammatik von »wahr« und »Wahrheit« auf der Grundlage der Spätphilosophie Wittgensteins

Frankfurt am Main 2005
345 Seiten
ISBN 978-3-934157-44-6

Buch 32,00  Euro
E-Book (PDF) 19,80 Euro

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Inhalt

Vorbemerkung 9

Einleitender Überblick 11
1. Wittgensteins Wahrheitsverständnis im Tractatus 11
2. Wittgensteins Abwendung vom Tractatus als Kritik
seines frühen Wahrheitsverständnisses 13
3. Das Wahrheitsverständnis in Wittgensteins Spätphilosophie 14


1. Wittgensteins Wahrheitsverständnis im Tractatus 19

1.1 Satzwahrheit 23
1.1.1 Grundzüge der Theorie der Abbildung. Die Frage nach Möglichkeit und Grenzen sprachlichen Sinns 23
1.1.1.1 Alltagssprachliche Sätze, vollständige Analyse, Elementarsätze, Namen 25
1.1.1.2 Gegenstände, Sachverhalte, Tatsachen 27
1.1.1.3 Das Wesen des Satzes 30
1.1.2 Die Bedingung der Möglichkeit von Sinn und Wahrheit 31
1.1.3 Wahrheit als Übereinstimmung von Elementarsatz und Tatsache 33
1.1.4 Die Grenzen von Sinn und Wahrheit 37

1.2 Philosophische Wahrheit 40
1.2.1 Erste Annäherung 40
1.2.2 Zweite Annäherung: McDonoughs Interpretation logischer Wahrheit als Paradigma philosophischer Wahrheit 45
1.2.3 Einige methodische Bemerkungen 49
1.2.3.1 Zur Logik der »Logisch-philosophischen Abhandlung« 58
1.2.4 Der logische Bau des Tractatus I 63
1.2.4.1 Der Ausgangspunkt des Tractatus 64
1.2.4.2 Vom Dass der Sprache zum Wesen der Welt 72
1.2.4.3 Der logische Bau des Tractatus IIDie Große Tautologie 97
1.2.5 Philosophische Wahrheit. Explikation 103
1.2.6 Ethische Konsequenzen 109
1.2.6.1 Das Problem des Sinns 111
1.2.6.2 Das glückliche Leben als das sinnerfüllte und zugleich richtige Leben 115
1.2.6.3 Der religiöse Hintergrund in Wittgensteins früher Ethik 124
1.2.6.3.1 Das glückliche Leben im religiösen Verständnis 126
1.2.6.3.2 Gott als normative Instanz 131
1.2.6.3.3 Zusamenfassung 135


2. Wittgensteins Abwendung vom Tractatus als Kritik seines frühen Wahrheitsverständnisses 137

2.1 Die Infragestellung der Theorie der Satzwahrheit des Tractatus 142
2.2 Die Infragestellung des Wahrheitsanspruches des Tractatus: Das Aufbrechen des logischen Muss 145
2.2.1 Neuorientierung der Philosophie: Syntax und Grammatik 150


3. Das Wahrheitsverständnis in Wittgensteins Spätphilosophie 159

3.1 Satzwahrheit 160
3.1.1 Wittgensteins sinnkritische Hinterfragung der Korrespondenztheorie des Tractatus 161
3.1.1.1 »Übereinstimmung« von Erwartung und Erfüllung 162
3.1.1.2 »Gleichheit«. Regel und Regelbefolgung 166
3.1.2 Fragwürdige Zuschreibungen 168
3.1.2.1 Eine Redundanztheorie der Wahrheit? 169
3.1.2.2 Eine Konsenstheorie der Wahrheit? 174
3.1.2.2.1 Grammatischer Satz und Erfahrungssatz 177
3.1.2.2.2 Das gemeinsame Stehen und Fallen von Sinn und Wahrheit 179
3.1.2.2.3 Resümee. Eine kleine Konsenstheorie 182
3.1.2.3 Eine Kohärenztheorie der Wahrheit? 184
3.1.2.4 Gründe für das Fehlgreifen wahrheits-theoretischer Zuschreibungen 187
3.1.2.4.1 Noch einmal: Korrespondenz und Redundanz 188
3.1.2.4.2 Die Wahrheitsfrage vor dem Hintergrund der rein deskriptiven Methode 192
3.1.2.5 Das Wahrheitsspiel autonomer Sprachspiele 195
3.1.2.5.1 Mathematische Wahrheit 196
3.1.2.5.2 Religiöse Wahrheit 200
3.1.3 Wittgensteins Verständnis von Satzwahrheit – Zusammenfassung 204

3.2 Entwurf zu einer Grammatik von »wahr« und »Wahrheit« 207
3.2.1 Artikulation des Unbehagens gegenüber der Behandlung der Wahrheitsfrage in der Analytischen Philosophie 209
3.2.2 Zum sprachanalytischen Ansatz 217
3.2.3 Das Entdeckungsmoment: Ein Wesenszug der Wahrheitsspiele? 219
3.2.3.1 Exkurs 1: Pro- und Resententiale Theorie der Wahrheit 222
3.2.3.2 Exkurs 2: Was an der Äquivalenzformel (nicht) stimmt 227
3.2.4 Die Grundfrage: Unterliegen »wahr« und »Wahrheit« spezifischen Verwendungsbedingungen? 229
3.2.4.1 Situative Verwendungsbedingungen gewöhnlicher Behauptungshandlungen 229
3.2.4.2 Die Grundthese: Fehlender Konsens als situative Bedingung der Verwendung von »wahr« und »Wahrheit« 232
3.2.4.3 Prüfung der These anhand des Sprachgebrauchs 234
3.2.4.4 Non-Konsens vs. Konsens? 238
3.2.4.5 Wahrheit als wesentlich emphatischer Begriff 239
3.2.4.6 Die Asymmetrie zwischen »wahr« und »falsch« und das Interesse an der Wahrheit 241
3.2.5. Wahrheit und Glück 243
3.2.5.1 G.H. v.Wrights subjektivistische Analyse von Glücksurteilen 246
3.2.5.1.1 Der Schwachpunkt der v. Wrightschen Analyse 248
3.2.5.2 Wahrheit als Voraussetzung von Glück 249
3.2.5.2.1 Die Priorität realen Glücks und warum es vernünftig ist, nach Wahrheit zu streben 252
3.2.5.2.2 Warum wir nicht mit einem illusionär glücklichen Menschen tauschen möchten 255
3.2.6 Fazit und Ausblick auf das Wahrheitsspiel der Philosophie 259

3.3 Philosophische Wahrheit 261
3.3.1 Philosophie als Therapie des Verstandes 263
3.3.1.1 Ein Ende der Philosophie? 265
3.3.1.1.1 Schutt, Beulen und Fliegengläser 267
3.3.1.2 Vom Arbeiten der Philosophie 272
3.3.1.2.1 Vom Wert des Problems 272
3.3.1.2.2 Vom Urgrund philosophischer Probleme 277
3.3.1.2.3 Common Sense als Ort der »gewöhnlichen und irrigen Auffassung« und Quelle philosophischer Irrtümer 279
3.3.1.2.4 Das Kreisen der Philosophie – Aufbruch, Irrfahrt und Rückkehr 284
3.3.2 Wahrheit und Irrtum in der Philosophie 288
3.3.2.1 Zur Eigenart philosophischer Irrtümer 289
3.3.2.2 Philosophische Wahrheit 294
3.3.2.2.1 Die Wahrheit grammatischer Sätze 296
3.3.2.2.2 Philosophische Wahrheit als Weise der Betrachtung 302
3.3.2.2.3 Zusammenfassung 316
3.3.2.2.4 Der »religious point« in Wittgensteins Verständnis philosophischer Wahrheit 318
3.3.3 Differenzen und Gemeinsamkeiten 332


Abkürzungen der Schriften Wittgensteins 335
Literaturverzeichnis 336



Vorbemerkung

Die vorliegende Arbeit ist in erster Linie einem Anliegen verpflichtet: Sie will Wittgensteins Schriften auf das in ihnen zum Ausdruck gebrachte Verständnis von »Wahrheit« hin untersuchen. Da diese Zielsetzung einen tendenziell sprachanalytischen Beigeschmack hat und eine entsprechende Erwartungshaltung zu wecken Gefahr läuft, sei gleich zu Anfang darauf hingewiesen, dass sich diese Untersuchung nicht – wie weite Teile der sprachanalytischen Tradition – von vornherein auf eine Identifikation von »Wahrheit« mit dem Begriff der »Satzwahrheit« oder »Aussagenwahrheit« festlegen möchte. Das mag nicht zuletzt vor dem Hintergrund jener Tatsache überraschen, dass gerade Wittgenstein aufgrund der Sprachphilosophie des Tractatus gemeinhin als einer der Väter dieser Identifikation angesehen wird. Und in der Tat beschäftigen sich die bislang vorliegenden Arbeiten zu Wittgensteins Wahrheitsverständnis fast ausschließlich mit dem Konzept der Satzwahrheit im Tractatus. Demgegenüber ließe sich eine Hauptthese dieser Arbeit wie folgt formulieren: Wittgenstein verwendet (primär im Tractatus aber auch in der Spätphilosophie) in Abgrenzung zu dem dort mehr bzw. weniger ausführlich explizierten und diskutierten Konzept der Satzwahrheit einen davon grundverschiedenen Wahrheitsbegriff. Mehr noch: Dieses andere Verständnis von »Wahrheit« soll gerade für die philosophischen »Sätze« von Bedeutung sein, jene Sätze also, die (zumindest gemäß dem Tractatus) den Begriff der Satzwahrheit ausdrücklich in den Bereich der Naturwissenschaften verweisen. Ein wesentlicher Teil der vorliegenden Arbeit wird folglich darin bestehen, diesen zweiten Wahrheitsbegriff in Wittgensteins Schriften nachzuweisen, zu explizieren und sein Verhältnis zum Begriff der Satzwahrheit herauszuarbeiten.

Ein weiteres zentrales Anliegen dieser Arbeit besteht in der Beantwortung der Frage nach der Wahrheit des Tractatus bzw. der Spätphilosophie selbst. Dass dies ein über das akademische Interesse hinausgehendes und lohnendes Vorhaben ist, hat vor allem folgenden Grund: Wittgensteins Philosophie ist seinem eigenen Bekennen nach stets ethisch ausgerichtet gewesen – selbst wenn die Themen, mit denen er sich in erster Linie beschäftigte, kaum als genuin ethisch bezeichnet werden können. Gefragt ist daher eine dem Begriff philosophischer Wahrheit Rechnung tragende Interpretation (wesentlicher Züge) des Tractatus bzw. der Spätphilosophie, die Wittgensteins ethische Auffassungen als Konsequenz aus den metaphysischen Konklusionen des Tractatus bzw. den sprachphilosophischen Einsichten der Spätphilosophie verständlich machen. Zwar ist die Bedeutung der Ethik im Denken Wittgensteins in den letzten zwanzig Jahren auch auf breiterer Basis in der Sekundärliteratur akzeptiert und diskutiert worden. Es liegt jedoch meines Erachtens bislang keine Arbeit vor, die das Verhältnis zwischen Wittgensteins ethischen Auffassungen und seinen metaphysischen bzw. sprachphilosophischen Einsichten in angemessen klarer Form darstellt. Der besondere Wert dieser Untersuchung bestünde also darin zu zeigen, dass und in welcher Weise Wittgensteins Ethik auf seinen (theoretischen) philosophischen Einsichten gegründet ist.

Die Struktur dieser Arbeit ergibt sich weitgehend aus der Untersuchung der genannten Themenkomplexe – Satzwahrheit einerseits, philosophische Wahrheit (sowie deren Verhältnis zur Ethik) andererseits – in den verschiedenen Phasen der Philosophie Wittgensteins. Neben den Schwerpunkten Tractatus und Spätphilosophie wird der Untersuchung der Übergangsphase (der zwanziger und dreissiger Jahre) ein eigenständiger, wenn auch weniger umfangreicher Abschnitt eingeräumt. Die nachfolgende Einleitung umreißt die zentralen Gedankengänge sowie die Kernthesen der einzelnen Abschnitte dieser Arbeit.



Einleitender Überblick

1. Wittgensteins Wahrheitsverständnis im Tractatus
Der Tractatus ist in Bezug auf den Wahrheitsbegriff nahezu ausschließlich mit Blick auf das in ihm explizierte Konzept der Satzwahrheit gelesen worden. Diese Tatsache ist aus zweierlei Gründen zu bedauern: Zum einen stellt diese Lesart eine nicht gerechtfertigte Verengung der Forschungsperspektive dar. Zum anderen – und das scheint noch gewichtiger – verwehrt sie den Einblick in den von Wittgenstein für sein Frühwerk postulierten Geltungsanspruch und verbaut damit auch dem Verständnis der am Ende ethischen Zielsetzung des Tractatus den Weg. Tatsächlich verwendet Wittgenstein im Tractatus – dies wird durch das genaue Lesen des Vorwortes (s. Kapitel 1.1) deutlich – (zumindest) zwei fundamental verschiedene Begriffe von Wahrheit: zum einen den für einzelne Aussagesätze einschlägigen Begriff der Satzwahrheit und zum anderen einen für das System des Tractatus selbst in Anspruch genommenen Wahrheitsbegriff.

Im folgenden Kapitel (1.1) geht es zunächst um die Klärung des im Tractatus entwickelten Konzepts der Satzwahrheit. Als Bestandteil von Wittgensteins sogenannter Theorie der Abbildung erfordert dieses Konzept zu seiner Verdeutlichung eine Erläuterung der Grundbegriffe und Grundzüge dieser Sprachtheorie. Satzwahrheit wird darin als Korrespondenz von Satz und Sachverhalt aufgefasst.

Anschließend (1.2) geht es um den Nachweis sowie um die Klärung des vom Verfasser des Tractatus für sein philosophisches Werk in Anspruch genommenen Wahrheitsbegriffs. Dass dieses zweite Verständnis von Wahrheit mit dem Konzept der Satzwahrheit wenig gemein hat und aus diesem Grunde als »philosophische Wahrheit« bezeichnet werden darf, wird schon aus dem in Kapitel 1.1 erläuterten Konzept des Satzes und der mit ihm verbundenen »Grenze der Sprache« hervorgehen. Den Ausgangspunkt für die Explikation des Begriffs philosophischer Wahrheit bilden Wittgensteins Reflexionen über den Status der den Tractatus konstituierenden Sätze. Wittgensteins gleichermaßen bekanntes wie umstrittenes Resümee lautet, dass sich philosophische Erkenntnis nicht in sinnvollen Sätzen formulieren lasse. Diese auf den ersten Blick destruktive Schlussfolgerung hat jedoch – entgegen der vorherrschenden Auffassung – in wesentlicher Hinsicht keine Auswirkungen auf den Geltungsanspruch des Tractatus. Vielmehr versucht diese Arbeit geradezu das Gegenteil zu belegen, indem sie es unternimmt, ausgerechnet Wittgensteins »Unsinnigkeitsverdikt« positiv für eine Bestimmung seines Konzepts philosophischer Wahrheit zu nutzen. Dabei wird sich zunächst zeigen, dass nicht einzelne Sätzen, sondern nur ein System von Sätzen Anspruch auf philosophische Wahrheit erheben kann. Zu fragen ist daher nach jenen Eigenschaften des Tractatus als eines philosophisches Systems, die als Garanten für seine Wahrheit eintreten sollen. Was in diesem Rahmen zu erbringen sein wird, ist also nicht weniger als die Ausarbeitung der gedanklichen und – der im weiteren Sinne des Tractatus – »logischen« Struktur der zentralen Argumentationslinien des Textes. Über diese zum einen die formalen Eigenschaften und zum anderen den ausgezeichneten epistemischen Status der Prämissen betreffenden Bestimmungen hinaus bedarf der Begriff philosophischer Wahrheit zudem aber auch einer Klärung dessen, was unter einem genuin philosophischen System im Gegensatz zu jedem anderen denkbaren Satzsystem, das dieselben formalen Strukturen aufwiese, zu verstehen ist. Zu fragen ist also auch nach dem Gegenstand der auf dem Wege philosophischer Klärung gewonnenen Erkenntnis. Im Tractatus ist dies die Erkenntnis des Wesens der Welt, und die Einsicht in das Wesen der Welt manifestiert sich, so Wittgenstein, im richtigen Sehen der Welt.

An diesem Punkt, der inhaltlichen Bestimmung der »Wahrheit des Tractatus«, befindet sich der Übergang zu Wittgensteins (weitgehend) ungeschriebener Ethik. Zu zeigen ist in diesem Zusammenhang daher auch, dass philosophische Erkenntnis für den frühen Wittgenstein nicht Selbstzweck bleibt, sondern ihm vielmehr als unumstößlicher Orientierungspunkt für sein ethisches Selbstverständnis dient. Die Untersuchung greift hierbei zwangsläufig auf Wittgensteins Tagebücher sowie seinen Vortrag über Ethik zurück. Im Verlauf der Ausbuchstabierung seiner frühen Ethik erweist sich die schon im Tractatus anklingende Trennung zwischen absolutem und relativem Wert als Anknüpfungspunkt für die Ethik des frühen Wittgenstein. Das glückliche oder gute Leben fasst Wittgenstein als unbedingte Zustimmung des Ichs zu den die Welt konstituierenden, kontingenten Tatsachen auf. Abschließend wird versucht, den religiösen Hintergrund dieses an stoische Motive und verschiedene literarische Quellen anknüpfende Welt- und Selbstverständnisses deutlich zu machen.

2. Wittgensteins Abwendung vom Tractatus als Kritik seines frühen Wahrheitsverständnisses
Die in diesem Teil der Arbeit dargelegten Resultate der Beschäftigung mit den direkt nach Wittgensteins Rückkehr zur Philosophie entstandenen Schriften trägt teilweise Züge einer historisch-sytematischen Überleitung zu seiner Spätphilosophie. In dieser Arbeit wird die allgemein anerkannte These aufgegriffen, dass sich Wittgensteins Kritik des Tractatus an einem zunächst marginal erscheinenden Problem entzündet, und zwar der Analyse von Sätzen, die Mengenangaben oder Farbprädikate enthalten (s. Kapitel 2.1). Die Reichweite und Tiefe dieser Kritik ist jedoch bislang nur teilweise erkannt worden, in erster Linie, weil sie auch für den von Wittgenstein erhobenen Geltungsanspruch des Tractatus fatale Folgen mit sich bringt. Für den Gegenstandsbereich dieser Arbeit ergeben sich für Wittgensteins Verständnis von Satzwahrheit (2.1) ebenso für das der philosophischen Wahrheit (2.2) einschneidende Konsequenzen.

Angesichts der Probleme bei der Analyse der oben genannten Satztypen sieht sich Wittgenstein gezwungen, einen Grundgedanken des Tractatus (die These der logischen Unabhängigkeit von Elementarsätzen) fallen zu lassen. Für das im Tractatus explizierte Konzept der Satzwahrheit entstehen dadurch gleich zwei Probleme: Zum einen wird die im Tractatus als Möglichkeit von Sinn und Wahrheit postulierte Identität der logischen Form von Satz und Sachverhalt fraglich. Zum anderen führt die Einsicht in die Systemimmanenz jeder sprachlichen Äußerung dazu, zunächst die Rede von der Übereinstimmung eines Satzes mit der Wirklichkeit und schließlich den korrespondenztheoretischen Ansatz insgesamt sinnkritisch zu hinterfragen (2.1).

Die Auswirkungen für Wittgensteins Verständnis philosophischer Wahrheit sind nicht weniger weitreichend. Auch hier bildet die Analyse von Sätzen, in denen Mengenangaben oder Farbprädikate vorkommen, den Ausgangspunkt der Kritik. Hier jedoch geht es um die Aufdeckung eines fundamentalen Irrtums in der argumentativen Struktur des Tractatus. Was Wittgenstein im Tractatus für eine logische Notwendigkeit hält, erweist sich bei der konkreten Analyse in den Bemerkungen über logische Form und den aus dem gleichen Zeitraum stammenden Aufzeichnungen (vorliegend in der kritischen Wiener Ausgabe) als logische Unmöglichkeit. Wittgenstein sieht sich aufgrund dieser Einsicht in letzter Konsequenz dazu gezwungen, auch das dem Tractatus zugrunde liegende Konzept philosophischer Erkenntnis – als das einer mit rein logischen Mitteln zu gewinnenden Welterkenntnis – aufzugeben (2.2).

Dienten die metaphysischen Einsichten des Tractatus noch als Ausgangspunkt der ethischen Orientierung des frühen Wittgenstein, so stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, ob die Hinfälligkeit des Konzepts philosophischer Wahrheit auch Auswirkungen für Wittgensteins ethische Grundauffassungen mit sich bringt. Dass dies nicht der Fall ist, rührt daher, dass Wittgenstein allem Anschein nach – zumindest vorerst – keine Abstriche an der Metaphysik des Tractatus vorzunehmen gewillt ist. Die Kritik entzieht zunächst allein der in Abschnitt 1.2 dargelegten Methode (einer i.w.S. logischen Deduktion der Metaphysik), nicht aber der Metaphysik selbst den Boden.

3. Das Wahrheitsverständnis in Wittgensteins Spätphilosophie
In Analogie zum ersten Teil dieser Arbeit steht hier die These im Zentrum, dass sich auch in Wittgensteins Spätphilosophie grundsätzlich eine dem Tractatus entsprechende Unterscheidung zwischen Satzwahrheit und philosophischer Wahrheit aufzeigen lässt.

Die Untersuchungen zum Begriff der Satzwahrheit (3.1) beginnen mit Wittgensteins sinnkritischer Infragestellung der Korrespondenztheorie (3.1.1) in den Philosophischen Untersuchungen (PU), seinem späten Hauptwerk. Daran schließt eine ausführliche und kritische Diskussion verschiedener Interpretationen an, die dem Spätwerk Wittgensteins miteinander konkurrierende wahrheitstheoretische Positionen zuzuschreiben versuchen (3.1.2). Im Laufe dieser Diskussion erweisen sich allerdings sämtliche in der Sekundärliteratur vorhandenen wahrheitstheoretischen Zuschreibungen als nicht haltbar. Die im wesentlichen negative Kritik dieser verschiedenen Interpretationsrichtungen lässt allerdings im positiven Sinne auch einzelne Aspekte von Wittgensteins tatsächlichem Verständnis von Satzwahrheit erkennen. (So implizieren Wittgensteins Ausführungen u.a. eine »Kleine Konsenstheorie der Wahrheit«.) Die Ursache für das Fehlschlagen der diversen wahrheitstheoretischen Zuschreibungsversuche wird anschließend in einem Missverständnis bzw. einem Missachten der von Wittgenstein praktizierten und propagierten philosophischen Methode ausgemacht. Anstatt Theorien aufzustellen, soll diese rein deskriptive Methode die Differenziertheit der Verwendungsweisen einzelner Ausdrücke in verschiedenen Sprachspielen deutlich machen. Dies gilt in Wittgensteins Sinne auch für den Ausdruck »wahr« und »Wahrheit«, und daher wird aus methodischen Gründen die Frage »Was ist Wahrheit?« ersetzt durch die Frage »Wie werden die Ausdrücke »wahr« und »Wahrheit« in einzelnen Sprachspielen oder Sprachspielfamilien verwendet?«. Diese Modifizierung aber eröffnet zugleich eine Reihe weiterer Fragerichtungen: Gibt es in verschiedenen Sprachspielfamilien unterschiedliche und für die jeweilige Sprachspielfamilie spezifische Verwendungsregeln für »wahr« und »Wahrheit«? Wittgensteins beantwortet diese Frage positiv und liefert einige Bestimmungen zur Grammatik von »wahr« in Mathematik und Religion. Damit ist aber zugleich auch die gewichtige Frage nach den Sinn der Rede von »Wahrheit« in der Philosophie eröffnet (s.u. das umfangreiche Kapitel 3.3). Und nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob es nicht auch für die Alltagsprache spezielle Verwendungsregeln für die Ausdrücke »wahr« und »Wahrheit« gibt (3.2). Hierzu ist zunächst zu konstatieren, dass sich Wittgenstein so gut wie überhaupt nicht und in keiner Weise systematisch zur Frage nach spezifischen Verwendungsbedingungen von »wahr« und »Wahrheit« in der alltäglichen Sprachpraxis geäußert hat. Darüber hinaus zeigt sich in seiner Spätphilosophie – speziell im Hinblick auf den Begriff der Satzwahrheit – noch eine erstaunliche Affinität zu Verfechtern einer formalisierenden Sprachbetrachtung, die ihn nicht unbedenklich in die Nähe einer redundanztheoretischen Position rücken lässt. Gerade Wittgensteins Methode der Sprachspielbeschreibung der PU jedoch – so lautet die Kernthese in diesem Abschnitt (3.2.1) – ermöglicht eine fundamentale Kritik gängiger sprachanalytischer Praxis auf diesem Gebiet. Diese Tradition wird nämlich der Tatsache nicht (ausreichend) gerecht, dass auch die (korrekte) Verwendung der Ausdrücke »Wahrheit« und »wahr« stets situativen Bedingungen unterliegt, die zumindest von einer Reihe von Sätzen gerade nicht erfüllt werden können. Die über die Interpretation der Spätphilosophie hinausgehende Ausarbeitung dieser situativen Bedingungen mit Hilfe von Sprachspielbeschreibungen bilden einen Schwerpunkt dieses Kapitels und münden in einen Entwurf zur Grammatik von »wahr« und »Wahrheit« (3.2.4). Die zentrale These dieses Entwurfes wird darin bestehen, dass die sinnvolle Verwendung von »wahr« und »Wahrheit« in eine Situation eingebettet ist, die durch das Ausstehen eines Konsenses charakterisiert ist. Damit jedoch nicht genug: Diese situative Verwendungsbedingung (Ausstehen eines Konsenses) macht verständlich, warum der Wahrheitsbegriff wesentlich als ein emphatischer Begriff aufgefasst werden kann und sollte. Denn die oftmals mit der Verwendung von »wahr« und »Wahrheit« verbundene Emphase passt in den von der Verwendungsbedingung charakterisierten Äußerungskontext, in dem die Diskutierenden durch ihr Argumentieren und Streiten ein tätiges Interesse an der Wahrheit erkennen lassen.

Damit ist zugleich der erste Schritt einer engeren Rückbindung der Rede von »Wahrheit« an die menschliche Sprach- und Lebenspraxis erreicht. Darüber hinaus wird aber – im Gegensatz zu gängigen Wahrheitstheorien – der Versuch unternommen, das in diesem Tätigsein zum Ausdruck kommende Interesse an der Wahrheit in Zusammenhang zum menschlichen Streben nach Glück und Wohlergehen zu bringen und Wahrheits- und Glücksorientierung als gleichermaßen grundlegende menschliche Orientierungen auszuweisen (3.2.5). Dieser Zusammenhang von Wahrheit und Glück wird dadurch verdeutlicht, dass die Frage nach dem Glück sich immer auch als eine Frage nach der Wahrheit erweist. Insofern, als auch dieser Zusammenhang sich allein an unserem Sprachgebrauch aufzeigen lässt, wird sich das Interesse an der Wahrheit als grammatisch in bestimmten Verwendungsbedingungen von Glücksurteilen verbürgt erweisen. Damit ist aber keineswegs eine Instrumentalisierung des Wahrheitsinteresses im Hinblick auf das menschliche Glücksstreben intendiert oder gar propagiert. Vielmehr birgt der grammatische Zusammenhang von Wahrheit und Glück zugleich auch immer ein potentielles Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Grundorientierungen. In den Überlegungen zum Verhältnis von Wahrheits- und Glücksorientierung erweist sich dieses potentielle Spannungsverhältnis daher als geradezu konstitutiv für die mensch­liche Grundsituation.

Im abschließenden Kapitel (3.3) geht es um die aus der Pluralität von Sprachspielfamilien und ihren spezifischen Verwendungsbedingungen von »wahr« hervorgegangene Frage nach dem Sinn der Rede von »Wahrheit« in der Philosophie selbst. Denn das der Zurückweisung wahrheitstheoretischer Zuschreibungen zugrundeliegende Philosophieverständnis Wittgensteins eröffnet seinerseits die Frage nach dem mit der philosophischen Methode der Sprachspielbeschreibung verbundenen Geltungsanspruch.

In zwei vorbereitenden Schritten geht es dabei zunächst darum, Wittgensteins Konzept von Philosophie als Therapie des Verstandes gegen eine der Auflösung von Philosophie in Linguistik das Wort redende Interpretation zu verteidigen und dieser ein Gesamtkonzept von Wittgensteins Spätphilosophie entgegen zu stellen, das den Wert sowie den Ursprung philosophischer Probleme in den Mittelpunkt rückt. Mit diesem Verständnis von Philosophie im Rücken geht es anhand von Bemerkungen aus verschiedenen Schriften Wittgensteins um die Frage nach dem spezifischen Sinn der Rede von Wahrheit in der Philosophie (3.3.2). Dabei erweist sich das Verständnis dieses Sinns nach Wittgenstein als untrennbar von einem Verständnis der grammatischen Eigenart philosophischer Irrtümer, und zwar gerade deswegen, weil ihm philosophische Wahrheit nicht anders als über den Weg der Zuspitzung philosophischer Probleme und Irrtümer erreichbar scheint. Letzteres sieht Wittgenstein wiederum in der Eigenart philosophischer Irrtümer begründet, nicht an der Oberfläche, sondern nur durch eine grundlegende, nachhaltige und gegen die eigene Neigung vollzogene Umkehr der Betrachtungsweise gelöst werden zu können. Das Motiv der Umkehr der Betrachtungsweise geht daher als ein Kandidat für das Verständnis philosophischer Wahrheit in die weiteren Überlegungen ein. Als weiterer, auf den ersten Blick konkurrierender Kandidat für philosophische Wahrheit treten zudem die Sätze des philosophischen Textes selbst auf, insofern sie nämlich beanspruchen, die tatsächliche Sprachpraxis korrekt zu beschreiben. Dieser grammatischen Wahrheit allerdings setzt Wittgenstein explizit das Ruhen des Philosophen in der richtigen Weise der Betrachtung zur Bedingung, da ohne die Wahrheit der Anschauung keine sinnvolle Artikulation grammatischer Wahrheit stattzufinden vermag. Insofern rückt »Philosophische Wahrheit als richtige Weise der Betrachtung« ins Zentrum von Wittgensteins Verständnis philosophischer Wahrheit. Letzteres wird anschließend unter Rückgriff auf die zuvor skizzierten Bestimmungen von Philosophie, philosophischer Irrtümer etc. an der von Wittgenstein als Hauptschwierigkeit der Philosophie bezeichneten Umstellung der Betrachtungsweise festgemacht. Philosophische Wahrheit als richtige Weise der Betrachtung hieße dann, eine vorhandene, auf falschen Vorurteilen, ungerechtfertigten Forderungen oder naivem Vertrauen in die Formen der Sprache beruhende Betrachtungsweise entgegen den eigenen Neigungen und Gewohnheiten zugunsten einer neuen Anschauungsweise aufgegeben und letztere so weit verinnerlicht zu haben, dass ein adäquates Verständnis grammatischer Sätze und deren Wahrheit ermöglicht ist. In dieser Bestimmung kommt allerdings zum Ausdruck, dass auch philosophische Wahrheit als richtige Weise der Betrachtung nicht einfach für sich steht, sondern durchaus in Beziehung zu grammatischer Wahrheit gesehen werden muss. Daher bedarf es einer Klärung eben jenes Verhältnisses und darüber hinaus der Legitimierung des von philosophischer Wahrheit als Weise der Betrachtung erhobenen Geltungsanspruches. Das Verhältnis von grammatischer Wahrheit und Wahrheit der Anschauung erweist sich dabei als ein komplexes, nämlich gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Zum einen betrachtet Wittgenstein Wahrheit der Anschauung (als das Ruhen in der Wahrheit) als notwendige Bedingung für Artikulation und Verständnis grammatischer Wahrheit. Zum anderen aber legitimiert grammatische Wahrheit ihrerseits gerade die in der Therapie vollzogene Umkehr der Anschauungsweise. Während die alte Betrachtungsweise zwangsläufig zu Irrtümern, Ungerechtigkeiten usw. führt, verhilft die neue Betrachtungsweise zu Artikulation und Verständnis grammatischer Wahrheit, also dazu, Gerechtigkeit gegenüber den Tatsachen walten zu lassen. In diesem Sinne steht die erst durch die Umstellung der Betrachtungsweise zur Artikulation gebrachte grammatische Wahrheit ihrerseits für die Richtigkeit der neuen Weise der Betrachtung und Zuwendung ein. Damit finden am Ende beide Aspekte, grammatische Wahrheit und Wahrheit der Anschauung, nicht nur in Wittgensteins Verständnis philosophischer Wahrheit Eingang, sondern machen dieses durch ihre wechselseitige Abhängigkeit zu einem komplexen Verständnis, das zugleich ein Verständnis der philosophischen Tätigkeit mit umfasst.

Abschließend wird die schon im 1. Teil der Arbeit thematisierte Frage nach der ethisch/religiösen Zielrichtung der Philosophie Wittgensteins wieder aufgegriffen. Nicht zuletzt deshalb, weil die auf dem Weg vom Irrtum zur Wahrheit gewonnene Zufriedenheit ihrerseits i.w.S. religiöse Züge trägt, die in der Sekundärliteratur bereits ansatzweise diskutiert wurden. Um diese auf den ersten Blick nur vage erscheinenden Züge klarer herauszuarbeiten, werden die im Rahmen der philosophischen bzw. der religiösen Therapie (wie Wittgenstein sie in seinen Tagebüchern skizziert) zu vollziehenden Denkbewegungen miteinander verglichen. Die dabei deutlich und bis in die Wortwahl hinein zu Tage tretenden Parallelen lassen die von Wittgenstein praktizierte und propagierte philosophische Denkbewegung als Paradigma zur Lösung des vom ihm als zentral empfundenen ethischen Problems erscheinen. So, wie durch die philosophische Bewegung Friede in den Gedanken zu erhoffen ist, so ist es im religiösen Kontext der Friede des Herzens oder der Seele. In ethischer Hinsicht aber geht es Wittgenstein dabei um mehr: Hier bedeutet die religiöse Therapie nicht nur die Befreiung von beunruhigenden Problemen, sie dient vielmehr zugleich der Erlangung eines Selbstverständnisses, durch welches jenes scheinbar Problematische zu einer das eigene Leben begleitenden Form der Erfüllung gewandelt ist. An dieser am Ende wiederum wesentlich ethischen Ausrichtung wird der in der Literatur bislang nicht ausreichend gewürdigte »religious point« in Wittgensteins Spätphilosophie und dessen Wahrheitsverständnis festgemacht.

Ein kurzer Rückblick auf Differenzen und Gemeinsamkeiten in Wittgensteins Konzeptionen philosophischer Wahrheit in Tractatus und Spätphilosophie schließt diese Arbeit ab (3.3.3). Trotz der Entgegensetzung der jeweiligen philosophischen Methode zeigen sich speziell hinsichtlich des Konzepts philosophischer Wahrheit Parallelen: In beiden Fällen geht es um eine veränderte Weise der Betrachtung (der Welt bzw. des Lebens). Und schließlich zielen beide Konzepte – wenn auch methodisch auf grundverschiedenem Wege – am Ende auf Ethisches ab.