Sprache, Zeit und Differenz Vergrößern

Sprache, Zeit und Differenz

Dietmar Köveker
Sprache, Zeit und Differenz
Elemente einer Kritik der reinen Diskursvernunft
374 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-934157-19-4
Buch 32,80 Euro
E-Book (PDF) 22,80 Euro

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Die These vom »linguistic turn« bzw. der sprachtheoretischen Wende der Philosophie muß in zumindest einer entscheidenden Hinsicht präzisiert werden. Wie sich gerade an den Auseinandersetzungen zwischen Apel und Lyotard einerseits sowie Habermas und Derrida andererseits zeigen läßt, besteht nämlich die Besonderheit der differenztheoretischen Positionen in einer spezifischen Fusion sprachtheoretischer Einsichten mit zeitphilosophischen Überlegungen. Diese besondere theoretische Einstellung ist das Ergebnis des »temporal turn«, der - ausgehend von Bergson und Heidegger - sozusagen parallel zum »linguistic turn« stattfand.

In weiten Teilen der philosophischen Landschaft hat sich die Vorstellung durchgesetzt, das 20. Jahrhundert sei entscheidend durch den linguistic turn geprägt: die Wende von der Bewußtseinsphilosophie zur Sprachphilosophie bzw. zur Sprachpragmatik. Und so sehr sich die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hervorgebrachten einflußreichen philosophischen Ansätze auch unterscheiden, es verbinde sie zumindest eine besondere Aufmerksamkeit für die Sprachförmigkeit philosophischer Fragestellungen. In vielen Fällen bedienten sie sich sogar linguistischer Methoden zu deren Lösung.

Diese weithin geteilte Auffassung bildet den Ausgangspunkt von Dietmar Kövekers fallstudienartiger Untersuchung derjenigen Auseinandersetzungen, die vor allem in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zwischen den Vertretern der sprachpragmatisch orientierten Diskurstheorie einerseits (Apel, Habermas) und einer differenztheoretisch inspirierten Diskurskritik (Derrida, Lyotard) andererseits stattgefunden haben. Wie erklärt sich die Heftigkeit der Auseinandersetzungen zwischen diesen Autoren – obwohl sie doch alle in ihrem Philosophieren bei der Sprache ansetzen?

Der vorliegende Band entwickelt die Antwort auf diese Frage: Die These vom linguistic turn bzw. der sprachtheoretischen Wende besitzt durchaus eine gewisse Berechtigung. Sie muß allerdings in zumindest einer entscheidenden Hinsicht präzisiert werden. Wie sich gerade an den Auseinandersetzungen zwischen Apel und Lyotard einerseits sowie Habermas und Derrida andererseits zeigen läßt, besteht nämlich die Besonderheit der differenztheoretischen Positionen in einer spezifischen Fusion sprachtheoretischer Einsichten mit zeitphilosophischen Überlegungen. Diese besondere theoretische Einstellung ist das Ergebnis des temporal turn, der – ausgehend von Bergson und Heidegger – sozusagen parallel zum linguistic turn stattfand.

Die Untersuchung geht daher in zunächst problemgeschichtlicher Perspektive den theoretischen Voraussetzungen der Kontroverse zwischen Diskurstheorie und Diskurskritik nach (Kapitel 1). Anschließend wird an den Dokumenten dieser Kontroverse selber herausgearbeitet, dass die spezifisch zeitphilosophischen Überlegungen bei Derrida und Lyotard den entscheidenden Unterschied zu diskurstheoretischen Argumenten ausmachen (Kapitel 2). Damit ist nicht nur der Gesichtspunkt genannt, unter dem sich die Unterschiede zwischen dem diskurstheoretischen Sprachverständnis und demjenigen von Lyotard und Derrida (aber auch von Lévinas, Foucault und anderen) besser verstehen lassen; es wird zugleich eine Neubewertung der Debatte zwischen Diskurstheorie und »Poststrukturalismus« möglich, die die theoretischen Hintergründe für den bekannt aporetischen, aber auch philosophisch unbefriedigenden Verlauf dieser Grundsatzkontroverse erhellt (Kapitel 3). Nur unter gleichzeitiger Berücksichtigung von Sprache, Zeit und Differenz, so die Kernthese des Bandes, ist eine theoretische Perspektive zu gewinnen, unter der beide Seiten dieses mittlerweile ergebnislos abgebrochenen Streits voneinander lernen können (Kapitel 4).

Dietmar Köveker, Studium der Philosophie, Germanistik, Politikwissenschaften und Pädagogik in Frankfurt am Main, Oxford und Paris; Programmdirektor am Collège International de Philosophie in Paris; zur Zeit Gastprofessor an der Université de Montréal. Veröffentlichungen u. a.: Grenzverhältnisse. Kant und das »regulative Prinzip« in Wissenschaft und Philosophie, Berlin 1996; (Hg. mit A. Niederberger): ChronoLogie. Texte zur französischen Zeitphilosophie des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 2000; Im Widerstreit der Diskurse. Jean-François Lyotard und die Idee der Verständigung im Zeitalter globaler Kommunikation, Berlin 2004 (Hg.)



Inhalt

Vorwort 9

1 Einleitung 13

2 Zum philosophiegeschichtlichen Hintergrund der Kontroverse zwischen Diskurstheorie und Diskurskritik 29
2.1 Zur französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts 29
2.1.1 Zur französischen Kantrezeption seit dem 1. Weltkrieg 30
2.1.2 Von gedachter zu verkörperter Vernunft: Eine Fallstudie zu Merleau-Ponty als »Dreh-scheibe« zwischen Kritizismus, Bergsonismus und Diskurskritik 36
2.2 Erstes Zwischenresümee 89
2.3 Zum Zeitproblem in der älteren Kritischen Theorie 98
2.3.1 Der Zusammenhang von Sprache, Wahrheit und Geschichte bei Walter Benjamin 103
2.3.1.1 Benjamins Ideenlehre 106
2.3.1.2 Benjamins Sprach- und Schrifttheorie 117
2.3.2 Max Horkheimer über den Zeitkern »kritischer Theorie« 132
2.4 Zweites Zwischenresümee 136

3 Französische Diskurskritik vs. deutsche Diskurstheorie. Voraussetzungen einer philosophischen Grundsatzkontro-verse, die keine war 143
3.1 Jean-François Lyotard: Das Ereignis des Satzes 147
3.1.1 Der Widerstreit über die Postmoderne 147
3.1.2 Die Philosophie des Widerstreits 150
3.1.3 Lyotards Kommunikationsmodell 173
3.1.4 Zur ereignislogischen Tiefenstruktur des Widerstreits 177
3.2 Die Diskurstheorie von Apel und Habermas und das normative Fundament der Umgangssprache 192
3.2.1 Die sprechakttheoretischen Grundlagen der Diskurstheorie 193
3.2.2 Die diskurstheoretische Sprechaktanalyse 202
3.3 Zum Verhältnis zwischen der »performativ-propositionalen Doppelstruktur« von Sprechakten und der »Nichtdarstellbarkeit von Satzereignissen« 208
3.3.1 Gibt es einen gemeinsamen Bezugspunkt zwischen diskurstheoretischer Sprechaktanalyse und Lyotardschem »Satzereignis«? 208
3.3.2 Die »Grundlagenkrise« der modernen Wissenschaft und ihre philosophische Tragweite 215
3.3.3 Die Rolle der Zeit: Zur ChronoLogie von Satzereignissen 223
3.4 Die grammatologische Dekonstruktion des Verhältnisses von Sprache und Schrift 241
3.4.1 Derridas Auseinandersetzung mit der Sprechakttheorie: Konventionalität oder itérabilité générale? 246
3.4.2 Habermas' These von der »Einebnung des Gattungsunterschiedes zwischen Philosophie und Literatur« 261
3.5 Drittes Zwischenresümee 279

4 Sprache, Zeit und Differenz und das Problem »zeitgemäßer Kritik« 283
4.1 Zur nachhaltigen Wirkung Kants: Kritik als Differenz 284
4.2 Zum Verhältnis von Zeit und Kritik: Widerspruch oder »wechselseitige Abhängigkeit«? 291
4.3 Zum Verhältnis von Sprache, Zeit und Differenz bei Derrida 301
4.3.1 Die Rolle der Begriffe 301
4.3.2 Der »Status« der Sprache und das Problem der Zeit 309
4.4 Schlussfolgerungen 323
4.4.1 Die Verhältnisfrage 324
4.4.2 Das Statusproblem 335
4.4.3 Die Rolle der Kritik 347

Siglen 358
Literatur 359