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Versuchung Europa

Ulrike Ackermann  (Hg.)
Versuchung Europa
Stimmen aus dem Europäischen Forum
232 Seiten
15,00 Euro
ISBN 978-3-934157-25-5

Dieser Titel ist nicht als digitale Ausgabe erhältlich.

Eine Publikation des Europäischen Forums an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Mit Beiträgen von u. a. Václav Havel/Jacques Rupnik, Herta Müller, Jirí Grusa, Peter Glotz und Ulrike Ackermann.

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15,00 € inkl. MwSt.

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Inhalt

Zwischenbilanz – oder ein nachrufendes Vorwort  7

1. Podium
Verzögerte Osterweiterung – Brauchen wir eine neue Ostpolitik?  11

Gespräch
Den Bürgern zu Diensten sein … Václav Havel im Gespräch mit Jacques Rupnik  22

2. Podium
Vertreibungen in Ostmitteleuropa – Vergessen zugunsten der Zukunft?  39

Essay
Ulrike Ackermann
Vergessen zugunsten der Zukunft? Zur Debatte über Vertreibungen  55

3. Podium
Heimat als Utopie – Kann Europa Heimat sein?  71

Essays
Herta Müller
Alte und Neue Heimat  86
Jirí Gruša
Glücklich heimatlos  92
Peter Glotz
Das Ding. Drei Reflexionen über die Zukunft der Europäischen Union  106
Klaus Harpprecht
Gibt es ihn noch – den Westen?  113
Eine ostwesteuropäische Kontroverse über das Selbstverständnis Europas:
Bernard Guetta
Ich rufe Adam an ...  119
Adam Michnik
Bonaparte hat uns gezeigt ...  126

4. Podium
Über den Umgang Europas mit Despotien und Diktaturen. Versagt die Erinnerung?  137

Essays
Stefan Chwin
Ja, ja. Nein, nein. Von der Gerechtigkeit, der Wahrheit und dem europäischen Gewissen  159
André Glucksmann
Wer ist Terrorist, Herr Putin?  166
Tony Judt
Die Vergangenheit ist ein anderes Land. Politische Mythen im Nachkriegseuropa  171

Ulrike Ackermann
Europa läßt sich nicht verordnen  211

Danksagung  224
Die Autoren, Podiumsteilnehmer und Komiteemitglieder  225
Drucknachweise 230



Zwischenbilanz – oder ein nachrufendes Vorwort

»Vor den Sonntagsreden über die historisch fundierte gemeinsame europäische Kultur darf gewarnt werden …« (François Bondy)

Ist Europa heute ein Zauberwort, ein Narrenschiff, gar eine Schimäre? Die Gründerväter und -mütter der Europäischen Union sahen in dem Projekt einst die Antwort auf die totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Nun steht die Wiedervereinigung Europas mit der Aufnahme der acht ostmitteleuropäischen Staaten im Mai 2004, 15 Jahre nach dem Epochenbruch von 1989, endlich offiziell auf der Agenda der EU. Doch die über viele Jahre verzögerte Osterweiterung und die überaus kontroversen Debatten über die Vertiefung und Erweiterung der EU sind begleitet von einer zunehmenden Skepsis der Bürger gegen das einst euphorisch proklamierte Projekt eines Vereinigten Europas. Debattiert wird vornehmlich im engen Rahmen der jeweils nationalen Öffentlichkeiten, der politischen Eliten und auf europapolitischen Fachtagungen; bürokratische Verfahrensfragen und das Feilschen um die Geldtöpfe stehen dabei meist im Vordergrund. Lange nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs ist zudem die mentale Spaltung zwischen Ost- und Westeuropa immer noch nicht überwunden. Eine tatsächlich europäische Öffentlichkeit, die mutig die Grenzen nationaler Blickwinkel überschreitet und im profunden Streit die Normalität sieht, hat sich bisher kaum entwickelt.

Den Impuls für den Aufbau des Europäischen Forums gab mir der 50. Jahrestag der Gründung des »Congress for Cultural Freedom«. Auf der von mir initiierten Konferenz (23.6. und 24.6. 2000 in Berlin) versammelten sich europäische und amerikanische Intellektuelle, die an dieses außergewöhnliche transatlantische Netzwerk erinnerten. Mit ihrer 1950 begonnenen Arbeit sorgten diese antitotalitär orientierten Intellektuellen noch zu Zeiten des Kalten Krieges dafür, daß der Eiserne Vorhang, zumindest intellektuell, durchlässiger wurde.1

Im Juni 2002 konnte das Europäische Forum an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften seine Arbeit beginnen – der Weg dahin war nicht leicht. Die Finanzierung eines Projektes sicherzustellen, das sich als dezidiert zivilgesellschaftliches begreift, staats- und parteiunabhängig sein will und sich weder dem Brüsseler Tropf noch einem einzigen Geldgeber überantworten will, ist in einem der »Kernländer« Europas bezeichnenderweise auch heute noch ein schwieriges Unterfangen. Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung und die Volkswagenstiftung sowie die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften als Trägerin konnte ich schließlich für eine Kooperation gewinnen und das Europäische Forum erfolgreich auf den Weg bringen. – Diesen Institutionen sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.

Das Europäische Forum konnte sich – in der Mitte der Hauptstadt – einen viel beachteten Platz in der Öffentlichkeit erobern. Es versteht sich als Antwort auf die allzu häufig zu vernehmende Europa-Rhetorik, die auf zahlreichen mehr oder weniger glanzvollen, dafür meist um so kostspieligeren Veranstaltungen prominent vorgetragen und anschließend vom Winde verweht wird. Die oft ermüdenden Identitäts- und Selbstverständnisdiskurse oder staatliche Werbekampagnen für das seiner Entdeckung noch harrende »Lustobjekt Europa« waren kaum geeignet, den Bürgern das europäische Projekt schmackhaft zu machen, sie – volkspädagogisch sehr beliebt – »abzuholen bei ihren Ängsten und ihrem Mißmut«, sie »mitzunehmen« auf dem mühevollen Weg der europäischen Einigung.

In öffentlichen Podiumsdebatten des Europäischen Forum widmeten sich viermal im Jahr Intellektuelle, Schriftsteller, Wissenschaftler und Politiker aus verschiedenen europäischen Ländern den Problemen des gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Einigungsprozesses, die aus der langen Phase der Spaltung Europas resultieren. Das Forumskomitee versammelt Persönlichkeiten aus Deutschland, Frankreich, Polen, Holland, Italien und den USA, die nach dem Rotationsprinzip mit jeweils neuen Gästen die Podiumsdiskussionen bestritten. Damit war die personelle wie inhaltliche Kontinuität in den Debatten gewährleistet. Den Podiumsteilnehmern ist es in diesen Debatten geglückt, die im üblichen Diskurs jeweils abgeschotteten Felder von Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft zu verschränken. Mitglieder des Forumskomitees sind Klaus Bade (Osnabrück); Maarten Brands (Amsterdam); André Glucksmann (Paris); Klaus Harpprecht (La Croix Valmer); Tony Judt (New York); Adam Michnik (Warschau); Jacques Rupnik (Paris); Karl Schlögel (Frankfurt/Oder); Aleksander Smolar (Paris/Warschau); Barbara Spinelli (Paris/Rom); Daniel Vernet (Paris).

Das Forum begegnete dem zähen Ringen um die europäische Einigung auf der Ebene der Regierungspolitiken mit lebendigen Debatten, die ihre Ursprünge und Anstöße aus den Gesellschaften der Mitglieds- und Beitrittsländer erhalten. Mit der starken Repräsentanz der Ostmitteleuropäer wollte das Forum die schleppende Osterweiterung intellektuell vorwegnehmen. Unabhängige Zeitgenossen aus unterschiedlichen Ländern, frei davon, ihre Nation oder eine Institution vertreten zu müssen, rührten mutig und streitlustig an Tabus, lösten wechselseitige Blockaden und konnten damit neue Blickwinkel einführen. Nicht Diplomatie und Expertentum besetzten das Podium, sondern neugierige, unkonventionelle und weltoffene Persönlichkeiten reflektierten und stritten miteinander. Dies würdigte ein äußerst waches, aufmerksames, bunt gemischtes und regelmäßig in großer Zahl erschienenes Publikum, das die gängigen Grenzen zwischen politischer, kultureller und wissenschaftlicher Öffentlichkeit aufhob.

Wie die vier thematisch aufeinander abgestimmten Veranstaltungen und die Kontinuität in den Diskussionen des Forums zeigten, ist die Entmythologisierung der eigenen nationalen Geschichte und Selbstbilder Voraussetzung für ein europäisches Gedächtnis, das die über 1989 hinaus währende Aufspaltung der Erinnerung überwinden will. Vor dem Hintergrund der totalitären Erfahrungen des letzten Jahrhunderts, der Diktaturen, Kriege und Vertreibungen auf dem europäischen Kontinent, ist dies eine zugunsten der Gegenwart und Zukunft tätige Erinnerungsarbeit, die den Herausforderungen des europäischen Einigungsprozesses vorbehaltlos und streitlustig begegnet. Dem Europäischen Forum ist es mit dem Zyklus seiner Podiumsdiskussionen gelungen, neue Anstöße zu liefern, die in einer breiten Öffentlichkeit überaus positiv rezipiert worden sind – ein Beitrag zur Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit.

Die regelmäßig sich reibenden Standpunkte aus Polen, Ungarn, Tschechien, Frankreich, Holland, Italien und Deutschland öffneten die jeweils national geprägten Debatten über die Schwierigkeiten der Osterweiterung (1. Podium), den Streit über die Vertreibungen in Europa (2. Podium), über die Frage, kann Europa Heimat sein; brauchen wir eine europäische Verfassung, wenn kein europäisches Staatsvolk existiert? (3. Podium), und das Versagen der Erinnerung im europäischen Umgang mit Diktaturen und Despotien (4. Podium). Die Diskussionsrunden nahmen – unbelastet von den Zwängen der Real- und Tagespolitik – vorausschauend brisante Themen vorweg, wie nicht nur die Debatte über die Vertreibung der Deutschen in Ostmitteleuropa im Dezember 2002 zeigte. Hier konnte man spüren, daß der produktive, intellektuelle Streit im Gegensatz zur staatlich beschworenen Freundschaft, Versöhnung und Normalisierung normal ist. – Damit wurde ein Europa lebendig, daß den Verordnungen aus Brüssel, den intergouvernementalen Gefechten und und der verbissenen Besitzstandswahrung kreativen Eigensinn und produktiven Konflikt entgegensetzt. In diesem Buch dokumentieren wir den Zyklus der Podiumsdiskussionen. In weiteren Beiträgen von Podiumsteilnehmern und Mitgliedern des Forumskomitees werden verschiedene Aspekte der Debatten pointiert erweitert und vertieft.

Man sollte meinen, derartige Impulse aus der Zivilgesellschaft seien erwünscht – erwünscht von seiten der Regierungen, von Wirtschaftsunternehmen, von Stiftungen, wenn nicht gar von EU-Institutionen, die ja allesamt die Bürger und Bürgerinnen »mitnehmen möchten« auf dem beschwerlichen Weg nach Europa. Paradoxerweise gerät das Vorwort zu diesem Buch unter der Hand zum Nachruf auf ein überaus erfolgreiches Unternehmen. Dessen eigenwilliger Esprit, seine politische Unkonventionalität, getragen von unabhängigen Personen, die mit Lust Grenzen überschreiten, deren Biographien gezeichnet sind vom unfreiwilligen oder gewählten Leben in verschiedenen »Vaterländern Europas«, trafen auf ein sehr engagiertes Publikum – Bürger, die neugierig auf Europa sind oder geworden sind. Aus welchen anderen Ressourcen entstehen denn die Energien und Impulse für die Wiedervereinigung Europas?

Ist Europa doch nur ein Zauberwort, das zwar viele schöne Bedeutungen hat, aber schließlich doch nur die alltägliche Verteilung der Pfründe beflügelt? Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Das Europäische Forum und vergleichbare Projekte werden ihre Arbeit nur sinnvoll fortsetzen können, wenn »Investitionen« in die Zivilgesellschaft nicht als »unrentabel«, sondern als auf Dauer elementar begriffen werden – wenn das Wort vom »europäischen Bewußtsein« als eines der Differenzen, nicht der Homogenität, ernst genommen wird. Eine Stärke Europas ist der kulturelle Reichtum seiner Bürger: Das »Europa der Bürger« ist die Ressource für das »Europa der Regierungen« – nicht umgekehrt.

Ulrike Ackermann


1 Siehe auch Ulrike Ackermann, Sündenfall der Intellektuellen. Ein deutsch-französischer Streit von 1945 bis heute. Mit einem Vorwort von François Bondy, Stuttgart 2000.