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Grenzgänge

Martin Kronauer, Julijana Ranc und Andreas Klärner (Hg.)
Grenzgänge
Reflexionen zu einem barbarischen Jahrhundert
Für Helmut Dahmer

370 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-934157-49-1
Frankfurt am Main 2006

Buch 32,80 Euro
E-Book (PDF) 22,80 Euro

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Individuen und Gruppen zu selbstbewußtem gesellschaftlichen Handeln zu befähigen, das ist der aufklärerische Zweck der Kritik von »Pseudonatur«, die im Zentrum des Denkens von Helmut Dahmer steht. Das vorliegende, ihm gewidmete Buch greift dieses Motiv wieder auf. Es läßt sich nur in intellektuellen Grenzgängen verfolgen, die das affirmative Denken der herrschenden Verhältnisse in Frage stellen. Mit einem Blick auf exemplarische Grenzgänger beginnt deshalb dieser Band. An Grenzgängen orientiert sich auch sein weiterer Aufbau. Den Bezugspunkt bildet dabei jeweils Gesellschaft. Sie wird von der Psychoanalyse, der Geschichte und der Philosophie her in den Blick genommen, auf destruktive und emanzipatorische Potentiale hin geprüft. Mit Beiträgen von Leo Cooper, Gerd de Bruyn, Karl Fallend, Ernst Federn, Helmut Fleischer, Gerhard Gamm, Hassan Givsan, Sibylle Hübner-Funk, Martin Kronauer, Bernd Nitzschke, Dag J. Opstaele, Paul Parin, Julijana Ranc, Harry Redner, Agnes Schmidt, Rudi Schmiede, Manfred Teschner und Rolf Wörsdörfer.

Den Menschen mögen zwar die Verhältnisse, in denen sie leben, naturwüchsig und unveränderbar erscheinen, sie sind dies aber nicht. Denn sie entspringen ihrerseits dem Handeln der Menschen und deren Auseinandersetzung mit der äußeren Natur, sind somit geschichtlich entstanden und in die Zukunft hinein gestaltbar. Daraus folgt: Die Menschen entscheiden darüber, ob das einundzwanzigste Jahrhundert, wie das vorausgegangene, ein barbarisches wird oder nicht.

Individuen und Gruppen zu selbstbewußtem gesellschaftlichen Handeln zu befähigen, das ist der aufklärerische Zweck der Kritik von »Pseudonatur«, die im Zentrum des Denkens von Helmut Dahmer steht. Das vorliegende, ihm gewidmete Buch greift dieses Motiv wieder auf. Es läßt sich nur in intellektuellen Grenzgängen verfolgen, die das affirmative Denken der herrschenden Verhältnisse in Frage stellen. Mit einem Blick auf exemplarische Grenzgänger beginnt deshalb dieser Band. An Grenzgängen orientiert sich auch sein weiterer Aufbau. Den Bezugspunkt bildet dabei jeweils Gesellschaft. Sie wird von der Psychoanalyse, der Geschichte und der Philosophie her in den Blick genommen, auf destruktive und emanzipatorische Potentiale hin geprüft.

Mit Beiträgen von Leo Cooper, Gerd de Bruyn, Karl Fallend, Ernst Federn, Helmut Fleischer, Gerhard Gamm, Hassan Givsan, Sibylle Hübner-Funk, Martin Kronauer, Bernd Nitzschke, Dag J. Opstaele, Paul Parin, Julijana Ranc, Harry Redner, Agnes Schmidt, Rudi Schmiede, Manfred Teschner und Rolf Wörsdörfer.



Inhalt

Einleitung  7

I. Intellektuelle und Politik

Gerd de Bruyn
»… ich obscurer Arbeiter in der Linnenjacke …«. Gottfried Sempers Politisierung der Architekturtheorie  17

Julijana Ranc
Franz Pfemfert gegen Heinrich Mann. Dokumente und Argumente zu einer vergessenen Kontroverse um Heinrich Manns Rechtfertigung des Moskauer Schauprozesses vom August 1936  36

Agnes Schmidt
»Gallige, streitbare, ruhelose Menschen sind wir …«. Die Herausbildung einer kritischen Intelligenzija in Ungarn zwischen 1900 und 1919  61

II. Psychoanalyse und Gesellschaft

Karl Fallend
Abgerissene Fäden. Psychoanalyse in Österreich nach 1938. Biographische Einsichten  85

Ernst Federn
Ergänzen oder widersprechen sich Marxismus und Psychoanalyse?  125

Martin Kronauer
Das Unbehagen in der modernen Gesellschaft. Variationen eines kulturkritischen Motivs von Freud bis Bauman  132

Bernd Nitzschke
Der Platz des Exilanten. Sigmund Freuds transkulturelles Erbe  147

Paul Parin
Das Studium des »subjektiven Faktors«  162

III. Geschichte und Gesellschaft

Leo Cooper
The changing face of Anti-Semitism. In search of a theory  187

Helmut Fleischer
Soziologische Koordinaten der geschichtlichen Situationswahrnehmung  216

Rudi Schmiede
Informationeller Kapitalismus und Subjekt  240

Manfred Teschner
Hochschule und Gesellschaft. Von der Demokratisierung zur beschleunigten Ökonomisierung  251

Rolf Wörsdörfer
Die Risiera di San Sabba. Ein NS-Konzentrationslager am Ufer der Adria  260

IV. Philosophie und Gesellschaft

Gerhard Gamm
Philosophie im Kontext. Die ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg  277

Hassan Givsan
Schopenhauers Metaphysik als Kritik des Weltwesens  296

Sibylle Hübner-Funk
Im Schatten Nietzsches. Georg Simmels Aktualität als Indikator der postmodernen Substitution des »homo sociologicus« durch den »homo aestheticus«  308

Dag J. Opstaele
Die Entmenschlichung des Menschen. Anthropologisches Denken nach dem Holocaust  332

Harry Redner
The Subject as Body – a sketch. Essay in honour of Helmut Dahmer  350

Bio-bibliographische Skizze zu Helmut Dahmer  360
Zu den Autoren  364



Einleitung

Der Titel dieses Buches verdankt sich einem Denkanstoß. Soziologie nach einem barbarischen Jahrhundert ist ein schmales Bändchen überschrieben, das vor fünf Jahren in einem Wiener Verlag erschien.1 Das Bändchen hat es in sich. Es enthält fünf Vorlesungen, die Helmut Dahmer 1999 an der Pontificia Universidad Católica del Perú gehalten hat. Die Gedanken, die sie formulieren, sind in hohem Maße aktuell und unzeitgemäß zugleich. Denn sie erinnern daran, daß den Menschen zwar die Verhältnisse, in denen sie leben, naturwüchsig und unveränderbar erscheinen mögen – sie sind dies aber nicht. Daraus folgt: Die Menschen haben die Verantwortung für die Regelung ihres Zusammenlebens und -arbeitens zu übernehmen. Sie entscheiden darüber, ob das einundzwanzigste Jahrhundert, wie das vorausgegangene, ein »barbarisches« wird oder nicht.

Die Zeit, in der solches Denken Diskussionen in soziologischen Seminaren bestimmte, liegt gar nicht so lange zurück. Zu verzeichnen ist ein Paradox: Die gesellschaftlichen Verhältnisse, an denen sich hierzulande kritisches Denken noch bis in die neunzehnhundertachtziger Jahre rieb, waren, zumindest in der Nahdistanz, weitgehend frei von Krisen und Kriegen. Vielleicht war es gerade deshalb möglich, über die natürlichen und sozialen Grenzen des (kapitalistischen) Wachstums nach- und hinauszudenken, die Zukunft unter dem Blickwinkel neuer, sich der Akkumulation um der Akkumulation willen verweigernder Bedürfnisse ins Auge zu fassen und einen Ausgleich zwischen den armen und den reichen Teilen der Weltbevölkerung zu fordern. Heute, wo ein gesellschaftlich zunehmend entfesselter, von den Finanzmärkten angetriebener Kapitalismus auch die Metropolengesellschaften auf neue Weise spaltet, sie in einem kaum noch für möglich gehaltenen Ausmaß mit Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und Armut überzieht; wo Kriege »an die Haustür« heranreichen, mit Soldaten des eigenen Landes bestückt werden, und Terrorakte überall in der Welt blutig demonstrieren, daß von einem Ausgleich von Interessen und Lebensbedingungen keine Rede sein kann, ist Kritik im Grundsätzlichen weitgehend verstummt.

An diesem Punkt legt Dahmer mit seinen Vorlesungen Widerspruch ein. Er kritisiert die Betriebsblindheit einer Soziologenzunft, die in immer engerer Spezialisierung die Brücken zu anderen Denkweisen vom Menschen – der Ökonomie, der Geschichte, der Psychologie und der Philosphie – abgebrochen hat, in kleinteiliger »Projekt«-Forschung zu immer größerer Form aufläuft, dabei aber ihren Gegenstand, die widerspruchsvolle Gegenwartsgesellschaft in ihrer Geschichtlichkeit, immer mehr aus den Augen verliert; die deshalb kaum noch Zugang zu den zentralen Problemen ihrer Zeit findet und in Bedeutungslosigkeit absinkt. Er erinnert an Denker, die sich einer solchen Departementalisierung widersetzten – Marx, Schumpeter, Freud, Weber, Horkheimer und Adorno –, aber auch an Soziologen, die sich innerhalb der Disziplin nicht mit Bestandsaufnahmen zufrieden gaben, sondern Partei ergriffen für reformerische oder auch revolutionäre Auswege aus drängenden Krisen. Was diese Denker angetrieben hat, ist die »Entzauberung der sozialen Welt«, der Versuch, kenntlich zu machen, daß die institutionellen Zwänge, denen die vergesellschafteten Menschen ausgesetzt sind, sich nur dem Schein nach wie Naturgewalten darstellen. Denn sie entspringen ihrerseits dem Handeln von Menschen und ihrer Auseinandersetzung mit der äußeren Natur, sind somit geschichtlich entstanden und in die Zukunft hinein gestaltbar. Individuen und Gruppen zu selbstbewußtem, gesellschaftlichem Handeln zu befähigen, das ist der aufklärerische Zweck der Kritik von »Pseudonatur«, die im Zentrum von Dahmers Denken steht.2 Nietzsches Moralkritik und vor allem Freuds Psychoanalyse zieht er heran, um zu verdeutlichen, was es für ihn heißt, von den Individuen verinnerlichte gesellschaftliche Zwänge als solche zu entschlüsseln, blinde Wiederholungsmuster aufzubrechen und damit Raum für verantwortliches Handeln zurückzugeben.

Soziologie nach einem barbarischen Jahrhundert enthält einen Appell an die Soziologie, sich zu »revidieren«, ihren Horizont wieder zu erweitern, und sich zu »repolitisieren«, Stellung zu beziehen zu den mit Tabus belegten Grundproblemen der Gegenwart. Denn nichts spricht dafür, daß das einundzwanzigste Jahrhundert gefeit wäre gegen die Barbarei des zwanzigsten. Dahmer zeigt dies an der Xenophobie, der in letzter Konsequenz mörderischen Verbindung von gesellschaftlicher und individueller Verdrängung, von institutionalisierter Ausgrenzung der »Fremden« und innerer Abspaltung der eigenen Fremdheit. Sie war wesentlicher Bestandteil des barbarischen zwanzigsten Jahrhunderts und begleitet nun den neuerlichen Schub von »Globalisierung« und wachsenden sozialen Ungleichheiten.

Schüler, Kollegen, Freunde und Mitstreiter widmen Helmut Dahmer das vorliegende Buch. Wir haben ihm den Untertitel Reflexionen zu einem barbarischen Jahrhundert gegeben. Damit soll angezeigt sein, daß es Motive und Themen aufgreift, kommentiert und weiterführt, die in besagten Vorlesungen zur Sprache kommen. Aber auch der Obertitel Grenzgänge steht zu ihnen und ihrem Verfasser in einer direkten Beziehung. Intellektuelle Grenzgänge weichen von den ausgetretenen Trampelpfaden des »mainstream« ab. Gerade dadurch aber eröffnen sie neue Erkenntnisse. Intellektuelle Grenzgänger überschreiten, neugierig wie sie sind, das eigene Gebiet, lernen, was auf dem angrenzenden vor sich geht, und kehren mit einem neuen Blick auf das Vertraute zurück. Oder aber sie haben sich ohnehin nie um die mehr oder weniger willkürlich gezogenen Grenzen der Disziplinen gekümmert, sondern folgen den Verknüpfungen der Probleme, denen sie auf die Spur zu kommen suchen. Mit bemühter akademischer »Interdisziplinarität« dagegen haben sie nichts am Hut. Intellektuelle Grenzgänge sind Wagnisse. Sie können gefährlich werden, wenn sie Reflexion und politische Intervention miteinander verbinden, Machtverhältnisse in Frage stellen. Die Aufforderung, grenzgängerisch zu sein, schreibt Dahmer den Soziologen nicht nur ins Stammbuch. Er selbst hat es immer praktiziert, im intellektuellen Handgemenge mit den Grenzposten des Dogmatismus verschiedenster Couleur: als philosophisch gebildeter Soziologe,3 Vertreter der insbesondere an Marx orientierten Kritik der politischen Ökonomie,4 historisch-kritischer Herausgeber und Kommentator der Schriften Trotzkis,5 konsequenter Verfechter des aufklärerischen Potentials der Psychoanalyse für die Gesellschaftswissenschaften und ebenso konsequenter Verteidiger des kultur- und gesellschaftskritischen Gehalts der Psychoanalyse gegen deren medizinalisierte und individualtherapeutische Verengung.6 Wer bei ihm studierte, hat aus diesen Verbindungen und Positionierungen eine Fülle intellektueller Anregungen mitnehmen können.

An Grenzgängen orientiert sich der Aufbau dieses Buchs. Den Bezugspunkt bildet dabei jeweils Gesellschaft. Sie wird von der Psychoanalyse, der Geschichte und der Philosophie her in den Blick genommen, auf destruktive und emanzipatorische Potentiale hin geprüft. Am Beginn aber steht die Figur des Grenzgängers selbst, der Intellektuelle und die Politik. Ihm gilt der erste Teil des Bands.

Gerd de Bruyn ist ihm in der Person des politischen Demokraten, waghalsigen Forschers, Architekten und Kunsttheoretikers Gottfried Semper auf der Spur. Er zeigt, daß Sempers ästhetische Vorliebe für Symbol und Ornament einem Ideal von der Demokratie entspringt und konfrontiert dies mit dem Funktionalismus der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Der habe zwar, argumentiert er, die materiellen und emotionalen Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung zu befriedigen gesucht, der demokratische Gedanke jedoch sei dabei weitgehend verkümmert.

Julijana Ranc stellt auf der Grundlage weithin unbekannter Quellen die Auseinandersetzung Franz Pfemferts mit Heinrich Manns Rechtfertigung des Moskauer Schauprozesses von 1936 dar und kommentiert sie. Zur Debatte steht, wie einer der wenigen Intellektuellen, die bereits vor und während des Ersten Weltkriegs gegen Krieg und Nationalismus auftraten und sich dann konsequent gegen den Nationalsozialismus stellten, Heinrich Mann, zum Apologeten der Stalinschen Diktatur werden konnte. Dargelegt wird aber auch die Haltung des »moralischen Monisten« Franz Pfemfert, des ehemaligen Herausgebers der literarisch-politischen Zeitschrift »Aktion«, entschiedenen Aufklärers und Anhängers des Rätekommunismus, die es ihm ermöglicht und ihn dazu getrieben hat, gegen Mann öffentlich Stellung zu beziehen.

Agnes Schmidt beschäftigt sich mit Intellektuellen eines Landes, das eine ganze Reihe bedeutender Grenzgänger in der Soziologie, Psychoanalyse, Philosophie und Kunst hervorgebracht hat, Ungarn. Sie stellt die historisch-soziale Konstellation in diesem Land an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert dar, die den Nährboden für die Herausbildung der »kritischen Intelligenzija« bildete, aber auch entscheidende Fragen, an denen die ursprüngliche relative Einheit gegenüber dem vorherrschenden ständischen Konservatismus und Nationalismus schließlich zerbrach: Fragen der anzustrebenden politischen und gesellschaftlichen Ordnung, der Kriegsbegeisterung im ersten Weltkrieg, der Unabhängigkeit von Kunst und Intellektuellen, der Ethik in der Revolution.

Grenzgänge zwischen Psychoanalyse und Gesellschaft bilden den thematischen Schwerpunkt des zweiten Teils. Karl Fallend rekonstruiert die Geschichte der nach der Zwangsauflösung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung von den Nationalsozialisten geschaffenen, gleichgeschalteten »Wiener Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie« sowie die Biographien ihrer Mitglieder. Er legt widersprüchliche Motive, Selbsttäuschungen und Tabuisierungen bei denen frei, die nicht ohnehin überzeugte Nationalsozialisten waren. »Erträumte Kontinuität«, gegründet auf Verdrängung der eigenen Vergangenheit, endete nach dem Krieg in Sprachlosigkeit, unüberbrückbarer, nicht bearbeiteter Distanz zu den ins Exil Getriebenen.

Ernst Federn setzt sich mit dem Verhältnis von Marxismus und Psychoanalyse auseinander, den beiden das Verständnis vom Menschen auf jeweils unterschiedliche Weise revolutionierenden, einander ergänzenden und gleichwohl immer in Spannung zu einander stehenden Denkrichtungen mit praktischer, emanzipatorischer Absicht. Letzlich überwiegen nach seinem Urteil die einander ergänzenden Bezüge, nicht zuletzt das von beiden verfolgte Ziel, die Herrschaft unbewußter Mächte – im Individuum und in der Gesellschaft – zu brechen.

Martin Kronauer geht der Frage nach, wie Freuds These eines unaufhebbaren Zwiespalts zwischen dem menschlichen Streben nach Glück (individueller Freiheit) und seinem Streben nach Sicherheit (in gesellschaftlicher Einschränkung) zu verstehen ist und wie sie in der Soziologie aufgegriffen wurde. In kritischer Auseinandersetzung mit prominenten soziologischen Positionen argumentiert er, daß »Ambivalenz« in diesem Zusammenhang zur ideologischen Kategorie wird, wenn sie vom Ziel der Reduzierung menschlichen Leidens an und in der Gesellschaft ablenkt.

Bernd Nitzschke hebt als ein wesentliches Merkmal und aufklärerisches Moment der Freudschen Psychoanalyse die Überwindung dichotomischer Weltbilder von Gut und Böse hervor. Letztere helfen dabei, »kompakte Majoritäten« zu formen, die sich unter rassischen, ethnischen, nationalistischen oder religiösen Vorzeichen in Blutbäder führen lassen. Freuds Resistenz dagegen, die sich allerdings erst mit zunehmender, schmerzhafter Lebenserfahrung einstellte, führt Nitzschke auf dessen »transkulturelles Erbe« als in deutschen Denktraditionen verwurzelter Jude zurück, konfrontiert mit wachsendem Antisemitismus in Österreich und Deutschland.

Paul Parin behandelt mit seinem Beitrag zum »Studium des ›subjektiven Faktors‹« eine zentrale thematische Überschneidung zwischen Marxismus und Psychoanalyse. Er zeigt dabei Schwächen in Marxens Theorie der Bedürfnisse und der bei Marx angelegten, im Marximus weiter schematisierten und verunklarten Unterscheidung von Basis und Überbau auf, die der kritischen Überprüfung im Lichte psychoanalytischer und ethnologischer Erkennnisse bedürfen – gerade dann, wenn es um die Weiterentwicklung Marxscher Kerngedanken geht. Der Beitrag ist theoretisch gültige Analyse und historisches Dokument zugleich. Er wurde in den neunzehnhundertachtziger Jahren für eine »Enzyklopädie des zeitgenössischen Sozialismus« verfaßt, die im damaligen Jugoslawien erscheinen sollte, aber nie erschien. In einer aktuellen Vorbemerkung legt Parin die historischen Umstände des geplanten Buchprojekts und seines Scheiterns dar.

Zwischen Geschichte und Gesellschaft verlaufen die intellektuellen Grenzgänge des dritten Teils. Leo Cooper bezieht in seinem Beitrag zudem die Psychoanalyse ein. Er zeichnet die Geschichte des Antisemitismus von biblischen Zeiten bis in die Gegenwart als unheilvolle Kontinuität in wechselnden Erscheinungsformen nach. Seine Suche nach theoretischer Erklärung ist zugleich eine nach Möglichkeiten, jene Kontinuität zu durchbrechen. Dabei gilt sein besonderes Augenmerk der Übertragung von Einstellungen und Vorstellungen zwischen den Generationen.

Helmut Fleischer kommentiert Dahmers Vorlesungen zur »Soziologie nach einem barbarischen Jahrhundert« ausgehend von eigenen biographischen Erfahrungen und im Hinblick auf die Bedingungen geschichtlicher Veränderung. Bezugspunkte sind dabei immer wieder Anstöße »der Vordenker« Marx und Engels, die er vor dem Hintergrund der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts aufnimmt und prüft.

Rudi Schmiede wendet sich den Subjekten im gegenwärtigen Kapitalismus zu, den er als »informationellen Kapitalismus« kennzeichnet. Damit will er die Bedeutung unterstreichen, die der Gewinnung, Vermittlung und Verarbeitung von Informationen in »weltumspannenden sozio-technischen Systemen« für den globalisierten Kapitalismus zukommt. Subjektivität, so Schmiedes Argument, steht in der Gefahr, in dieser von den Einzelnen als unbeherrschbar erfahrenen, »systemisch« vernetzten Welt unterzugehen. Zugleich aber wird sie aufgewertet, da die Erzeugung und Verarbeitung von Wissen in besonderer Weise an die Subjekte gebunden sind, denen damit ein Widerspruchspotential zuwächst.

Manfred Teschner setzt sich ebenfalls mit der Produktion von Wissen im globalisierten Kapitalismus auseinander, bezieht sich dabei aber auf eine besondere Institution, die Hochschule, und deren Veränderungen seit den neunzehnhundertsiebziger Jahren. Bei ihm überwiegt große Skepsis. Er konstatiert ein »ökonomisches Kurzschließen« der Hochschulen, das deren aufklärerische und produktive Möglichkeiten ausgerechnet in einer Zeit beschränkt und untergräbt, wo sie angesichts drängender ökonomischer, sozialer und ökologischer Krisen besonders gebraucht würden.

Rolf Wörsdörfer
legt die Barbarei im zwanzigsten Jahrhundert historisch und soziologisch an einem exemplarischen Fall dar, dem des nationalsozialistischen Konzentrationslagers »Risiera di San Sabba« in Triest. In der Zeit während der deutschen Besatzung errichtet, war es weit mehr als ein »Polizeihaftlager«, für das es offiziell ausgegeben wurde, sondern Durchgangsstation in die Vernichtungslager und vor Ort gezielt eingesetzte Tötungsmaschinerie. Wörsdörfer zeigt aber auch die Praktiken auf, mit denen unmittelbar nach der Befreiung in Teilen der Bevölkerung und mit Hilfe der Alliierten die Verdrängung dieser jüngst zurückliegenden Geschichte betrieben wurde.

Philosophie und Gesellschaft verbinden schließlich die Grenzgänge des vierten Teils. Gerhard Gamm zeichnet die Geschichte der Philosophie in der Bundesrepublik Deutschland anhand der Verschiebung »neuralgischer Punkte« nach, an denen gesellschaftliche Problemlagen Eingang in philosophische Fragestellungen und Kontroversen fanden. Am Anfang stand das »Erschrecken« über das Ausmaß menschenmöglicher Verbrechen und die Potentiale menschenmöglicher Destruktion, über die »Kluft zwischen Machenkönnen und Verantwortenkönnen«. Es trat zurück hinter das Bemühen, Anschluss an das (natur-)wissenschaftliche Denken zu halten und die Philosophie selbst als Wissenschaft zu begründen. Es scheint, als habe die Philosophie auf diesem Weg, im Rückzug vor den ausgreifenden Ansprüchen der einzelwissenschaftlichen Disziplinen, immer mehr an Reichweite und eigenständiger Fragequalität eingebüßt.

Hassan Givsan arbeitet in seinem Text über Schopenhauer heraus, wie Philosophie in der ihr eigenen Weise Gesellschaft zur Sprache bringt. Als »Reich der Bedürfnisse« bestimmte Hegel die bürgerliche Gesellschaft und legte damit die fortwährende Neuschöpfung und Überschreitung von Bedürfnissen als deren wesentliche Antriebskraft offen. Nur Schopenhauer widersetzte sich dieser Logik, indem er Willen als Willen zum Leben und das Leben als Leiden begriff. Nietzsche, der Widersacher Schopenhauers, erscheint unter diesem Blickwinkel in einem anderen Licht als bei Dahmer, worauf Givsan auch verweist: Dem Willen als Willen zum Leben und dem Leben als Leiden setzt Nietzsche in »Zarathustra« den »Willen zur Macht« entgegen, die Entfesselung der bürgerlichen Gesellschaft im imperialen Zeitalter.

Sibylle Hübner-Funk geht den Verbindungen zwischen Nietzsche und Simmel sowie beider Rezeption im postmodernen Diskurs nach. Überrascht die gleichzeitige Aktualität von Nietzsche und Simmel insofern, als der eine ein vehementer Kritiker der Soziologie, der andere ein Klassiker des soziologischen Denkens ist, so haben sie, wie Hübner-Funk ausführt, gleichwohl eine »ästhetisch-aristokratische« Haltung gemeinsam, die sie für die kulturalistische Postmoderne in ihren verschiedenen Denkrichtungen attraktiv macht. Die Autorin stellt zur Diskussion, ob die »ästhetische Behandlung ›sozialer Fragen‹ besser als deren moralische Bewertung« dem Verständnis der conditio humana im »weltweit vernetzten Kontext« dient.

Dag J. Opstaele fragt nach den Möglichkeiten anthropologischen Denkens, nachdem durch den Nationalsozialismus »alle bisherigen Verbindlichkeiten und tragfähigen Erkenntnisse über das Menschsein« aufgehoben worden sind. Denn nicht die bloße Abweichung von der Vorstellung eines gemeinsamen Bandes zwischen Menschen und Völkern, wie sie sich im antiken Judentum herausgebildet und im Christentum und der Aufklärung der Neuzeit weiterentwickelt hat, sondern deren bewußte und radikale Aufkündigung im Namen eines alternativen, völkischen Menschenbilds machte das Wesen des Nationalsozialismus aus. Daraus ergibt sich für Opstaele die paradoxe Herausforderung an eine Anthropologie nach dem Holocaust, keine andere Identitätsbestimmung des Menschen zuzulassen als die seiner Unbestimmtheit, seiner Offenheit.

Harry Redner setzt sich mit der philosophischen Grundfrage nach der Konstitution des Subjekts und von Subjektivität auseinander. Der zentrale Angelpunkt, von dem aus er die Frage beantwortet, ist der Körper in seiner zweifachen Bestimmung als (physischer) Körper und (empfindungsfähiger) Leib. Diese Unterscheidung ist ontologisch komplementär gedacht, bezieht sich auf unterschiedliche Wahrnehmungs- und Beschreibungsweisen. Von ihr ausgehend ist es möglich, so Redner, traditionelle philosophische Gegensatzpaare, in denen das Materie-Geist-Problem formuliert wird, und deren Aporien zu überwinden; das Subjekt zugleich als körperlich in die Natur eingebunden und als leiblich zur Entwicklung von Selbstbewußtsein und Freiheit befähigt zu begreifen.

Den Autorinnen und Autoren sei herzlich gedankt. Sie haben lange Zeit Geduld aufbringen müssen, aber dann, als die Publikation Gestalt annahm, zu dem Vorhaben gestanden. Herzlicher Dank gilt ebenfalls Friedhelm Herborth für sein Engagement. Er hat sich sogleich für das Buch eingesetzt und alles Mögliche getan, damit es veröffentlicht werden konnte.

Berlin, im März 2006
Martin Kronauer


1  Dahmer, Helmut: Soziologie nach einem barbarischen Jahrhundert, Wien 2001. Ergänzt um drei weitere Beiträge ist der Band inzwischen auch auf Spanisch in Peru erschienen: La sociolgía después de un siglo de barbarie, Lima 2005.
2  Siehe hierzu auch: Dahmer, Helmut: Pseudonatur und Kritik. Freud, Marx und die Gegenwart, Frankfurt am Main 1994.
3  Helmuth Plessner in Göttingen, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in Frankfurt gehörten zu seinen Lehrern.
4  Beispielhaft sei der von ihm und Helmut Fleischer verfaßte Beitrag Karl Marx in dem von Dirk Käsler herausgegegbenen ersten Band der Klassiker des soziologischen Denkens, München 1976 genannt.
5  Zu den bisher erschienenen Bänden sowie weiteren Veröffentlichungen von Texten Trotzkis siehe die Bibliographie am Ende dieses Buchs.
6  Dahmers im Frankfurter Suhrkamp Verlag veröffentlichten »Studien über Freud und die Freudsche Linke«, Libido und Gesellschaft, wurden zu einem in mehrere Sprachen übersetzten Klassiker. Sowohl in die Gesellschaftswissenschaften als auch in die Theorie und Praxis der Psychoanalyse wirkte Dahmer als langjähriger Mitherausgeber der Zeitschrift Psyche hinein. Vergleiche hierzu und zu weiteren Schriften von ihm zum Thema Psychoanalyse und Gesellschaft ebenfalls die biographische und bibliographische Skizze in diesem Band.