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Das Soziale von seinen Grenzen her denken

Gesa Lindemann
Das Soziale von seinen Grenzen her denken

280 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-938808-61-0
Buchausgabe bei Velbrück Wissenschaft 29,90 Euro

E-Book (PDF) 19,80 €

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Zwei Fragen stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Wie wird das Feld sozialer Phänomene durch sozialtheoretische Annahmen kritisch begrenzt? Und: Wie wird faktisch die Grenze zwischen sozialen Personen und anderen Entitäten gezogen? Die erste Frage bezieht sich auf die erkenntniskritischen sozialtheoretischen Annahmen, die in jeweils unterschiedlicher Weise in die Forschung eingehen. Die zweite Frage bezieht sich auf elementare Grenzziehungen, durch die im Objektbereich der Kreis sozialer Personen begrenzt wird. Beide Dimensionen des Grenzbegriffs stehen in einem engen Zusammenhang. Wer danach fragt, wie faktisch der Kreis legitimer sozialer Personen begrenzt wird, darf nicht von vornherein voraussetzen, dass ohnehin nur lebende Menschen soziale Personen sein können. Wer diese Voraussetzung fallen lässt, trägt eine hohe Beweislast. Denn man muss Auskunft darüber geben, welche alternativen sozialtheoretischen Prämissen die empirische Forschung anleiten sollen und darüber, wie das Verhältnis von Sozialtheorie und empirischer Forschung zu begreifen ist. Die hier vorgestellten Studien entfalten zunächst im Anschluss an die historisch-reflexive Anthropologie von Helmuth Plessner ein neuartiges Verhältnis von Anthropologie und Soziologie. Anstatt Anthropologie bzw. anthropologische Annahmen als Voraussetzung sozialwissenschaftlicher Erkenntnis zu begreifen, wird Anthropologie als ein Phänomen im Objektbereich verortet. Dies ermöglicht es zu fragen, welche Funktion der Anthropologie in der Moderne zukommt, wenn es darum geht, den Kreis sozialer Akteure faktisch zu begrenzen. Die sich aus dieser Forschungsstrategie ergebenden Konsequenzen für die Konstruktion von Sozialtheorien werden in einem zweiten Schritt untersucht. Zunächst werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede systematisch rekonstruiert, die sich bei einem systematischen Vergleich der Sozialitätskonzeptionen von Handlungs-, Interaktions- und Systemtheorien ergeben. Vor diesem Hintergrund lassen sich die theoretischen und methodologischen Neuerungen einordnen, die eine Analyse der Grenzen der Sozialwelt erforderlich macht. Dazu gehört nicht zuletzt eine Neufassung des Verhältnisses von Sozialtheorie und empirischer Forschung. Anstatt Sozialtheorien gegen die Infragestellung durch empirische Forschung zu immunisieren, wie es seit Simmel üblich ist, wird ein Verfahren vorgestellt, das es erlaubt, sozialtheoretische Konzepte durch empirische Annahmen zu irritieren.

In den letzten Jahren hat sich das Spektrum soziologischer Themen und Grundlagenfragen erweitert. Die vormals übliche Gleichsetzung von Menschlichem und Sozialem wird nicht nur infrage gestellt, sondern selbst zum Gegenstand gemacht. Aus der Wissenschafts- und Technikforschung stammt die Forderung, dass die Beobachtung interpersoneller Beziehungen auf Dinge und Technik auszuweiten ist. Daneben hat sich ein Forschungsfeld etabliert, in dessen Rahmen eigens die Bedingungen und Verläufe gesellschaftlicher Grenzziehungsprozesse analysiert werden.

Der Frage nach den Grenzen der Sozialwelt liegt die zentrale These zugrunde, dass es historisch kontingent ist, wie in Gesellschaften der Kreis allgemein anerkannter Sozialwesen begrenzt wird. Die Pointe ist, dass die Frage, wer eine soziale Person ist und was nicht, sich nicht theoretisch, sondern nur empirisch beantworten lässt, indem die praktische Realisierung gesellschaftlicher Wirklichkeitsbildung in den Blick genommen wird.

Die reflexive Wendung auf den soziologischen Gegenstand ist nicht nur eine theore-tische, sondern vor allem auch eine methodologische Herausforderung. Auf den Punkt gebracht: Wie lässt sich die anthropologische Differenz der Moderne in den Blick nehmen, ohne diese Differenz bei der Beobachtung bereits vorauszusetzen?


Dieses Buch schlägt eine reflexive Verzahnung von Sozialtheorie und empirischer Analyse vor. Im ersten Teil werden die Anforderungen in Auseinandersetzung mit Konzepten Helmuth Plessners und Gesa Lindemanns erörtert sowie die ‚Theorie historischer Wissens-ordnungen‘ in Weiterentwicklung der ‚Neuen Wissenssoziologie‘ von Peter L. Berger und Thomas Luckmann vorgestellt. Der zweite Teil bringt den methodologischen und theoretischen Ansatz zur Anwendung. Im Zentrum steht hier die Analyse der spanischen Kolonialismusdebatte zwischen Bartolomé de Las Casas und Juan Ginés de Sepúlveda während der Junta von Valladolid Mitte des 16. Jahrhunderts. Der Vergleich von moderner und frühneuzeitlicher Wissensordnung zeigt die Variabilität der Bedingungen und Formen praktischer Wissensproduktion: Eine allgemein geltende Grenze zwischen dem Sozialen und Nicht-Sozialen, wie dies für die westliche Moderne gilt, ist am Beginn der Frühen Neuzeit weder denkbar noch möglich.

AUTOR

Nico Lüdtke, Dr.phil., derzeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Projekt zur Wissenschafts- und Technikforschung medizinischer Innovationen an der Medizinischen Hochschule Hannover, zuvor wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Oldenburg, 2013 Promotion im Fach Soziologie. Ausgewählte Publikationen: Akteur – Individuum – Subjekt: Fragen zu »Personalität« und »Sozialität« (hg. zusammen mit H. Matsuzaki), Wiesbaden 2011.

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